allein oder einsam? Das rettende Gespräch mit sich selbst

Ein Schlüsseltext über die moderne Einsamkeit stammt von Michel de Montaigne, der sich nach dem Tod seines Freundes für ein Jahrzehnt aus der Welt zurückzog

Die moderne Einsamkeit, das ist das Reizvolle an ihr, ist im Jahr 1571 im Südwesten Frankreichs aus der Erfahrung der Freundschaft entstanden, also aus ihrem Gegenteil. Michel de Montaigne, der Selbstdenker, hat sie im Selbstexperiment auf den Weg gebracht, lange bevor das Wörtchen »selbst« in aller Mund gelangte. Auf dem Schild, das Montaigne an dem Turm anbringen ließ, in den er sich für ein ganzes Jahrzehnt aus der Welt zurückzog, ist zu lesen: »Im Jahre Christi 1571, am letzten Tag des Februar, seinem Geburtstage, hat sich Michel de Montaigne, im Alter von 38 Jahren, seit langem des Dienstes im Parlament und der öffentlichen Pflichten müde, noch in voller Lebenskraft in den Schoß der gelehrten Musen zurückgezogen, wo er in Ruhe und Sicherheit die Tage verbringen wird, die ihm zu leben bleiben. Gestatte ihm das Schicksal, diesen Ort der süßen Weltflucht seiner Ahnen zu vollenden, den er seiner Freiheit, seiner Ruhe und seiner Muße geweiht hat.«

Dort also, in seinem Turm, schrieb der frühere Ratsherr von Bordeaux, der Ehemann und Vater seinen Essay Über die Einsamkeit. Mit 38 Jahren, in dem Alter, in dem gegenwärtig die Bindungsangst und das berufliche Hamsterrad sich gern aufs unvergnüglichste ineinander verkeilen. Im Alter von 38 Jahren hatte Montaigne von der Welt mit ihren Bindungen erst mal genug.

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Das geschah kurz nachdem ein Erasmus von Rotterdam das menschliche Leben als ein Schauspiel unter Maskierten beschrieben hatte, und fünfzehnhundert Jahre nachdem Seneca, dem alten Chinesen Laotse nicht unähnlich, die Frage nach dem gelingenden Leben zugunsten der Seelenruhe entschieden hatte. Und das geschah fast dreihundert Jahre bevor ein Charles Baudelaire die melancholische Einsamkeit als furchtbares Spiegelkabinett der Seele entdeckte, und fast fünfhundert Jahre bevor die Einsamkeit des heutigen Menschen zum Grundmotiv sentimentalischer Sorge wurde, zumal in der Vorweihnachtszeit. Die Angelegenheit hat Geschichte, man ist in guter Gesellschaft.

Freiheit, Ruhe, Muße also: Montaignes Sehnsüchte sind schon fast das ganze Programm jener Antriebskraft, die das moderne Individuum endlich bei sich selbst einkehren lassen sollte, an jenem einzigen Ruhepol, der sich vorstellen ließ, um mitten in Bürgerkriegen und Religionskämpfen dem weltlichen Getöse, der Enge des Zusammenlebens, der Pflichtgebundenheit der Existenz, der Last des Notwendigen zu entkommen. »Wenn wir uns nun also vornehmen, allein zu leben und uns der Gesellschaft zu entziehen: stellen wir uns so an, daß unsere Zufriedenheit nur von uns abhängt; lösen wir uns von den Banden, die uns an andere ketten; gewinnen wir es über uns, wirklich allein zu leben und uns dabei wohl zu fühlen.«

Einsamkeit, solitude, das war nichts, was von selbst ging, das hieß Überwindung, die Gesellschaft hatte berechtigte Ansprüche: »Es ist kein leichter Part, sich in aller Ruhe zurückzuziehen.« Aber stärker war die Lust, den gesellschaftlichen Ehrgeiz, die Angst vor mangelnder Anerkennung niederzukämpfen, stärker war die Utopie der Freiwilligkeit plus Selbstreflexion: »Unser Übel liegt in der Seele; die aber kann sich selbst nicht entfliehen. Also muß man sie zurückholen und in sich selbst zurückführen: das ist die wahre Einsamkeit, die man inmitten der großen Städte und der Königshöfe genießen kann; aber im Abseits lässt sie sich angenehmer genießen.« Von Genuss ist die Rede, vom Genuss nach der getanen Arbeit an der inneren Unabhängigkeit.

