DIE ZEIT: Haben Sie erwartet, dass die Nobelpreisrede von Harold Pinter einen Skandal auslöst?

Horace Engdahl: Als das Band kam, habe ich reingeschaut. Um die technische Qualität zu prüfen.

ZEIT: Das klingt sehr gelassen.

Engdahl: Ich hatte natürlich die Rede gelesen.

ZEIT: Wie wirkte der Film auf Sie?

Engdahl: Ich sah den Shakespeare-Schauspieler Harold Pinter. Dieses Glissando, mit dem die Worte kamen. Ich sah auch ein Stück von Beckett – Endspiel. Es ist möglicherweise die letzte Rede von Harold Pinter. Was mir gefällt, ist, dass die Rede nicht im Geringsten sentimental ist.

Z EIT: Pinter sei zu politisch, des Nobelpreises für Literatur gar nicht würdig, hieß es in Deutschland.

Engdahl: Wir haben unsere Feinde in Deutschland, spätestens seit der Preis an Günter Grass ging. Die Polen jedoch lieben uns dafür.

ZEIT: Unterhöhlt Kritik die Würde der Akademie?

Engdahl: Ach, die Akademie ist eine reiche alte Dame. Sie heißt die Schwedische Akademie, sie ist Teil der Nation, nicht des Staates. Sie ist unabhängig. Man kann schimpfen, aber ihr nichts tun.

ZEIT: Es gibt auch in der Akademie Streit. Es gab Austritte – wegen des Preises an Elfriede Jelinek.

Engdahl: Niemand kann die Akademie verlassen, man ist Mitglied auf Lebenszeit. Es gibt dort ältere Mitglieder, die eine Literaturwissenschaft repräsentieren, in deren Mittelpunkt das Leben und Werk des Autors stehen, und jüngere wie mich, deren Interessen auch theoretischer Art sind.

ZEIT: Sie wurden trotzdem 1997 in die Akademie gewählt, wie verläuft eine solche Wahl?

Engdahl: Nach dem Tod eines Mitglieds wird eine Art indirekter Diskussion geführt. Schließlich wächst langsam ein Konsens. Es ist ein geradezu angstvoller Prozess, es ist wie Heiraten in der alten Zeit, als Scheidung unmöglich war. An die Mitglieder der Akademie sind hohe Anforderungen der Solidarität und Professionalität zu stellen.

ZEIT: Die Professionalität wird angezweifelt, es gäbe Fehlentscheidungen wie die für Pinter.

Engdahl: Es ist immer einfacher, politisch über einen Autor herzufallen, als sich in der Tiefe mit seinem Werk zu beschäftigen. Die Akademie ist eine großartige Schule des literarischen Denkens. Wenn Sie 20 Jahre lang jeden jeden Sommer das Werk von fünf Autoren lesen, werden Sie gelehrt.

ZEIT: Gibt es politische Erwägungen?

Engdahl: In meiner Amtszeit gab es acht Preisträger, ich habe nie ein politisches Argument gehört.

ZEIT: Wo sind die wahrhaft großen Autoren?

Engdahl: Es gab zu Beginn des letzten Jahrhunderts eine heroische Zeit – dafür stehen William Faulkner, Paul Valérie, Virginia Woolf. Wir sind in ein pragmatische Periode gekommen, nehmen Sie Isaac B. Singer oder Josef Brodsky. Die Literatur ist heute Zeuge, sie nimmt ihr Material direkt aus der Wirklichkeit, wie Imre Kertész oder Ryszard Kapuscinski es tun oder V. S. Naipaul, der mit den Stimmen der Menschen, die ihm begegneten, eine polyfone Textur schafft.

Z EIT: Wo ist in Zukunft Fiction, was Non-Fiction?

En gdahl: Fiction ist nicht mehr der Kern der Literatur. Der liegt in der Sprache, die eine Verantwortung gegenüber ihrem Material übernimmt. Vielleicht ist es das Ende des Modernismus.

ZEIT: Wie modern kann eine Akademie sein, die in der Mehrheit mit alten Männern besetzt ist?

Engdahl: Wir sind wie große Krokodile in unserem Fluss. Wenn man in die Akademie gekommen ist, hat man sein Schicksal vollendet. Darin liegen eine gewisse Ruhe und eine große Stärke.

die Fragen stellte Susanne Mayer