Peter Mandelson hat ein paar dumme Fehler gemacht, deshalb muss er jetzt über Rüben reden. Über Rindfleisch. Über Weizen. Er muss sich mit einem indischen Salonsozialisten herumschlagen, mit einem brasilianischen Karrierediplomaten und mit einem Haufen Afrikaner, die sich nichts mehr gefallen lassen wollen. Er muss mit seltsamen Wörtern wie Zolleskalation und Exportsubventionen hantieren, die in der Öffentlichkeit kaum jemand versteht. BILD

Er hat einen ziemlich undankbaren Job.

Peter Mandelson, 52, war einmal der Jungstar der britischen Politik. Klug, eloquent, gut aussehend. Er war Minister, er war ein enger Freund des Premiers Tony Blair. Dann wurde er unachtsam. Mit Hilfe eines dubiosen Kredits kaufte er eine Luxusvilla. Einem asiatischen Bekannten verschaffte er eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Presse erfuhr davon. Mandelson musste zurücktreten. Blair war bereit, ihm zu helfen, aber in Großbritannien war er nicht mehr vermittelbar.

Deshalb sitzt er jetzt hier, im luxuriösen Hotel Conrad, im Zentrum von Hongkong, 11.000 Kilometer entfernt von Big Ben und dem britischen Parlament. Seine Vergangenheit interessiert hier niemanden, Mandelson ist jetzt Handelskommissar der Europäischen Union, und in Hongkong, bei der Tagung der Welthandelsorganisation WTO, geht es um andere Dinge als britische Innenpolitik. Es geht um die Kluft zwischen Nord und Süd, um den Kampf zwischen den Armen und den Reichen in der Welt.

Es geht um die Regeln der Globalisierung.

Die Vertreter der 149 Mitgliedsländer der WTO treffen sich in unregelmäßigen Abständen, um über Zollsätze und Importquoten, über Patentrechte und Anti-Dumping-Gesetze zu verhandeln. Sie legen fest, wer Zugang zu welchen Märkten hat. Sie bestimmen, wie viele T-Shirts die Chinesen nach Europa verkaufen können und ob die Amerikaner mit hoch subventionierter Baumwolle den Afrikanern das Geschäft verderben dürfen.

Die Industrieländer gingen dabei stets auf dieselbe Weise vor: Sie sprachen von Armut, von Entwicklung und vom Segen des Freihandels – und setzten ihre eigenen Interessen durch. Sie sorgten dafür, dass die Zollsätze auf Autos, Software oder Werkzeugmaschinen sanken, weil dies Produkte sind, die Europäer und Amerikaner weltweit verkaufen wollen. Und dass gleichzeitig die Zollsätze und Subventionen zum Schutz europäischer Milch oder amerikanischen Getreides größtenteils hoch blieben, weil dies Produkte sind, die Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner gern weltweit verkaufen würden. Irgendwie schafften es die Industrieländer, dass die Vertreter der Entwicklungsländer die Verträge unterschrieben. Irgendwie gelang es ihnen, dass man ihnen die schönen Worte glaubte.

Bis vor zwei Jahren. Damals tagte die WTO im mexikanischen Touristenzentrum Cancún. Die enttäuschten Afrikaner ließen die Konferenz platzen, seitdem stocken die Verhandlungen. Auch in Hongkong scheint eine Einigung kaum möglich. Die Machtverhältnisse in der WTO haben sich verschoben. Auf einmal gelingt es den Diplomaten der Industrieländer nicht mehr, den Kampf um Marktanteile und Zollsenkungen für sich zu entscheiden. Auf einmal stehen ihnen selbstbewusste Politiker und Lobbyisten gegenüber. Und auf einmal streitet nicht mehr nur der Norden mit dem Süden. Auch unter den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas herrscht keine Einigkeit.

Die Welt der Welthändler ist in Unordnung geraten.