Michel de Montaigne, jener »freundliche Fels inmitten des Gerölls der letzten zehn Jahrhunderte«, wie ihn sein Übersetzer und Kommentator Mathias Greffrath mit angemessener Zuneigung genannt hat, hatte nicht nur den Vater, sondern vor allem einen Freund durch den Tod verloren, bevor er diese Einsamkeit wählte. Den einzigen Freund, die große Liebe: Etienne de La Boétie, Dichter, Humanist, auch er Ratsherr in Bordeaux. In seine Essais wollte Michel de Montaigne eigentlich die Publikation eines unveröffentlichten Textes einbetten, den La Boétie verfasst hatte: Von der freiwilligen Knechtschaft .

Es ist dies ein Text der Verwunderung eines jungen Mannes, warum so viele sich weigern, sich zu weigern: nämlich sich beherrschen zu lassen. Montaigne hat schließlich darauf verzichtet, den Text von La Boétie zu publizieren, angeblich, um ihn vor Missbrauch zu schützen, vielleicht aber auch einfach, weil er mit dem toten Freund ungestört bleiben wollte. An die Stelle des Gesprächs mit dem Freund hat er das einsame Gespräch mit sich selbst gesetzt.

Längst legendär, längst auf allerlei Sorten von Innigkeit übertragen sind Montaignes Worte über den Freund: »Wenn man mich drängt, zu sagen, warum ich ihn liebte, fühle ich, dass sich das nicht anders ausdrücken lässt, als dass ich sage: Weil er es war, weil ich es war.« Diese Freundschaft war es, aus der jenes Bedürfnis nach Einsamkeit entstand, man könnte seelengeschichtlich auch sagen: Erst wer die Innigkeit kennt, kann sich wünschen, nicht mehr in jedermanns Gesellschaft ausharren zu müssen.

Freundschaft und Einsamkeit sind gleichermaßen seelische Aufenthaltsorte außerhalb der Gesellschaft. Erst wer weiß oder ahnt, was Menschen miteinander verbinden kann, ist lieber allein als unglücklich gebunden. Mit der Erfahrung der Einzigartigkeit, der eigenen wie der des anderen Menschen, ist das Trennende in der Welt. Oder auch so: Dürften wir uns nicht seit ein paar hundert Jahren einsam fühlen, wären wir abgrundtief unglücklich.

»Was ich am meisten fürchte, ist die Furcht«, schreibt Montaigne, und dies allein reicht hin zu erklären, warum Montaignes Übersetzer zu Recht das französische s olitude nicht mit »Alleinsein«, sondern mit »Einsamkeit« wiedergeben. Das ist qualitativ mehr, das heißt bewusst der einzelne Mensch zu werden, der man ist, um sich verlässlich zu machen, selbst um den Preis, dass die anderen lachen oder ihnen noch Schlimmeres einfällt. Später, im Zuge der Verbürgerlichung der Gesellschaft, wird im Deutschen das Wort »mutterseelenallein« geläufig, das soll heißen, dass einer allein wie im Mutterleib ist. Einem Montaigne hätte das nicht gefallen. Allein wie im Mutterleib, das heißt: nicht erwachsen und nicht vor sich selbst demaskiert.

Der Schriftsteller André Gide hat über die Essais zu bedenken gegeben, dass die Freundschaft zu La Boétie für Montaigne auch eine Erfahrung unfreiwilliger Knechtschaft bedeutete, und hat also die Essais als eine Emanzipation von dieser Nähe verstanden. Diese Deutung würde der Einsamkeit jene Dosis Freiheit hinzufügen, die in der Folge Montaignes viele aus Angst vor Schmerzen der Bindung vorzogen. Eine Überdosis an Freiheit vielleicht. Denn ursprünglich ist die Einsamkeit von diesem Michel de Montaigne gedacht als Voraussetzung, um sich in Ruhe und in Selbstkenntnis mit dem Menschen unterhalten zu können, den man liebt. Was ja manchem seither auch zu Lebzeiten gelingt.

 
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