Die Bühne karg. Shakespeares schlichtes Rund, in blaues Licht getaucht. Ein Rollstuhl, ein alter Mann. Nur eine Szene: Abschiedsmonolog. Ein historisches Erlebnis? Oder Ärgernis? Die Nobelpreisrede des kranken Harold Pinter wurde vergangenen Mittwoch im Festsaal der Schwedischen Akademie in Stockholm auf Video gezeigt BILD

Die andere Bühne ist eine Halle, so groß wie die Mutter aller Kirchenschiffe, die hohen Wände aus leuchtendem rotem Stein, die langen Tische unten im Kerzenschein, und wer oben auf der Galerie aus grauem Granit steht, die sich an der ganzen Längsseite der riesigen Halle entlangzieht, sieht Hunderte und Hunderte von Männern im Frack, Frauen in glitzernden Kleidern, Frauen im Sari und Männer im Burnus, sieht Afrikaner, Inder, Chinesen, sieht kristallene Trinkbecher auf goldenen Hälsen, Champagnergeperle, Kerzengeflacker, hört Gläsergeklirre, Lachsalven, Fanfarenstöße, und einer, der auf seinem weißen Feenhaar eine Kipa trägt, er ruft: Es lebe hoch, unser herrlicher Gastgeber, das Land der Schweden! Skål, skål, skål! Und unser Herr, der gut ist und Gutes tut! Skål, skål, skål!

Der Beginn der diesjährigen Nobel-Woche in Schwedens Stockholm war Harold Pinters Vermächtnis, eine Videoshow in der Schwedischen Akademie, und das Ende der Nobel-Festlichkeiten war Alfred Nobels Traum von der Vermählung von Literatur und Wissenschaft, es war eines der schönsten, größten, ausgelassensten Feste – zu Ehren der Wissenschaft und der Imagination. So werden in der Welt Könige nicht geehrt wie hier in Stockholms Stadshuset die Künste. Ein Abschied also war das eine Ereignis, das andere eine Feier der Erneuerung. Harold Pinter, der umstrittene Nobelpreisträger der Literatur des Jahres 2005, der im Krankenhaus gegen den Tod kämpft, hatte der Schwedischen Akademie eine Aufzeichnung seiner Preisrede geschickt, und siehe da, sie enthielt das letzte Stück des Autors, die letzte Inszenierung des Regisseurs Harold Pinter, die letzte Rolle des Schauspielers Harold Pinter, eine Zusammenführung des Theatermanns, des Intellektuellen, des sich einmischenden, lustvoll Ärgernis erregenden Bürgers. Hinter ihm ist ein Bildnis seines jüngeren Selbst an die Wand projiziert, davor nun der Alte, eine Decke über den Knien. Pinter spricht über ein halbes Jahrhundert politisches Engagement, er redet über die Außenpolitik Amerikas, er endet mit einem Gedicht über den Tod.

Am Todestag Alfred Nobels wird ein Fest der Erneuerung gefeiert

"War der Tote tot, als man ihn fand? War er tot, als er verlassen wurde?", die Stimme dünn, "haben sie den Toten gewaschen, haben sie ihm beide Augen geschlossen, haben sie ihn begraben, haben sie ihn verlassen", sagt er mit krebswunder Stimme, "haben sie den Toten geküsst?" Lippenbewegungen.

Das war drei Tage vor dem 10. Dezember, welches seit 1896 der Todestag Alfred Nobels ist und heute ein nationaler Feiertag. Draußen im dunklen Hof des Stadshuset kleine Pfadfinder mit Fackeln, drinnen schreiten junge Menschen mit meterhohen Blumengebilden auf dem Kopf von der Galerie herunter zwischen das strenge Muster der Tische, sie singen alte Worte aus dem Fundus der nordischen Gesänge, sie verwandeln die dunkelste der Nächte mit ihren Liedern und Blumen in eine märchenhafte Inszenierung der Freude, Prinzessin Primaveras Gartenparade heißt ihr Stück, an dessen Ende die Wände der Halle, die Geländer der Treppen, die Tische wie durch einen Zauber mit Bouquets und langen Stöcken voller Blüten geschmückt sind, als sei schon der Frühling da. "Diese dunklen Tage in Stockholm schärfen den Sinn für das Licht in unserem Leben", wusste Professor Roy J. Glauber auf der Treppe zu sagen, als Dank für den Nobelpreis, der ihm verliehen wurde für seine Arbeiten über die Bedeutung der Quantentheorie hinsichtlich optischer Kohärenz. Glauber, der wie alle Preisträger zu den Studenten sprach, die in großer Zahl zu diesem Fest geladen waren, weil die Schweden nie nur sich selbst feiern, sondern gern auch die Zukunft in ihren Kindern, ihnen also konnte der Harvard-Professor aus Shakespeares Love’s Labour’s Lost zitieren , "Light, seeking light, doth light of light beguile" – was er übersetzte mit den Worten: "Intellekt, Verstehen suchend, kann den Verstand leicht in die Irre führen – oder vielleicht ja auch andersherum", wie er albernd hinzufügte.

