Eine Frau, die einen Mann vernichten will, braucht dazu manchmal weder Messer noch Pistole. Sie braucht bloß eine gute Geschichte, eine, die von Vergewaltigung handelt. Die junge Frau, die das Leben des Bernhard M. zerstört hat, hatte sich eine gute Geschichte ausgedacht. Die wurde mit solcher Inbrunst vorgetragen, dass die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück Fakten außer Acht ließ und den Angeklagten im Januar 1996 wegen mehrfacher Vergewaltigung zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilte. Vergangene Woche wurde M. nach einem Wiederaufnahmeverfahren vom benachbarten Landgericht Oldenburg freigesprochen. Bei der Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende Richter dem Angeklagten, dass seine Unschuld erwiesen ist. Er fügte hinzu: »Ihr Schicksal hat uns erschüttert.«

Der Chefarzt glaubte der Patientin blind

Der vermeidbare Justizirrtum, dem Bernhard M. zum Opfer fiel, nimmt seinen Anfang im November 1994. Eine damals 18-jährige Schülerin aus Papenburg im Emsland beschuldigt ihren Vater Adolf S., sie zwischen ihrem 12. und 17. Lebensjahr zehnmal vergewaltigt zu haben. Außerdem habe er einen Abtreibungsversuch mit einem Kleiderbügel an ihr vorgenommen. Der Vater wird sofort festgenommen und im März 1995 nach dreitägigem Prozess vom Landgericht Osnabrück zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Kurz vor Beginn der Hauptverhandlung gegen den Vater zeigt das Mädchen auch ihren Onkel Bernhard M. wegen vierfacher Vergewaltigung an. Er wird ebenfalls festgenommen und bald darauf von denselben Osnabrücker Richtern verurteilt, wiederum aufgrund der Aussagen des Mädchens und ohne überzeugende Beweise.

2001 erzählte mir ein Rechtsmediziner, an den sich die Verwandten des verurteilten Bernhard M. später gewendet hatten, vom Schicksal der beiden Männer. Er hielt es für ausgeschlossen, dass sie die Taten begangen hatten – immerhin war das Mädchen nach 14 angeblichen Vergewaltigungen und einem Kleiderbügelangriff immer noch Jungfrau. Trotzdem hatte ein auf das Gutachten dieses Rechtsmediziners gestütztes Wiederaufnahmegesuch des M. keinen Erfolg gehabt. Ich machte mich an die Recherche und gelangte zu der Erkenntnis, dass die beiden Verurteilten unschuldig sein mussten. Sie waren den Aktivitäten eines verblendeten Unterstützerkreises der Belastungszeugin zum Opfer gefallen.

Zu diesem Kreis gehörte unter anderem das Personal der jugendpsychiatrischen Station des Marienkrankenhauses in Papenburg. Dort wurde nämlich das vermeintliche Opfer männlicher Gewalt behandelt, als es seine Beschuldigungen erhob. Der Chefarzt, die Psychologin und das Pflegepersonal schenkten den teilweise bizarren Schilderungen der Patientin nicht nur blinden Glauben, sondern verliehen dem Mädchen auch gegenüber den Ermittlern nach Kräften den Nimbus der Glaubwürdigkeit. Die Rücksicht auf die angeblich Vergewaltigte ging so weit, dass der Chefarzt in den Hauptverhandlungen in Osnabrück die schwerwiegende psychiatrische Diagnose einer »Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus« in Abrede stellte. Borderlinerinnen gelten bei Richtern als wenig wahrheitsliebende Zeuginnen. Ebenso behielt das Klinikpersonal für sich, dass das Mädchen pornografisches Material besessen hatte, welches die Vorlage für die Vergewaltigungsschilderungen gewesen sein konnte. Sogar einen Brief, in dem die Patientin vor der Verhaftung des Onkels dem Therapieteam gebeichtet hatte, die Beschuldigungen gegen den Onkel seien gar nicht wahr, hielt man zurück.

Einseitig handelte auch die zuständige Papenburger Kripobeamtin. Auf das Sichern von wichtigen Sachbeweisen (wie Spermaspuren) verzichtete sie konsequent, dafür hielt sie das »Opfer« über ihre Ermittlungsfortschritte auf dem Laufenden. In der Pflegeakte der Klinik fand sich sogar das rechtswidrig herausgegebene erste polizeiliche Vernehmungsprotokoll der Belastungszeugin. Auch die von der Staatsanwaltschaft Osnabrück eingeschaltete Glaubwürdigkeitsgutachterin pries in zwei emotional aufgeladenen Gutachten die Wahrheitsliebe des Mädchens. Am schlimmsten aber trieb es das Landgericht Osnabrück selber: Dort wurde in beiden Prozessen das Problem der Jungfernschaft gar nicht ernsthaft angepackt, obwohl das Gericht davon wusste. Auch eine psychiatrische Begutachtung der hochgradig verhaltensauffälligen Zeugin schenkten sich die Richter und lauschten stattdessen ergriffen den Ausführungen des empathischen Therapiepersonals. Eine Untersuchung des Bernhard M., der, wie sich später herausstellte, zu einer Vergewaltigung körperlich gar nicht in der Lage ist, unterblieb ebenfalls – obwohl das Gericht auch dafür Anhaltspunkte hatte. Die Anteilnahme der Richter für die Opferzeugin gipfelte darin, dass sie Tatsachen aus der Hauptverhandlung gegen M., die gegen eine Verurteilung sprachen, in der Urteilsbegründung verschwiegen oder auf den Kopf stellten. Durch diese Rechtsbeugung verhinderten sie die Aufhebung des Urteils durch den Bundesgerichtshof.

Die Richter ersparten sich komplizierte Untersuchungen