Irgendwie muss Bertolt Brecht falsch verstanden worden sein. Der ließ seinen Mackie Messer zwar einst poltern: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Doch der Gangster appellierte damit stellvertretend für die Armen an die Reichen, an die, die ihren "Wanst und unsre Bravheit lieben". Die bat er voller Wut: "Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben. Dann könnt ihr reden: Damit fängt es an." BILD

Am vergangenen Wochenende kam für die Reichen das Fressen sozusagen wieder zuerst. In Gestalt von EU-Handelskommissar Peter Mandelson und seinem amerikanischen Kollegen Robert Portmann zeigten sie auf der Welthandelskonferenz in Hongkong exemplarisch, warum Moral gern erwähnt, im Ernstfall aber schnell vergessen wird. So hatten beide zwar versprochen, diese Welthandelsrunde solle den Entwicklungsländern zugute kommen. Neue Regeln für den Verkehr von Waren und Dienstleistungen sollten den Armen nützen. Doch als es konkret wurde, lehnten die USA nicht nur die Öffnung ihrer Märkte für die Produkte der allerärmsten Länder ab. Sie weigerten sich auch, die Zölle für die Einfuhr von Textilien aus Bangladesch und Kambodscha zu reduzieren – mit dem Argument, die seien zu wettbewerbsfähig. Die Europäer wiederum beenden das Dumping ihrer Agrarprodukte auf dem Weltmarkt erst 2013. Bis dahin hat man Zeit, die kritisierten Exportsubventionen kreativ zu ersetzen.

Nun lässt sich argumentieren, man möge Handelsregeln nicht so moralinsauer betrachten. Handel wird schließlich betrieben, weil er Käufern und Verkäufern nutzt, und bei der Liberalisierung, dem Abbau von Zöllen und anderen Barrieren also, ist es nicht anders. Es geht um ökonomische Interessen. Und um die zu vertreten, werden Mandelson und Portmann schließlich bezahlt.

Grundsätzlich ist diese Sicht nachvollziehbar. Wenn zwei gleich starke Partner am Konferenztisch sitzen, ist keine Moral vonnöten. Europa und die USA können sehr wohl zum gegenseitigen Vorteil miteinander ringen. Selbst große Schwellenländer wie Brasilien oder Indien halten bei dem Spiel inzwischen mit. Und zwar zum Nutzen aller.

Anders ist es jedoch, wenn die Minister besonders armer Entwicklungsländer mit am Tisch sitzen. Ihnen fehlt es an Wissen, Personal und Durchsetzungskraft, um sich gegen die Regelsetzung durch die Reichen ernsthaft zu wehren. Die einzige Waffe, die sie haben, ist die "Moral" – vertreten durch eine sensible Weltöffentlichkeit, die zwar wenig Wissen über die Mechanismen des Handels, aber immerhin viel guten Willen demonstriert.

Leider, das hat die Konferenz in Hongkong gezeigt, ist diese Währung zurzeit nicht allzu viel wert. Zum Ersten trauen sich Mandelson, Portmann und Co trotz ihrer schönen Worte nicht, dem Druck der nationalen Lobbys zu trotzen und mutige Angebote für die Öffnung der eigenen Märkte zu machen. Zum Zweiten lassen sich die Interessen der Armen nur schwer zusammenfassen. Was dem einen nutzt, kann dem anderen schaden. So käme der sofortige Abbau aller Zölle für Nahrungsmittel zwar den Brasilianern zugute, er schadete aber mancher afrikanischen Volkswirtschaft, die bislang vom bevorzugten Handel mit der EU profitiert. Folglich sehen manche Regierungen des Südens Zollsenkungen skeptisch – übrigens auch deshalb, weil es ihnen an Kraft und Wissen fehlt, Alternativen für ihre traditionellen Produkte zu finden. Zum Dritten werden arme Länder mitunter schlecht vertreten: Vielfach profitieren ihre Eliten, die in Hongkong mitverhandeln, vom Status quo oder werden von Nichtregierungsorganisationen beraten, die vom Markt traditionell wenig halten. Also verweigern sie sich lieber, statt den besten Weg zu einer langsamen Teilhabe am Welthandel zu suchen. An Vorbildern für solch ein Verhalten mangelt es ihnen nicht. Schließlich erleben sie ständig, wie auch die Reichen nur die Sektoren für den Handel öffnen, in denen sie keine Konkurrenz befürchten müssen.

Wie geht es weiter? Für die WTO sieht die Zukunft erst einmal düster aus, egal wie gut ihr Chef Pascal Lamy im kommenden Jahr die Strippen zieht. Bei dieser Konferenz hat er die Minister noch dazu gebracht, das Scheitern zu verhindern. Mit schönen Erklärungen, aber in der Substanz kaum einem Fortschritt retteten sie sich über die Tage. So einfach wird das in Zukunft nicht mehr sein. Beim nächsten Treffen könnte es nicht mehr ums Fressen und die Moral, sondern ums "Sein oder Nichtsein" des Welthandelssystems gehen. Schon jetzt verliert nämlich nicht nur der Süden, es verlieren vor allem die Lobbyisten aus dem Norden die Lust an den nutzlosen Welttreffen. Europa solle, so heißt es, ähnlich wie die USA neben den multilateralen auch bilaterale Handelsabkommen vorantreiben. Die jetzige Strategie des "ganz oder gar nicht" sei verkehrt. Dabei läge der Fokus viel zu stark auf den Hungerleidern aus dem Süden, deren Anteil am Weltmarkt verschwindend gering sei und von denen sowieso niemand etwas wolle. Unterdes entstünden vor allem in Asien Handelsblöcke, die der europäischen Industrie noch Kopfschmerzen bereiten würden – wenn der Zugang zu ihren Märkten nicht rechtzeitig über neue Verträge gesichert würde.