Jetzt zeigt sich: Was Teile unserer "Eliten" machen, bleibt nicht ohne Folgen. Überbordende Gewinne von Unternehmen, die mit Massenentlassungen verknüpft werden; Manager, die vor Gericht stehen und immense Abfindungen erhalten; die politische Handlungsunfähigkeit angesichts wachsender Staatsverschuldung, ja sogar der erste freiwillige Machtverzicht einer amtierenden Bundesregierung – bisherige Logiken und Regeln, wie diese Gesellschaft sozialverträglich funktioniert, scheinen außer Kraft gesetzt.

Was fällt ins Auge? Betrachtet man die Debatten und Ereignisse des Jahres 2005, wird deutlich, dass rasante ökonomische Entwicklungen und soziale Integration auseinander zu driften scheinen. Insbesondere drei Problemquellen tragen dazu bei und erzeugen eine neue Qualität. Es ist anzunehmen, dass sich diese in den Gefühlen der Bevölkerung niederschlägt. Erstens: Kontrollverluste nationalstaatlicher Politik im Zuge der Globalisierung und die Wahrnehmung, dass die soziale Unsicherheit größer wird. Zweitens: Ungerichtete gesellschaftliche Prozesse, die das Gefühl der Orientierungslosigkeit hervorbringen. Drittens: Die Unbeeinflussbarkeit von ökonomischen Entwicklungen, die das Gefühl erzeugen, als politischer Bürger nur noch wenig zur eigenen sozialen Sicherung und zur Entwicklungs richtung der Gesellschaft beitragen zu können.

Diese negativen Wahrnehmungen lassen sich als Verstörungen begreifen, die aus gesellschaftlichen Entwicklungen resultieren. "Die neue Unsicherheit ist keineswegs nur eine unerwünschte Folge der unsteten Märkte", so Richard Sennett, "sie ist in den neuen Kapitalismus einprogrammiert." Man kann geradezu von einem überwältigenden Kapitalismus sprechen. Die erreichten Kontrollgewinne des Kapitals gegenüber Politik führen dazu, dass die eigenen Logiken und Maßstäbe – ohne wirksame Gegenkräfte – autoritär gegen die Gesellschaft in Stellung gebracht werden können. Unsicherheit und Angst "unten" werden als unausweichlicher Systemzwang dargestellt. Eine losgelöste Moral bei den Eliten "oben" dient so dazu, die Bevölkerung einzuschüchtern. Konkurrenz wird als Naturgesetz plakatiert, Effizienz wird auch als Mechanismus der sozialen Desintegration einkalkuliert. Hat das sozial zerstörerische Auswirkungen? Ja, es sieht so aus.

Unser Projekt der Universität Bielefeld untersucht, wie sich Desintegrationsprobleme auswirken. In den erwähnten drei Bereichen haben sich die Trends zwischen 2002 und 2005 verschärft (siehe Grafik): Signifikant zugenommen haben die Desintegrationsgefahren, die sich in Angst vor Arbeitslosigkeit, Befürchtungen eines niedrigen Lebensstandards und negativen Zukunftserwartungen ausdrücken. Dies gilt ebenso für die Frage, ob man nach eigener Wahrnehmung an Orientierung und politischem Einfluss verliert. Danach scheint eine sicherheitsverbürgende Ordnung verloren, sodass man nicht mehr weiß, wo man selber eigentlich steht (64 Prozent). Man weiß nicht mehr, was los ist (66 Prozent). Und: dass man – so das Gefühl – früher wusste, was man zu tun hatte (63 Prozent). Selbst wenn dies als problematische Nostalgie erscheint, erzeugen diese subjektiven Gefühle die Realität der Menschen.

