Wenn das Klopapier kommt, droht China der Kollaps. Man stelle sich vor, 1,3 Milliarden Chinesen würden wie wir mehrmals täglich zur Rolle greifen. Irgendwo muss das Papier danach hin. Und irgendwo muss es herkommen.

Über die steigende Nachfrage sollte sich der Leiter des Papierhandelsverbands von Shanghai, Wang Yueqin, eigentlich freuen. Doch der macht sich Sorgen: Allein die 18 Millionen Shanghaier konsumieren heute schon jährlich 140000 Tonnen Klopapier und Papiertaschentücher. Dafür, sagt er, würden 300000 Tonnen Holz verbraucht. Wenn alle Chinesen so eifrig wischten, müssten mehr als 21 Millionen Tonnen Holz im Jahr für Toilettenpapier und Taschentücher herhalten. Woher nehmen? Einige Fabriken im Land experimentieren schon mit Stroh und Zuckerrohr als Ersatzrohstoffen für die Papierherstellung.

Innovativ waren die Chinesen schon immer, wenn es um das Geschäft ging. Sie benutzten als Erste Papier auf dem Klo. Zumindest der erste Chinese: Für den Kaiser wurde bereits im Jahr 1391 Toilettenpapier hergestellt. Schon bald schraubte das kaiserliche Versorgungsamt die Jahresproduktion auf 720000 Blatt, wobei es sich um Lappen von einem halben Quadratmeter handelte.

Mittlerweile ist Klopapier ein High-Tech-Produkt, jedenfalls in der westlichen Welt. Allein in Deutschland konkurrieren über 80 Sorten um die Gunst der Kunden. Das Problem der Hersteller: Der Konsum lässt sich kaum steigern. Schon jetzt verbraucht jeder Deutsche mehr als einen Kilometer Toilettenpapier im Jahr. Auf dem hart umkämpften Markt hilft deshalb nur Innovation.

Dafür ist bei Procter & Gamble Siegfried Hustedt zuständig. Er ist Klopapier-Entwickler. Im Schwalbacher Forschungszentrum arbeitet der Experimentalphysiker vor allem daran, die Erfolgsmarke des Hauses, Charmin, stetig zu verbessern. "Die Deutschen denken beim Toilettenpapier vor allem in Lagen: je mehr, desto besser. Vor Charmin war das der einzige Maßstab", erklärt Hustedt auf dem Weg zu seinem Labor im Entwicklungszentrum. Die Ingenieure von Procter & Gamble haben sich eine neue Technik zur Papierherstellung einfallen und patentieren lassen und damit den Lagen-Wettlauf beendet. Das Vorzeigepapier kommt mit zwei Schichten aus. Gleichzeitig haben die Entwickler eine Lösung für das Dauerdilemma der Klopapier-Konstrukteure gefunden: Reißfest sollen die Zellstoffblätter sein und gleichzeitig weich. Mit einem speziellen, geschichteten Blattaufbau sind die Forscher dem Ideal näher gekommen.

Ein sensorbestückter Handschuh misst den Normdruck beim Wischen

Hustedt eilt durch hohe, helle Gänge. Ihm kommen Kollegen in weißen Kitteln entgegen. 450 Menschen arbeiten hier, davon 350 Wissenschaftler, 100 mit Doktortitel. Die Ergebnisse ihrer Forschungstätigkeit sind in Vitrinen ausgestellt: Küchenrollen, Damenbinden, Babywindeln. Hustedt biegt nach rechts in das Testlabor für Toilettenpapier ein. Er zieht einen Kittel über sein blau-weiß gestreiftes Hemd.

Der Klopapier-Test kann beginnen. Zuerst: das Abreißen, wie im wirklichen Leben. Hustedt schnappt sich eine Rolle und zieht beherzt am Endblatt. Es trennt sich wunschgemäß von seinem Nachbarn. "Dafür müssen Papierstärke und Perforation im richtigen Verhältnis zueinander stehen", erklärt der Physiker. Ist die Lochung zu schwach, kann ein schwungvoller Zug dazu führen, dass sich das Papier meterweise auf dem Boden schlängelt. Ist sie zu stark, muss man mühsam jedes Blatt einzeln abtrennen.

