Todessehnsucht strahlt Fausto nicht gerade aus. Eher die heitere Nonchalance eines betagten Salonlöwen. In seinem zerknitterten Gesicht blitzen wache Augen, das weiße Menjoubärtchen demonstriert gepflegte Virilität, über dem Gürtel wölbt sich ein Kugelbauch wie die Verkörperung ungezügelter Daseinsfreude. Und doch drängt sich der Eindruck auf, der Alte könne es kaum erwarten, endlich unter der Erde zu liegen. Wieder und wieder umkreist er ein parkplatzgroßes Areal und malt mit der Stiefelspitze Markierungen in den Kies. Dabei redet er, als gäbe es kein Morgen. Über seine letzte Ruhestätte. Hier vorn würden seine Kollegen einmal Buchsbäume pflanzen. Schön rund geschnitten. Vielleicht auch kantig. Oder in Raketenform, er müsse noch darüber nachdenken. Ringsherum plane er eine kniehohe Mauer mit Türmchen an den Ecken. Am Kopfende dann das Kreuz. Natürlich mannshoch. Gut, es werde nicht aus Marmor sein wie das Mausoleum der Familie Kusanoviƒ einen Steinwurf weiter. Seine Mittel seien bescheiden. Aber der weiße Granit aus Brasilien werde in der Sonne funkeln, dass es eine Art hat. Fausto gerät jedes Mal ins Schwärmen, wenn er die für ihn reservierte Grabstelle auf dem Friedhof von Punta Arenas besucht. "Seien Sie ehrlich", resümiert er schließlich und lässt seinen Blick über einen Wald aus Kreuzen und Kuppeln, aus akribisch getrimmten Zypressenkegeln und Ehrenmalen schweifen: "Kann es etwas Schöneres geben, als hier zu enden?"

Wahrscheinlich nicht. Nicht in Punta Arenas. Denn in der selbst ernannten "südlichsten Metropole der Welt" liegt der Hund begraben. Die 120000 Einwohner der chilenischen Stadt am letzten Zipfel Amerikas verbringen ihre Tage in einer Atmosphäre öligen Phlegmas. In den wenigen Straßenzügen des Zentrums wechseln Geschäfte für Schiffsausrüstungen mit spartanischen Bars und Imbissen, in deren Schaufenstern Meeresspinnen und kuheutergroße Tintenfische liegen. Graue viktorianische Fassaden bröckeln vor sich hin, aus der Zeit gefallene Modeläden präsentieren verstaubte Kleider. Jeder Zweite von ihnen scheint sich auf Faltenröcke spezialisiert zu haben, die aussehen, als stammten sie aus dem Fundus alter englischer Internatsfilme. Und wer einen Buchladen aufsucht, kann dort nicht nur vergilbte Bände von Pablo Neruda und Frederick Forsyth kaufen, sondern auch Bratpfannen und Drillbohrer.

Auf einem Höhenzug im Westen nisten Holzhäuser, die ihre Hausnummern auf Walwirbelknochen anzeigen. Über ihre Blechdächer faucht der unerbittliche patagonische Wind und zwingt die Bäume von Punta Arenas in eine Ostneigung. Auf dem Friedhof am anderen Ende der Stadt ist sie oft so bizarr, dass man meinen könnte, die Südbuchen verbeugten sich ehrfürchtig vor Feuerland, das jenseits der angrenzenden Magellanstraße beginnt. Dabei gäbe es für einen solchen Kotau gar keinen Grund. Denn gegenüber der Monotonie, die über weiten Teilen Feuerlands gähnt wie der Schlund eines müden Riesen, nimmt sich der Cementerio Municipal von Punta Arenas aus wie ein Vergnügungspark. Er zählt zu den zwölf Nationaldenkmälern Chiles und ist das Prachtvollste, was die Stadt als Vorposten der zivilisierten Welt zu bieten hat. Viele halten ihn für den schönsten Friedhof ganz Südamerikas.

Fausto wundert das nicht. In Punta Arenas sei ein anständiges Grab schon immer wichtiger gewesen als jedes Haus, sagt der pensionierte Friedhofsgärtner. Zweifel an seinen Worten schwinden, sobald man durch das Portal der Begräbnisstätte schreitet und Mausoleen wie die Miniaturversionen von Opernhäusern der Belle Époque Spalier stehen. Ihre Wucht gleichen sie durch Zierrat aus. Kupferne Engelsscharen trompeten auf den Dächern, bronzene Reliefs schmücken die Wände. Manche protzen vorlaut in grellweißem Marmor, andere schweigen düster in schwarzem Stein. Man sieht klassizistische Säulen und grünspanbewachsene Kuppeln.

Die Gravuren auf den ältesten Mausoleen und Grabsteinen erinnern an die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Menschen das maßlose Nichts Südpatagoniens zu besiedeln begannen. Viele Namen stammen aus Kroatien, manche aus Deutschland und der Schweiz, einige sind französischer, andere englischer und italienischer Herkunft. Auch Gemeinschaftsgräber wie das für die Mitarbeiter der "Deutschen Kranken Kasse" sind zu sehen und merkwürdige Gedenksteine. Der martialischste unter ihnen ist ein unförmiger Brocken, der wie ein eben niedergegangener Meteorit in einer Parzelle liegt und eine Krause aus dicken Granaten trägt. In seinen tintenschwarzen Stein ist eine Widmung gemeißelt: "Admiral Graf Spee und heldenmütiger Besatzung seiner Schiffe Scharnhorst, Gneisenau, Dresden und Leipzig, siegreich in der Schlacht bei Santa Maria am 2. 11. 1914, gefallen für das ferne Vaterland in der Schlacht bei den Falklandinseln am 8. 12. 1914."

Die Hand des "unbekannten Indianerleins" ist blank gewetzt

Das bedeutsamste Grab ist leicht auszumachen. Es ist das im Genueser Patrizierstil errichtete Mausoleum von José Menéndez. Als der Spanier den Friedhof 1893 gründete, war Punta Arenas eine der wohlhabendsten Handelsstädte der Welt. Die steile Karriere des Orts ist vor allem auf ihn zurückzuführen. Als einer der Ersten setzte Menéndez Schafe auf dem Zwerggras der patagonischen Steppe aus und stieg schnell zum wichtigsten Wollhändler und Großgrundbesitzer der Gegend auf. Zum unangefochtenen "König von Patagonien" wurde er jedoch erst, als seine Tochter Josefina Mauricio Braun ehelichte. Der Spross litauischer Juden floh mit seiner Familie vor Pogromen aus dem russischen Kurland und landete nach einer Odyssee um die halbe Welt 1874 in Punta Arenas. Einen Besseren für seine Tochter konnte sich José Menéndez kaum wünschen. Denn nachdem Mauricio Braun beim einflussreichen Unternehmer José Nogueira Karriere gemacht hatte, vermählte sich der Patriarch aus Portugal mit Mauricios schöner Schwester Sara. Nur wenige Jahre später war er tot – und die Familie Braun fast so reich wie der Magnat Menéndez.