Im achten Stock des Berlaymont-Gebäudes in Brüssel hat das EU-Handelskommissariat seinen Sitz. Hier eilten in den Wochen vor der WTO-Konferenz die Lobbyisten der europäischen Wirtschaft über den blauen Teppich. Sie vertraten die französischen Bauern, die portugiesischen Textilhersteller, die italienischen Banken. Sie wollten dafür sorgen, dass Peter Mandelson in Hongkong nicht vom Kurs abweicht, sie wollten viel für sich herausholen und wenig Zugeständnisse machen. Auch wenn sie es selbst diskreter ausdrücken. Bernhard Quick sagt: "Wir speisen unsere Argumente ein."

Quick, 51, ist gut bezahlter Lobbyist der deutschen Chemieunternehmen. Ein kleiner, sympathischer Herr mit breitem, pfälzischem Akzent und silber umrandeter Brille, ein Globalisierungsprofi. Quick war bei allen WTO-Konferenzen dabei. Er hat erlebt, wie sich die kleinen Verhandlungsrunden, bei denen fast jeder jeden kannte, in ein hoch politisches Massengeschäft verwandelten. "Früher haben wir uns mit ein paar Experten die Regeln des Welthandels ausgedacht", sagt er. 1999, in Seattle, hat er dann schon Tränengas geschnuppert. Damals legten an der amerikanischen Westküste Tausende Globalisierungskritiker die WTO-Konferenz lahm. Seitdem muss er beobachten, wie die Industrieländer die Kontrolle über die Verhandlungen verlieren. Quick kann das nicht gefallen.

Er schnappt sich Block und Filzstift und beginnt zu malen. Er zeichnet einen Kasten für Asien und einen für Europa. Er skizziert die neuen Wirtschaftsgiganten im Osten und betont, wie wichtig es sei, Zugang zu diesen Märkten zu erlangen. Quick sagt, die Europäer seien zu defensiv. Schritt für Schritt wichen sie gegenüber den Entwicklungsländern zurück, statt ihre Handelsinteressen offensiv zu vertreten. "Die Chemieindustrie will, dass die Zölle für ihre Produkte weltweit auf null sinken. Punkt."

Aber wird der Rest der Welt zustimmen?

Dipak Patelsagt, er habe viel gelernt in den vergangenen Jahren. Über die Macht innerhalb der WTO zum Beispiel, dieser scheinbar so demokratischen Organisation, in der jedes Land nur eine einzige Stimme hat und jedes Land zustimmen muss, ehe ein neuer Vertrag zustande kommt.

1995, als die WTO gegründet und ein Großteil der noch heute gültigen Handelsabkommen unterzeichnet wurde, da saß Patel mit am Tisch. Patel stammt aus Sambia, einem kleinen Land im südlichen Afrika, das größtenteils aus Savanne besteht, ein Land, in dem zehn Millionen Menschen leben, die meisten müssen am Tag mit umgerechnet einem Dollar auskommen. Patel war damals Handelsminister von Sambia. Heute ist er es wieder.

Sonst ist alles anders. "Damals haben wir gar nicht verstanden, worum es bei den Verhandlungen im Detail ging", sagt Patel. Wie auch? Manche WTO-Verträge lesen sich wie komplizierte mathematische Gleichungen. Deshalb hatten Europäer und Amerikaner jeweils ein paar hundert Experten dabei, Ökonomen und Juristen, die jedes Komma in den Schriftsätzen analysierten. Die Afrikaner, die Asiaten, die Lateinamerikaner verfügten zusammen über weit mehr Stimmen als die Industrieländer. Aber sie hatten keine Berater. Sie unterzeichneten. Anschließend wunderten sie sich über die Folgen.

Noch immer erheben die Industrieländer auf Produkte aus Entwicklungsländern viermal höhere Zölle als auf Produkte aus anderen Industrieländern. Weshalb die meisten Länder des Südens in den zehn Jahren seit Gründung der WTO auf den Weltmärkten deutlich an Boden verloren haben. Nicht einmal in der Landwirtschaft verzeichneten sie Zuwächse. Tragisch genug. Weltweit leiden 852 Millionen an Unterernährung, 75 Prozent von ihnen leben auf dem Land, die meisten als Bauern, davon 204 Millionen allein in Schwarzafrika. In Ländern, die meist von ein, zwei Rohstoffen oder Agrarprodukten leben, die sie dann ins Ausland zu verkaufen suchen. In Ländern wie Sambia, der Heimat von Dipak Patel.