So oder so kann man die Dinge sehen, die Literatur und die Wissenschaft. Es gab Anlass, des Physikers Interpretation von Shakespeare auf dessen Kollegen, den modernen Dramatikers Pinter, anzuwenden – oder, vielleicht andersherum, auf die Reaktionen auf Pinter und seine Rede. Zeigte Pinters Zusammenfassung der Außenpolitik Amerikas, dass sein Geist in die Irre geht, wie in ausländischen Zeitungen zu lesen war? "Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile", sagte Pinter. "Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden." Ein Beispiel müllsprudelnden Dogmatismus, wie ein englischer Kritiker fand? Eine Demonstration von Blindheit gegenüber der Realität, wie Per Svensson, Chef des Feuilletons der Boulevardzeitung Expressen, meint, der als Reporter im Balkan-Krieg war und Pinter vorwirft, den Kriegsverbrecher Milo∆eviƒ zu verharmlosen?

Pinter sprach böse, kalt, schnell. Er verweigerte seinen Widersachern die Rolle des rasenden Alten. Er sprach unter Ausnutzung aller rhetorischen Mittel. Langsame Bilder. Fragen, nur gestellt, um im Stakkato beantwortet zu werden. "Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und ein Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend?" Er sprach über die Sandinistas und die Contras, die Angriffe auf den Irak, über Guantánamo Bay und den Hungerstreik von Häftlingen. Syntaktische Wiederholungen, die ein Argument gnadenlos nach vorne trieben. "Bin Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse, wenn er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren. Wir glauben an die Freiheit. So wie Gott…" Es gab Stellen, an denen gelacht wurde, comic relief nennt man das auf Englands Bühnen.

Es ging um das, was am Ende wichtig ist. Er sprach ohne Pinter-Pause

Pinter hatte die Unsicherheit suchende Sprache verlassen, für die er berühmt ist. Es ging um die Suche des Bürgers nach Wahrheit, ein gefährliches Unterfangen, auch oder gerade wenn dieser Bürger ein Schriftsteller ist: "Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Träne vergießen. Der Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch, dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind eisig." Er sprach ohne Selbstmitleid. Es ging um das, was am Ende wichtig ist. Er sprach ohne eine einzige Pinter-Pause. Er wandte kein Mal den Blick von den Zuhörern.

Die Zuhörer im großen Saal der Svenska Akademien, der sich über die Breite eines schönen Barockbaus in Stockholms Altstadt Gamla Stan dahinzieht, applaudierten mit kontrolliertem Nachdruck, vielleicht, weil sie die Gefühle bändigen wollten, die diese Rede in ihnen ausgelöst hatte, die sie auf den Bänken mit den Plüschpolstern unter den großen Lüstern sitzen konnten und auf die Leinwände schauten, die zwischen den goldgeschmückten Säulen des Saales hingen und auf denen der alte Mann zu sehen war. Unten auf dem Platz Stortorget dudelte der Weihnachtsmarkt, aber hier oben spielte so etwas wie Becketts Endspiel. Einige erhoben sich, während sie klatschten.