Ist das Abreißen geschafft, folgt, was der Entwickler den "Reinigungsprozess" nennt. Dabei ist nicht nur Effektivität, sondern auch Komfort gefordert. "Mit der Weichheit der Toilettenpapiere in Deutschland sind die Konsumenten noch nicht ganz zufrieden, da müssen wir noch was tun", sagt Hustedt. Das hat ihm das sensorische Test-Panel verraten, also Menschen, die auf gefühlsmäßigen Klopapiervergleich spezialisiert sind. "Weichheit kann man mit Maschinen schlecht messen, dafür braucht man Menschen", erklärt der Entwickler.

Er selbst sei übrigens auch Mitglied in einem Test-Panel, allerdings gehe es da um Geschmack, und zwar um den von Kartoffelchips. Procter & Gamble fabriziert nämlich auch Knusperzeug. "Ich find das ganz interessant, das auch mal von der anderen Seite zu sehen."

Dann ist er aber schon wieder am anderen Ende der Nahrungskette und beim nächsten Test. Was Maschinen nämlich messen können, ist die Dicke des Klopapiers. Der Physiker spannt ein handelsübliches Zellstoffblättchen in einen Apparat, der es mit Normdruck zusammenpresst und die Dicke angibt: 0,71 Millimeter. "Den Standarddruck ermitteln wir mit einem drucksensitiven Handschuh, den wir Testpersonen aufs Klo mitgeben", erläutert Hustedt. Weiter drängen die Entwickler aber nicht in die Privatsphäre der Konsumenten: "Wir haben keine gläsernen Kloschüsseln."

Die Dicke des Papiers stimme also, aber das sei noch kein Garant für Festigkeit, betont Hustedt. "Dicke und Sicherheit korrelieren nicht unbedingt." Deshalb wird auch noch die Durchstoßfestigkeit getestet. Hustedt legt eine maschinell akkurat zurechtgeschnittene Klopapierprobe in ein Gerät, von unten presst ein Roboterarm eine Metallkugel gegen das Blatt. Das soll den Fingerdruck imitieren.

"Festigkeit ist besonders für Klopapierfalter wichtig. Bei denen liegt das Papier flach übereinander, da wirken Scherkräfte, deshalb ist die Durchreißgefahr hoch", sagt der Experimentalphysiker. Und die Deutschen sind fast alle Falter: 90 Prozent der Konsumenten legen das Klopapier vor Gebrauch ordentlich zusammen, haben die Marktforscher von Procter & Gamble herausgefunden. Nur 6 Prozent sind Knüller und formen das Papier zu einem Ball. "Dann gibt es noch die Wickler und die Ein-Blatt-Abreißer, aber das sind nur wenige", ergänzt Hustedt.

Im Ausland ist das völlig anders. Jeder dritte Engländer ist ein Knüller, auch in Frankreich knüllt man eher, und in den Vereinigten Staaten wird durchweg geknüllt. "Deswegen ist das Klopapier in den USA sehr flach und hat kaum Struktur. Als Falter ist man da aufgeschmissen, da muss man seine eigene Rolle mitbringen", sagt Hustedt. Deshalb mussten die Forscher praktisch ein völlig neues Produkt entwickeln, als der amerikanische Konzern mit der Marke Charmin, die es in den USA schon seit über 50 Jahren gibt, auch auf den deutschen Markt drängen wollte.

