Dresden ist grau an diesem Nachmittag Ende November. Im Café Eisold schräg gegenüber vom Haupteingang des Universitätsklinikums suchen einige Patienten Trost am Kuchenbuffet: Donauwellen locken dort und Christstollen natürlich. Ein Kunde im Jogginganzug ordert sächselnd weich eine »Eierschegge mit Rosinen«, eine kompakte örtliche Pudding-Quark-Spezialität, die hochdeutsch Eierschecke heißt. An einem Tisch sitzt ein älterer Herr mit Krücken und versüßt sich mit einem Kuchenstück den Tag. »Mer Sachsen sind ein süßes Volk«, erklärt ein Cafébesucher mit schwellendem Bauch, »Eierscheggen, Gräbbelschen, Quarggäulschen…, mer sind die Kuchenhochburg der Nation.« Fettgewebe im Bauchraum ➊ ist nicht nur Energiespeicher, sondern ein hoch aktives Organ. Es schüttet Dutzende Signalstoffe und Hormone aus und greift auf diese Weise in die Regelkreisläufe des Körpers ein. Leptin zum Beispiel ist ein Fettgewebshormon, das im Gehirn ➋ das Sättigungsgefühl steuert. Es kontrolliert zudem die Geschlechtsreife, beeinflusst das Immunsystem und vieles andere mehr. Bei besonders fettleibigen Menschen schütten die Fettzellen viel Interleukin-6 aus. Interleukin-6 blockiert das Insulin – ein Diabetes entsteht. In einer verfetteten Leber ➌ wird der so genannte Plasminogen-Aktivator-Inhibitor gebildet, der einen Herzinfarkt auslösen kann. Das Fettgewebe produziert auch Enzyme, die den Blutdruck regulieren. Alle diese Faktoren zermürben die Blutgefäße ➍. BILD

Die barocke Kost, ihre gesundheitlichen Folgen und wissenschaftliche Pionierarbeit machen Dresden zum idealen Rechercheort für eine unter Laien weitgehend unbekannte Stoffwechselstörung. Ungesunde Fette fluten die Adern, die Eingeweide verfetten, das schützende HDL-Cholesterin schwindet. Der Blutzuckerspiegel steigt, und der Blutdruck klettert in ungesunde Höhen. Liegen drei dieser fünf Faktoren außerhalb des Normbereichs, sprechen die Mediziner von einem Metabolischen Syndrom; einer aggressiven Erkrankung, die die Blutgefäße angreift und das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erheblich steigern kann. Obwohl das Metabolische Syndrom in den Leibern von schätzungsweise 30 Prozent aller Deutschen über 40 wütet, ist es in der Bevölkerung kaum bekannt.

Das Metabolische Syndrom ist ein kompliziertes Konzept, und die Betroffenen spüren sehr lange nichts von ihrem entgleisten Stoffwechsel. Viele Experten halten es dennoch für eine der größten Bedrohungen der Gesellschaft. »Wenn unser Gesundheitswesen überleben will, muss man dort angreifen«, wird Ruth Strasser, Kardiologin und Chefin des Dresdner Herzzentrums, am Ende dieses Tages sagen.

Nur 50 Meter vom Café Eisold entfernt beforscht Markolf Hanefeld das Syndrom. Der Mann ist Leiter des Zentrums für klinische Studien und hat den gefährlichen Symptomenkomplex Anfang der siebziger Jahre weltweit zum ersten Mal präzise definiert. Schon in den zwanziger Jahren war Ärzten aufgefallen, dass verschiedene schädliche Stoffwechselzustände häufig gemeinsam auftreten. Solche Häufungen, für die noch keine gemeinsame Ursache gefunden wurde, nennen Mediziner »Syndrom«. Es ist letztlich eine Hilfskonstruktion, eine Diskussionsgrundlage bis ein plausibler Krankheitsmechanismus gefunden worden ist – oder aber die Idee aufgegeben wird. Das Metabolische Syndrom kursierte bereits unter dem Namen Insulinresistenz, Syndrom X, »Tödliches Quartett« oder auch Wohlstandssyndrom. An den Arterienwänden lagern sich Fettpartikel ab ➎, die Gefäße verengen sich und verstopfen. Die Folge: ein Schlaganfall oder Infarkt. BILD

Der Terminus Wohlstandssyndrom verdeutlicht das Problem vielleicht am besten. Die Betroffenen sind fast immer übergewichtig. Das Fett lagert nicht nur in Form von Speckröllchen unter der Haut, sondern gedeiht vor allem um die inneren Organe herum. Die drei Hauptursachen für diese Polsterverteilung sind hinlänglich bekannt: Überernährung, Bewegungsmangel und eine genetische Veranlagung.

Das trifft die Sachsen hart. Die sächsische Bevölkerung gehört im Ländervergleich zu den Deutschen mit dem durchschnittlich höchsten Körpergewicht. »Und sie hat ein extrem hohes Auftreten von Diabetes«, erklärte Ruth Strasser auf der Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und lieferte auch gleich eine Erklärung für die Malaise. Die ginge möglicherweise auf einen berühmten Sachsen zurück. In seinen prallsten Jahren, um 1720, wog Kurfürst August der Starke bei 1,76 Meter Körpergröße rund 120 Kilogramm. Der übergewichtige Regent hatte wahrscheinlich hohen Blutdruck, Diabetes und eine Fettstoffwechselstörung. Und er aß nicht nur gern, er pflanzte sich auch leidenschaftlich fort. 267 Kinder soll er gezeugt haben, 50 Familienlinien hat er wohl im Raum Dresden gegründet und ihnen seine Gene hinterlassen. Noch heute wachsen dort – in Kombination mit der überlieferten kalorienreichen Kost – die Wampen.

Normalerweise betrachten und therapieren die Ärzte jede Folgeerscheinung dieser ungesunden Lebensweise einzeln: Der Zuckerkranke erhält vom Diabetologen Diätpläne und zuckersenkende Medikamente, der Bluthochdruckpatient vom Kardiologen Betablocker, und die Cholesterinfracht im Blut wird mit Statin-Tabletten reduziert. Weil übergewichtige Menschen über 60 eben häufig mehrere Stoffwechselprobleme haben, müssen sie viele Ärzte besuchen und jeden Tag ein Dutzend Pillen schlucken.