Es waren keine linken Splittergruppen, die sich zur Ansicht des Videos eingefunden hatten, eher reife Bürger aus der Akademien, Vertreter der Botschaften und der Presse, einige Theaterleute, aber das Thema der Sandinisten und ihres Kampfes gegen die Contras hatte schon zu Zeiten von Olof Palme die Gesellschaft sehr erregt, daran erinnerte sich der Autor Per Olov Enquist, auch so ein großer alter Theatermann, der zu dieser Rede gekommen war. Vor der Invasion Amerikas in den Irak hatten in Schweden hunderttausend Menschen demonstriert, Großmütter und Schulkinder waren gekommen, um die Bomben von Bagdad abzuwenden. Allein diese Rede, sagte der schwedische Choreograf Mats Ek, habe die Verleihung des Nobelpreises gelohnt: "Diese Rede wird nicht vergessen werden, so wie es die meisten Nobelpreisreden schon sind." Sie bewundere Zivilcourage, sagte die Bestsellerautorin Karin Altvegen; "Er ist am Ende seines Lebens und von allem, und wenn er für etwas brennt, muss er es sagen können", sagte Maria Schottenius vom Feuilleton der Tageszeitung Dagens Nyheter. Es sei, sagte Ek, ein Verdienst der Akademie, auf etwas aufmerksam zu machen, was schon lange da war, aber nicht gesehen wurde.

Am Tag der Rede konnte man im Dagens Nyheter ein Cartoon zu sehen, auf dem die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice aus dem Flugzeug steigt und ihr ein banges " Wird gefoltert? " entgegenschallt, nein, nein, beruhigt sie, ich will mich nur unterhalten. Der Vorwurf fehlender Aktualität jedenfalls kann die Wahl Pinters nicht treffen. Die Schwedische Akademie hat in ihrer Geschichte, die am 5. April des Jahres 1786 beginnt, natürlich schon manche Stürme erlebt, vielleicht findet sie in diesen Stürmen zu sich. "Snille och Smak" ist das Motto der Versammlung der 18 Ehrwürdigen, Talent und Geschmack. Da sind die alten Gänge, auf denen weiche Teppiche zu den deckenhohen Bücherborden laufen. Man kümmert sich um die Pflege der schwedischen Sprache, es kann noch Jahre dauern, bis das Projekt eines neuen Lexikons abgeschlossen ist. Andererseits konnte mit Horace Engdahl, dem 17. Sekretär der Akademie, ein Mann gefunden werden, der Talent hat und eine Schärfe der Argumentation. Einer, der sich gern erinnert, wie er mit Jacques Derrida das akademische Establishment erschreckte. Und der Kleist übersetzt hat und lächelnd bemerkt, wie viele Unterhaltungen doch immer zu Penthesilea führen. Sein Vorname Horace ist eine Huldigung an die Kriegskunst Lord Nelsons, Horace selbst weiß zu berichten, wie ihn sein Training als Intelligence Officer der Armee qualifizierte, in der Akademie für Disziplin und Geheimhaltung zu sorgen.

Keine Namen in E-Mails. Beim Lesen von Büchern in der U-Bahn falsche Schutzumschläge wählen. Und: Öffentliche Streitereien vermeiden. Engdahl gefällt jene Geschichte, in der das eine Mitglied ein anderes absolut unerträglich fand. Stillschweigend blieb der Mann fern, bis sein Kontrahent verstarb – und er sich, nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit, stillschweigend wieder einfinden konnte. So viel Gelassenheit bewährt sich, wenn da nach der Preisverleihung an Imre Kertész ein Journalist auftaucht und wissen will, wieso man keinen echten Ungarn, stattdessen einen Juden ausgewählt habe.

Der Rest ist sportlich. Den Sommer durchlesen, das Gesamtwerk der fünf Finalisten, die Gutachten dazu, die Gegengutachten, die Weltliteratur nicht aus dem Blick verlieren. In der Akademie verfüge man selbst über elf Sprachen, für das Arabische und Ungarische hole man sich Hilfe. Dann die Diskussionen mit Per Wästberg, dem Sekretär des vierköpfigen Nobel-Komitees, das der Akademie jedes Jahr eine Vorschlagsliste unterbreitet. Wästberg, Publizist, Verfasser von Romanen und Essays, ehemals Vorsitzender des schwedischen Pen, Afrika-Experte, Journalist und nun also Sparringspartner seiner Akademie-Kollegen, Katarina Frostensen, Peter Englund, Kjell Espmark, es sind vielleicht nur vier, fünf Leute, die in der Schwedischen Akademie letztendlich die Entscheidung über den Nobelpreis für Literatur bestimmen. Aber dass es eine langweilige Versammlung betagter Ignoranten sei? Der Vorwurf stößt einem nur auf, wenn man zufällig schlecht gegessen hat, spottet Wästberg, ein eleganter Herr von 75 Jahren, dessen Liebesleben die Stadt in Atem hält. Er sieht nicht aus wie einer, der sich Unverdauliches auftischen lässt. Gerade ist er auf eiligem Weg zu einem Lunch beim britischen Botschafter, einem Mann mit Namen Carey, Nachfahre dieses wundervollen Autors, "kennen Sie den?", fragt Wästberg und ist schon so leichtfüßig davongeeilt, dass alle Sorgen um die Zukunft des Preises davonwehen. "Do not fear what you may write, feel free to write what you want!" steht an den Wänden der großen Halle des Nobel-Museums unter der Akademie geschrieben, wo die Preisträger der Nobel-Stiftung verewigt sind, Bertha von Suttner zum Beispiel, auch so eine Streiterin gegen Krieg und Unrecht und Freundin von Nobel. Pinter sollte da so gar nicht passen?

