allein oder einsam? Das rettende Gespräch mit sich selbstSeite 2/2
Längst legendär, längst auf allerlei Sorten von Innigkeit übertragen sind Montaignes Worte über den Freund: »Wenn man mich drängt, zu sagen, warum ich ihn liebte, fühle ich, dass sich das nicht anders ausdrücken lässt, als dass ich sage: Weil er es war, weil ich es war.« Diese Freundschaft war es, aus der jenes Bedürfnis nach Einsamkeit entstand, man könnte seelengeschichtlich auch sagen: Erst wer die Innigkeit kennt, kann sich wünschen, nicht mehr in jedermanns Gesellschaft ausharren zu müssen.
Freundschaft und Einsamkeit sind gleichermaßen seelische Aufenthaltsorte außerhalb der Gesellschaft. Erst wer weiß oder ahnt, was Menschen miteinander verbinden kann, ist lieber allein als unglücklich gebunden. Mit der Erfahrung der Einzigartigkeit, der eigenen wie der des anderen Menschen, ist das Trennende in der Welt. Oder auch so: Dürften wir uns nicht seit ein paar hundert Jahren einsam fühlen, wären wir abgrundtief unglücklich.
»Was ich am meisten fürchte, ist die Furcht«, schreibt Montaigne, und dies allein reicht hin zu erklären, warum Montaignes Übersetzer zu Recht das französische s olitude nicht mit »Alleinsein«, sondern mit »Einsamkeit« wiedergeben. Das ist qualitativ mehr, das heißt bewusst der einzelne Mensch zu werden, der man ist, um sich verlässlich zu machen, selbst um den Preis, dass die anderen lachen oder ihnen noch Schlimmeres einfällt. Später, im Zuge der Verbürgerlichung der Gesellschaft, wird im Deutschen das Wort »mutterseelenallein« geläufig, das soll heißen, dass einer allein wie im Mutterleib ist. Einem Montaigne hätte das nicht gefallen. Allein wie im Mutterleib, das heißt: nicht erwachsen und nicht vor sich selbst demaskiert.
Der Schriftsteller André Gide hat über die Essais zu bedenken gegeben, dass die Freundschaft zu La Boétie für Montaigne auch eine Erfahrung unfreiwilliger Knechtschaft bedeutete, und hat also die Essais als eine Emanzipation von dieser Nähe verstanden. Diese Deutung würde der Einsamkeit jene Dosis Freiheit hinzufügen, die in der Folge Montaignes viele aus Angst vor Schmerzen der Bindung vorzogen. Eine Überdosis an Freiheit vielleicht. Denn ursprünglich ist die Einsamkeit von diesem Michel de Montaigne gedacht als Voraussetzung, um sich in Ruhe und in Selbstkenntnis mit dem Menschen unterhalten zu können, den man liebt. Was ja manchem seither auch zu Lebzeiten gelingt.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren