Mein Traum ist eigentlich ganz einfach: Ich will mit allem aufhören. Mit dem Restaurantbetrieb, den Verpflichtungen drum herum, mit all den Joint Ventures, den Beraterverträgen und auch mit den Interviews. Der Traum wird immer klarer. Mittlerweile habe ich mir sogar einen Termin gesetzt, zu dem ich ihn verwirklichen will: im Jahr 2008. Aber wenn ich sage: »mit allem aufhören«, dann klingt das vielleicht radikaler, als es gemeint ist. Denn es gibt natürlich Dinge, mit denen ich nicht aufhören werde, und dazu gehört ganz sicher das Kochen.

In meinem Traum höre ich nicht einmal auf, für andere Menschen zu kochen. Aber mein Restaurant – wenn »Restaurant« noch das passende Wort ist – wird nur einen einzigen Tisch haben, und es wird auch höchstens fünfzig Aufführungen pro Jahr geben. Wann und wo jeweils das nächste Mal aufgetragen wird, das kann ich ganz allein und nach aktueller Stimmungslage entscheiden. Denn darauf kommt es mir an: dass ich endlich die Freiheit über meine Zeit wiedererlange. Ich werde viel unterwegs sein, reisen, Dinge sehen, dazulernen. Und von Zeit zu Zeit werde ich eben kochen. Klar, dass es für mein Ein-Tisch-Restaurant keine Reservierungen gibt. Ich suche mir die Gäste für den Abend selbst aus. Zum Beispiel auf der Straße. Da spreche ich die Leute einfach an und frage: Mögen Sie gutes Essen? Hätten Sie nicht Lust, heute Abend mein Gast zu sein? Ich bin gespannt auf die Reaktionen ganz unterschiedlicher Menschen – den Gängen gegenüber, die mir an so einem Abend einfallen könnten. Bestimmt werde ich auch mal Freunde einladen oder ein paar bekannte Gourmets. Aber beim nächsten Mal herrscht dann wieder streng das Zufallsprinzip: Jeder Hundertste, der an dieser oder jener Ecke vorbeiläuft, wird eingeladen.

Geschäftlich ginge das natürlich gar nicht. Man würde sich sofort ruinieren. Aber in meinem Traum brauche ich mir darüber ja keine Gedanken zu machen. Obwohl ich ehrlich sagen muss: Wenn der Traum gar zu verrückt wäre, würde er mich nicht mehr interessieren. Ich würde zum Beispiel nie davon träumen, ein Restaurant auf dem Mars zu eröffnen. Das wäre ja ein reines Hirngespinst. Da bin ich doch lieber etwas realistischer. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein wirkliches Leben schon ziemlich traumhaft verlaufen ist. Ich bin von jemandem, der Teller wäscht, um sich einen Urlaub auf Ibiza leisten zu können, zu einem der wichtigsten Köche der Welt aufgestiegen. In gewisser Weise habe ich ständig eigene Träume verwirklicht. Ich war auf dem Titelblatt der Time Seite an Seite mit George W. Bush abgebildet, ich habe ein Essen für hundert königliche Häupter gekocht. Vieles von dem, was ich erleben durfte, hätte ich vorher für unvorstellbar gehalten. Deshalb habe ich mir angewöhnt, meine Träume auch ein bisschen pragmatisch zu betrachten. Bis 2008 stecke ich in einer Menge Verträge. Die muss ich erfüllen. Danach ist Schluss. Aber das Kochen kann ich eben nicht sein lassen.

Dabei geht es eigentlich gar nicht so sehr um das Kochen an sich, sondern um etwas anderes: um die Herausforderung – die Herausforderung, jeden Tag etwas Neues zu schaffen. Das ist es, was mich reizt, was mich fasziniert, was mich immer weitertreibt. Jeden Tag frage ich mich: Und heute? Was haben wir heute geschafft? Was ist uns heute gelungen? Und wenn uns wirklich etwas gelungen ist, dann macht mich das glücklich. So einfach ist das. Deshalb hoffe ich, das Leben beschert mir weiterhin Herausforderungen. Ich könnte zwar auch mal auf einer einsamen Insel Urlaub machen. Aber eigentlich nur zwei Wochen, höchstens einen Monat. Danach würde ich wahrscheinlich mit der Arbeit an einem Kochbuch über die einheimischen Gerichte oder Lebensmittel beginnen.

Um zum Traum zurückzukehren: Natürlich wäre mein Ein-Tisch-Restaurant sehr mobil – so mobil wie ich selbst. Heute würde ich den Tisch in New York decken lassen, die Woche darauf vielleicht in Deutschland, danach irgendwo in der Karibik, womöglich sogar auf einer Plattform im Wasser, ganz minimalistisch. Und natürlich habe ich auch die komplette Freiheit über die Ausrichtung der Küche. Wenn ich also einen Abend mal ganz traditionell kochen will, dann bitte sehr. Das nächste Mal koche ich womöglich japanisch, und dann wieder experimentell. Und hin und wieder lade ich mir nicht nur Gäste zum Essen ein, sondern auch mal jemanden zum Mitkochen. Wie im Jazz bei einer Jam-Session würde ich dann im Duo oder im Trio improvisieren.

Manchmal stelle ich mir vor, dass mein Tisch im MACBA steht, in Barcelona im Museum für zeitgenössische Kunst. Ich bin mir sicher, dass mir die MACBA-Leute tatsächlich, wenn ich wollte, für dieses Experiment einen Saal überlassen würden. Aber wenn es ums wirkliche Leben geht, dann müsste ich natürlich irgendwann das Träumen sein lassen und mich gut organisieren. Denn für sechs Gäste brauchte man zum Beispiel ein Team von mindestens acht Leuten. Da hat es ein Künstler vor der Leinwand leichter. Ich kann mich nicht einfach hinstellen und ein Bild malen. Und in meinem Traumrestaurant geht es ja nicht nur ums Essen, sondern um eine Rundumerfahrung.

Ich muss Designer und Architekten einbeziehen, damit die jeweils den Raum auf das Essen abstimmen. Und es wird Musiker geben, die aktuell etwas komponieren oder improvisieren, was genau zur Speisenfolge passt. Man merkt, dass Essen eine unglaublich komplexe Erfahrung sein kann. Man hat es nur noch nie so gesehen. Immer wieder wird gesagt: Essen ist eine elementare Notwendigkeit und kann deshalb weder ein intellektuelles Vergnügen noch eine Kunstform sein. Aber es hat eben bisher niemand versucht, ein so umfassendes Erlebnis daraus zu machen, mit einer komponierten Sequenz von Speisen und Erfahrungen für nur einen Tisch. Es muss unglaublich sein. Dreieinhalb Stunden, ohne aufzustehen. Das ist wie eine Oper. Aber hier sitzt der Gast mittendrin und benutzt alle seine Sinne.

Wahrscheinlich wäre es das allerhöchste der Gefühle, wenn sich diese Erfahrung noch mit gutem Sex verbinden ließe – nur der Vollständigkeit halber.