Und was wird aus der gesellschaftlichen Mitte? Mit materiellen Zugewinnen "oben" und Verlusten "unten" geraten die mittleren Lagen ins Rutschen. Angst vor sozialem Abstieg verspüren heute etwa die Hälfte von allen Befragten, also nicht nur Befragte in den unteren, sondern auch in mittleren und gehobenen Soziallagen, mithin jene, die viel zu verlieren haben – forciert durch "Hartz IV" als Ausdruck sozialer Abstiegsgefahr. Seit 2002 nimmt auch die Anerkennung sowohl im Beruf als auch im Alltag, die für die Integrationsqualität einer Gesellschaft zentral ist, signifikant ab. Das deutet auf zunehmende Konkurrenz und Gleichgültigkeit gegenüber anderen hin. Die Menschen geraten offensichtlich verstärkt unter Druck, was ihre Wahrnehmung des Zustandes dieser Gesellschaft verändert. Im Jahr 2005 vertraten fast 87 Prozent der Befragten die Auffassung, dass die Gesellschaft immer mehr auseinander fällt. Zwischen 2002 und 2005 ist der Zweifel an der Solidarität mit Hilfsbedürftigen spürbar auf fast 39 Prozent gewachsen. Auch die Zweifel daran, dass Menschen bei uns fair miteinander umgehen, stiegen bemerkenswert auf über 70 Prozent an. Und dass der Wohlstand gerecht verteilt sei, bezweifeln – auch ansteigend seit 2002 – in diesem Jahr 87 Prozent. Grundprinzipien einer integrationsfähigen Gesellschaft wie Solidarität, Fairness und Gerechtigkeit scheinen zur Disposition zu stehen.

In solchen Ergebnissen spiegelt sich, dass ein derart überwältigender Kapitalismus nicht in der Lage ist, soziale Integration zu sichern, geschweige denn soziale Kohäsion zu erzeugen. Sie sind aber wesentliche Voraussetzungen dafür, dass Mehrheiten und Minderheiten, mit ihren starken und schwachen Gruppen, friedlich zusammenleben.

Was bedeutet es dann, wenn einerseits die Ökonomisierung der Gesellschaft voranschreitet und sich andererseits Verstörungen ausbreiten? Was heißt es, wenn die Sicherung des sozialen Status und Zusammenlebens unter Effizienzgesichtspunkten organisiert und bewertet werden müssen? Instrumentelles Verhalten wird damit zur Normalität des Umgangs. Offensichtlich, so unsere Erhebungen, bleibt es nicht ohne Folgen für gesellschaftlich schwache Gruppen, wenn sie Fremdheitsgefühle "im eigenen Land" auslösen, als wirtschaftliche Konkurrenz wahrgenommen werden, eingeschliffene kulturelle Selbstverständlichkeiten infrage stellen oder angeblich die öffentliche Ordnung stören.

Wenn die Desintegrationsgefahren bei der Mehrheit und in der Mitte zunehmen, so der Befund, reduziert sich die Anerkennung schwacher Gruppen. Die Bereitschaft, für sie Integrationsgelegenheiten offen zu halten, könnte zurückgehen. Zwangsläufig sind solche Folgen allerdings nicht. Es könnten sich auch Reaktionen gegen "die da oben" richten. Aber leichter und individuell risikoloser ist es, solche Reaktionen gegen Schwache zu wenden, in Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamophobie, Abwertung von Obdachlosen, Homosexuellen und Aversionen gegen weitere Gruppen. Das machtlose Verzagen gegenüber den Starken schlägt um – abgewertet werden die Schwachen. Hinter dieser Abwertung verbirgt sich eine Art Selbstaufwertung in unsicheren Zeiten.

Bei einer Betrachtung der Trends von 2002 bis 2005 wird deutlich, dass bei der Fremdenfeindlichkeit die Werte kontinuierlich zunehmen. "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland" – die Zahl derjenigen, die diesem Satz eher oder voll und ganz zustimmen, ist von 2002 bis 2005 kontinuierlich von 55 Prozent auf 61 Prozent gestiegen. Dass bei knapper werdenden Arbeitsplätzen Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollten, bejahen circa 36 Prozent, vor drei Jahren waren es etwa 28 Prozent. Auch Islamophobie, genauer untersucht seit 2003, nimmt kontinuierlich zu. Die Frage, ob der Islam in die westliche Welt passe, verneinen inzwischen 74 Prozent aller Befragten.