Die Rückkehr der Inquisition
Zum Outsourcing der Folter
Outsourced torture überschrieb der New Yorker seinerzeit einen ersten Artikel über den dringenden Verdacht, die USA ließen vermeintliche Terroristen in Staaten ohne ausreichende Rechtssicherheit, doch mit umso geübterem Personal foltern. Outsourced torture klingt modern. Aber tatsächlich greift die schmutzige Rechtspraktik – Menschen durch vermeintlich unbeteiligte Dritte quälen zu lassen – auf eine mächtige Tradition zurück: die Inquisition. Das im frühen 13. Jahrhundert durch Papst Innozenz III. eingeführte Verfahren gilt in der Rechtsgeschichte als Modernisierung. Es ging von einem zentralen Grundsatz des römischen Rechts aus: Die Beweislast trägt der Beschuldiger, nicht der Beschuldigte. So war die Inquisition geprägt vom Ziel, den sichersten aller Beweise zu liefern: das Geständnis.
Dieses Ziel wurde zur Obsession. Es ging ja nicht um beliebige Delikte, sondern um die schwersten – Angriffe auf Gott und seine Kirche. Angriffe auf die »heilige Person« des Kaisers hatte schon das römische Reich als schwerstes Verbrechen betrachtet und zu seiner Ahndung die Folter eingesetzt. Dieser Zusammenhang von Angriff auf die universale Ordnung und Tortur wurde von der Kirche aufgegriffen. Die Inquisition galt als sicherstes Mittel zur Verteidigung der »Universitas Christiana«, der christlichen Welt.
Nur ein Hindernis stellte sich den Central-Intelligence-Agenten der Kirche entgegen: Sie selbst durften nicht foltern. Die »Kirche vergießt kein Blut«. So lautet eines ihrer ältesten Prinzipien, so lehrt es das Beispiel Christi, der Petrus das Schwert aus der Hand nahm. Die Folter musste einer Macht überlassen werden, die außerhalb dieser Gesetze stand – weltlichen Gewalten, die als Gegenleistung die Zusicherung erhielten, der Verteidigung der »Freiheit« (wohlgemerkt: der »Freiheit der Kirche«) besonders gedient zu haben.
Die Agenten entwickelten noch weitere Grundsätze, die geeignet schienen, den Willen der Verdächtigen zu brechen. Es gab keinen Anspruch auf Rechtsbeistand, die Ankläger blieben anonym, die Beugehaft war zeitlich unbegrenzt. Haftprüfungen entfielen. Schon bald erschien ein erstes »Handbuch«, das auch das Verhältnis zwischen kirchlichen Untersuchungsagenten und weltlichen Folterknechten sorgsam regelte.
Mit welchen Mustern haben wir es damals und heute zu tun? Zunächst mit dem Religionskampf einer Institution, die sich unablässig von Feinden der eigenen Ordnung bedroht wähnt. Zum anderen mit einer universellen Macht, die sich, allen eigenen Friedensversprechen zum Trotz, mit dem Bazillus des Verdachts infiziert hat. Der Verdacht wächst mit der Ausdehnung der Macht, ihrer fortschreitenden Universalisierung. Er lautet: Die eigene Macht sei nicht wirklich von Gott. Und so wird zur Selbstentlastung der Verdacht nach außen gewendet, werden die Anderen in die Hölle versetzt – hier und jetzt – und zur eigenen Reinerhaltung fremde Henkersknechte beschäftigt.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Lassen Sie mich mit Präsident Bush einige Zeit allein und er gesteht, dass er den Papst und J. F. K. getötet hat, er der Vetter von Mao und die Erde eine Scheibe ist.
Ich finde, dass dieser Artickel den nagel auf de kopf trifft.
Es ist anscheinend alles schon mal dagewesen. Von der Folter wussten das die Allermeisten. Die Heuchelei, mit der man Folterung in der Vergangenheit durchgefuehrt hat, duerfte weniger bekannt sein. Die Aehnlichkeit der US- Argumente mit denen der Inquisition ist frappierend.
Man sollte sich auch vergegenwaertigen, dass die USA all dies und ebenbuertige unmoralische Taten nicht erst seit heute praktizieren, sondern, dass sie ein fester Bestandteil der US Politik waren (z. B. Sklaverei und Indianermord)und sind.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren