Kunst »He, Poupardin, wo ist die Mona Lisa geblieben?«

Vor 500 Jahren malte Leonardo da Vinci das berühmteste Bild der Welt

Vielleicht ist es das einzige alte Gemälde, das wirklich jeder kennt, jeder schon einmal gesehen hat – auf einem Poster, einer Postkarte, einer Reklame, in einem Bildband oder dem Schulbuch. Frank Zöllner, Kunsthistoriker in Leipzig und einer der besten Leonardo-Kenner, nennt die das »berühmteste Gemälde der Welt«.

Das aber war sie nicht immer.

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Als Leonardos Opus magnum galt lange Zeit sein Monumentalgemälde im Kloster Santa Maria delle Grazie, wo Ludwig der Mohr, Herzog von Mailand, seine letzte Ruhe finden wollte. »Neben Raffaels Sixtinischer Madonna«, schreibt 1898 der Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wöfflin, »ist das Abendmahl Leonardos das populärste Bild der ganzen italienischen Kunst.«

Dieser Meinung war man bereits vier Jahrhunderte zuvor. Noch während Ludwigs Wasseringenieur, Eventmanager, Festungsbaumeister und Waffenkonstrukteur an dem Mailänder Riesenbild malte, und das dauerte einige Jahre, strömten die Reisenden herbei, wie uns der Novellist Matteo Bandello berichtet. Bruder Matteo, der später als Salonlöwe und Gesellschaftschronist brillierte, diente im Kloster als Novize, während Leonardo gelegentlich vorbeischaute, ein paar Pinselstriche ausführte und bald wieder verschwand. Überliefert ist sein Schreiben an den Herzog, in dem er androht, den Abt als Modell für den Judas zu missbrauchen, wenn der nicht endlich aufhöre zu drängeln.

Das Abendmahl, 1498 vollendet, war von Anfang an ein Hype. Diese Bewegtheit der Gliedmaßen, diese Andeutungsvielfalt der Farben, diese kühne Komposition, diese Expressivität, diese Dramatik, diese hochpolitische Interpretation eines abgedroschenen Themas! Der französische König Ludwig XII., dessen Truppen Mailand 1499 besetzten, war so begeistert, dass er es von der Wand ablösen und nach Frankreich schaffen wollte.

Doch wenige Jahre später schon begann der Verfall des großen Gemäldes. Bis heute diskutieren die Experten, warum die beiden einzigen Wandbilder des Meisters den Bach runtergingen. Die Schlacht von Anghiari im Florentiner Palazzo Vecchio war ja bereits während des Malens zerflossen und nie über eine signifikante Stelle hinausgekommen (die in mehreren Kopien überliefert ist).

Das Abendmahl, heute ein kostbarer, farbiger Schatten, blieb jahrhundertelang Leonardos meistkopiertes, meistvariiertes und am weitesten verbreitetes Werk. Diese Popularität verführte den französischen Dichter Paul Valéry zu der Behauptung, es gebe Kunstwerke, die uns vergessen ließen, dass sie nicht von jeher da waren und zu der Annahme verleiteten, sie seien gleichsam von natürlicher Art.

Das kann man von dem Porträt der Mona Lisa, das dieser Tage fünfhundert Jahre alt wird, nicht behaupten. La Joconde, wie die Franzosen liebevoll sagen, ist Leonardos langwierigste Arbeit. Sie befand sich vermutlich noch in seinem Besitz, als der Kardinal Luigi d’Aragon den Meister 1518 im Schloss von Cloux bei Amboise an der Loire besuchte, wo Leonardo als Hofmaler des französischen Königs Franz I. seine letzten zwei Lebensjahre verbrachte und am 2. Mai 1519 auch, 67-jährig, gestorben ist. Wann genau das Bild begonnen wurde, kann niemand sagen, wir wissen nur durch den Maler und Künstlerbiografen Giorgio Vasari, dass Leonardo während seines letzten Aufenthalts in Florenz, von 1500 bis 1506, vier Jahre an dem Porträt gemalt habe, dass es aber unvollendet geblieben sei.

Entdeckt hatten die Mona Lisa einige Schriftsteller des 19. Jahrhunderts – als Projektionsfläche für ihre feuchten Träume. »Ihr Ausdruck«, schwärmte Théophile Gautier, »zieht euch unwiderstehlich an und vergiftet euch, während der sinnliche schlangenhafte Mund euch mit so viel Süße, Anmut und Überlegenheit verspottet, daß man sich ganz schüchtern fühlt, wie ein Schulbub.« Und der Brite Walter Pater sabberte: »Die Gestalt, die hier so seltsam neben den Wassern auftaucht, drückt die Erfüllung eines tausendjährigen Begehrens des Mannes aus. Es ist eine Schönheit, in die die Seele mit all ihrem kranken Sinnenleid hineingeflossen ist.«

Umschwärmt war besonders heftig das angebliche Lächeln der pausbäckigen Kindfrau mit den schweren Lidern, der hohen Stirn, der langen Nase, dem spitzen Kinn und dem lustlosen Dekolleté. Sigmund Freud hielt dieses Lächeln für eine Erinnerung Leonardos an seine Mutter Caterina – eine tschetschenische Sklavin vermutlich, die wenig zu lachen hatte. Sie war Dienstmagd bei Leonardos Großeltern im Dörfchen Vinci bei Florenz und wurde, wie üblich, von ihrem Haus- und Dienstherrn geschwängert. Der war insgesamt viermal verheiratet und setzte ein Dutzend Bälger in die Welt, die Leonardo, dem Ältesten, dem Unehelichen, die Erbschaft streitig machten.

Freud entdeckte den genialen Sublimanden aus Vinci in allen seinen Werken. Die beiden Mütter in Leonardos Anna selbdritt sind seiner Ansicht nach nahezu gleich alt, weil der Maler zwei Mütter hatte – die uneheliche, die er nur manchmal besuchen durfte, und die Stiefmutter. Und natürlich tragen laut Freud nicht nur Maria und Anna das etwas stupide Lächeln im Gesicht, sondern auch die früheren Porträts des Meisters: Die Ginevra de’ Benci, die Dame mit dem Hermelin, La Belle Ferronière, die Madonnen mit den Spindeln und die in den Felsengrotten.

Paul Valéry indes amüsierte das Geheimnis. »Ich weiß für die landläufige Einstellung zur Malerei kein ergötzlicheres Beispiel«, notierte er süffisant, »als jenes Lächeln der Mona Lisa, dem das Beiwort rätselhaft unwiderruflich anzuhaften scheint. Und doch würde dieses Lächeln ein nicht minder berauschtes Studium lohnen.«

Die Frage ist also nicht nur, ob sie lächelt, sondern auch, warum. Der amerikanische Kunsthistoriker Paul Barolski meint es zu wissen. Leonardo suchte das Lächeln, um auf den Namen seines Auftraggebers anzuspielen: Francesco del Giocondo, ein reicher Seidenhändler aus Florenz, der in dritter Ehe mit einer gewissen Mona Lisa, geborene di Noldo Gherardini (1479 bis 1551), verehelicht war. Giocare heißt spielen, giocondo heiter, spielerisch.

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