Nachmittags Puccini, frühmorgens das Lied vom "Helicobacter pylori"

Am Ende der Woche hatten die Botschaften ihre Türen den Laureaten geöffnet, das Grand Hotel hatte ihre Sippen beherbergt, man hatte ins Konzerthaus geladen, wo der Cellist Yo-Yo Ma Antonín Dvo≤áks Konzert in B-Moll op. 104 so hingebungsvoll spielte, dass man um Menschen mit Herzfehlern fürchten musste, eine der Prinzessinnen wurde beobachtet, wie sie im Herausgehen verschwörerisch einem Mädchen in der ersten Reihe zuwinkte. Man könnte sagen, es herrschte gelassene Heiterkeit, selbst die Frauenfrage stellte sich nur am Rande, in Schweden! Dass in der Akademie nur drei Frauen sitzen, sei wie die Jugend ein Fehler, den die Natur behebe, lächelt Barbro Hedtvall, die bekannte politische Leitartiklerin , in 50 Jahren werde sicher ein Drittel der Plätze von jungen Frauen eingenommen. Die Jugend also kommt, jedenfalls in Schweden, und eine der schönsten Inszenierungen der Nobel-Woche war denn auch Studenten der Medicinska Föreningen zu verdanken, was eine im Jahre 1877 gegründete Verbindung ist.

Die Studenten transformierten ihr Vereinshaus im Karolinska Institutet in eine Bühne für das Epos Edda . Eisgnome säumten den Weg, die Wesen der Urzeit hatten alle Stockwerke besetzt, Nebelschwaden, weiß gegürtete Engel massierten Ermüdeten die Schultern, Bier wurde zur Stärkung gereicht und die Urspeise aller Schweden, Hering. Donnergrollen! Auf dem Fußboden wiesen Runen den Weg, so gelangte man von Nidavellir, dem Land der Zwerge, nach Nifelheim, der Welt der Toten, Deyr fé, deya jfrændr … Cattle and kinsmen die, thyself too soon must die…" solche Sätze waren zu hören, wohl als Zeichen, dass wir auch von Harold Pinter weiter hören werden.

In welcher Rolle Würdenträger in Erscheinung treten, ist stets verblüffend. Professor Ahlberg von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften hatte schon des Nachmittags im Konzertsaal der Stadt, bei der Preisübergabe durch den König, die Arbeiten in Chemie mit poetischen Bildern erklärt, er sprach vom Tanz der Carbon-Partner, "nach einer Weile lassen sie die Hände des anderen fahren und verlassen ihre alten Tanzpartner und tanzen weiter mit neuen", was ja auch mancher kennt, der von Chemie keine Ahnung hat. Es war in den frühen Morgenstunden, als sich Professor Barry Marshall aus Australien auf der Bühne des Karolinska-Instituts wiederfand und das Lied vom Helicobacter pylori schmetterte, nach der Melodie von Rudolph, The Red-Nosed Reindeer – "some think that its shape is crooked", so klang es und besser, denn neben ihm stand die blonde Erika Sunnegård, die noch am Nachmittag Puccini gesungen hatte.

Womit die Ehe von Poesie und Wissenschaft noch nicht vollzogen ist, aber vielleicht doch eine Ahnung auftaucht, wie wir alle ein wenig Rollendistanz einnehmen könnten, eine Vorstellung, die Per Wästberg in seiner brillanten Laudatio auf Pinter und die Figuren seines Theaters so formulierte: "Sie senden Botschaften aus, die niemals anzukommen scheinen, und doch verlassen wir das Theater weniger selbstgerecht, als wir es betreten haben." Das kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht für alle Figuren behauptet werden, nicht für Pinter und schon gar nicht für seine Kritiker, doch ist es ja eine Hoffnung.