Mit gefärbtem Honig wird die Reinigungsleistung getestet

Für falterfreundliche Festigkeit und gleichzeitige Weichheit sorgt der "geschichtete Blattauflauf", erklärt Hustedt: "Wir tragen verschiedene Zellulosefasern übereinander auf – unten lange, kräftige Nadelbaumfasern, oben kurze, weiche Fasern vom Eukalyptusbaum." Werden zwei Lagen des Spezialpapiers zusammengeklappt, ist das Ergebnis außen weich und innen fest. Außerdem wird das Klopapier nicht wie bei der konventionellen Papierherstellung mit Druck und Vakuum getrocknet und dabei platt gepresst, sondern mit heißer Luft flauschig trockengepustet.

Der Falter ist aber anspruchsvoll und will, dass das Papier auch nass reißfest bleibt. Genau das will der Kläranlagenbetreiber nicht. "Die Chemie muss also zwischen Wasser bei der Herstellung, während des Gebrauchs und im Klärbetrieb unterscheiden", sagt Hustedt. Die Lösung haben die Entwickler im Labor zusammengerührt: kationische, wasserlösliche Polymere. Mehr wird nicht verraten. "Diese Stoffe können reversible Bindungen mit Zellulose eingehen, man erhält also temporäre Nassreißfestigkeit", erklärt der Physiker. Während der Reinigung halten die Polymere die Fasern zusammen, nach einer halben Stunde Wasserkontakt jedoch sollen 60 Prozent der Reißfestigkeit verschwunden sein.

Zum richtigen High-Tech-Toilettenpapier fehlt noch die Struktur, denn die ist entscheidend für das, was das Ergebnis des "Reinigungsprozesses" sein sollte: die "Reinigungsleistung". Für das richtige Profil sorgt ein Sieb mit Bienenwabenstruktur. Darauf wird der Zellulosebrei zum Trocknen gesprüht – und nicht auf ein Filzband wie bei der herkömmlichen Produktion. Die Fasern verteilen sich deshalb nicht willkürlich, sondern ordnen sich in den Waben an und bilden ein dreidimensionales Profil.

"Weil die Struktur während des Trocknens entsteht und nicht nachträglich eingeprägt wird, bleibt sie erhalten, wenn das Papier wieder feucht wird", erläutert Hustedt, klatscht in die Hände, hebt den Zeigefinger und schreitet zur Demonstration. Wie ein Zauberer breitet er Klopapier auf einer schwarzen Unterlage aus, besprüht es mit Wasser und rollt einen Metallzylinder darüber – natürlich mit geeichtem Gebrauchsdruck. Tatsächlich: Charmin behält sein Profil, der Konkurrent ist platt.

Nun zur eigentlichen "Reinigungsleistung". Auch hier eine kleine Vorführung des Entwicklers. Er dreht die schwarze Unterlage um, auf der Rückseite ist sie weiß mit aufgedrucktem Fadenkreuz und Startlinie. In der Mitte des Kreuzes platziert er eine grüne, klebrige Masse. "Ist nicht eklig, riechen Sie mal." Gefärbter Honig. Am Start ist zunächst ein Konkurrenzprodukt, mit Standardgewicht beschwert. Hustedt zieht das Papier über den grünen Dreck, wischt ihn weg, hinterlässt aber eine Bremsspur. "Das macht dann die Rallyestreifen in der Unterhose", sagt der Experimentalphysiker. Der gleiche Test mit dem High-Tech-Papier: streifenfrei rein.

Die wissenschaftlichen Bemühungen haben sich gelohnt. Mit Charmin erkämpfte sich Procter & Gamble innerhalb von fünf Monaten einen Marktanteil von rund fünf Prozent und liegt bei Markenprodukten auf Platz drei hinter Zewa und Hakle. Damit hat sich das Schwalbacher Unternehmen zum Innovationsführer auf dem Klopapiermarkt aufgeschwungen. Jahrzehntelang hatte Hakle diese Position inne: 1928 das erste Klopapier auf der Rolle in Europa, 1958 das erste Tissuepapier, 1972 das Dreilagige, 1984 das Vierlagige. Und schon 1977 das erste feuchte Toilettenpapier – eine Revolution.

"Feuchtes Toilettenpapier hat nichts mit Klopapier zu tun, das ist Kosmetik", sagt Frank-Michael Tesky. Der Kosmetikchemiker leitet seit 15 Jahren die Entwicklungsabteilung für Feuchttücher bei Hakle. Davor hat er Shampoos und Cremes gemixt. Jetzt kümmert er sich darum, wie Kosmetika aufs Papier kommen. "Das ist eine Herausforderung. Da muss man abstrahieren, interpretieren, modifizieren." Aber er kann auf seine Erfahrung bauen: "Wenn man sich mit Haut auskennt, kann man auch mit Papier umgehen, das ist sehr ähnlich."

Tesky packt seine neueste Entwicklung aus und legt den feuchten Lappen auf den spiegelblanken Konferenztisch, neben den Plätzchenteller. "Riechen Sie mal, das ist Aloe Vera. Früher nahmen wir Kamille, aber die hat mittlerweile ein verstaubtes Image." Neben Duft- und Pflegemitteln mischt der Chemiker auch Konservierungsstoffe in die Tüchertinktur. Sonst würde die Kombination aus Papier und Wasser schnell faulen, das sei das Hauptproblem bei feuchtem Toilettenpapier. "Man will das Klopapier ja nicht im Kühlschrank aufbewahren."

Die Reinigungsleistung der Tücher wird auch im Mainzer Hakle-Labor überprüft, mit einer Mischung aus Küchenabfällen, Erde und Farbpigmenten. Der Testdreck ist allerdings keine Kopie der Originalverschmutzung, sagt Tesky: "Exkremente kann man nicht standardisieren, da haben Sie Viskositätsdifferenzen von 100 Prozent." Auch deshalb muss das feuchte Klopapier in die Praxisprobe. Studenten an der Uni Aachen wischen zu Testzwecken. Der Chemiker empfiehlt eine Dreigang-Reinigung: "Erst trocken, dann feucht, dann wieder trocken. So ist man top gepflegt."

Ärzte halten das für übertriebene Hygiene. "Unter medizinischen Gesichtspunkten ist feuchtes Toilettenpapier problematisch", sagt Bernhard Lenhard, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie, die sich mit Enddarmerkrankungen beschäftigt. Die Zeitschrift Ökotest wies bei ihrem letzten Vergleich im Jahr 2003 in vielen Produkten – auch von Hakle – Formaldehyd oder Formaldehydabspalter nach, die im Verdacht stehen, Krebs zu begünstigen. Außerdem fanden die Tester Duftstoffe, die sich im Körper anreichern, und Polyethylenglykole, die die Haut durchlässiger für Schadstoffe machen. Die Zusatzstoffe können Allergien und Entzündungen auslösen und damit Schäden hervorrufen, die die Feuchttücher laut Werbung verhindern sollen.

Feuchte Tücher und Luxuspapier setzen das Rohrsystem unter Druck

Auch Entsorgungsunternehmen sind mit dem feuchten Klopapier nicht glücklich. In Großbritannien haben sie es gar als Hauptschuldigen für zunehmende Toilettenverstopfungen ausgemacht: Trockenes Billigpapier zerfällt nach drei Minuten im Wasser, Feuchttücher erst nach fünf Tagen, ergab eine Studie, die British Gas in Auftrag gegeben hatte. Ein Unternehmenssprecher sagte, das setze die Toiletten unter starken Druck. Auch mehrlagigem und dickem Luxuspapier ist die britische Kanalisation nicht immer gewachsen. Was das für China bedeutet könnte, wenn das Klopapier kommt, kann man sich ausmalen.

Was also tun, wenn trockenes Papier dem einen nicht genug reinigt, feuchtes Papier den anderen zu sehr reizt und beides zu Verstopfung führt? Ärzte empfehlen: Wasser, wie in Indien und Arabien seit Jahrhunderten erprobt; spülen statt wischen. Diese Umstellung würde auch die Kanalisationsbetreiber erfreuen. Die Klopapier-Entwickler allerdings müssten sich eine neue Rolle suchen.