Stars im Scheinwerferlicht, Seattle 2004: Die Kameras sind in Stellung gebracht, das Publikum ist erregt ob der zirzensischen Attraktion, die hier geboten werden soll. Allein der Trommelwirbel fehlt, als die Koreaner Hwang Woo-Suk und Moon Shin Yong in die Manege treten und verkünden, sie hätten erstmals menschliche Embryonen geklont. Klone fabrizieren, das ist zu dieser Zeit der Salto mortale des Wissenschaftsbetriebs.

Irgendeine Glanznummer gibt es fast jedes Jahr auf dem Kongress der American Association for the Advancement of Science (AAAS), der größten Wissenschaftsvereinigung der Welt. Ein Jahrmarkt der Sensationen. 2004 sind es die Klone, drei Jahre zuvor verkündeten die beiden Kontrahenten Francis Collins und Craig Venter hier gemeinsam die vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms.

Veröffentlicht wurden die beiden Kunststücke im AAAS-Organ Science, einem der angesehensten Wissenschaftsblätter der Welt. Wer in dieser Zeitschrift (oder im Konkurrenzblatt Nature) publiziert, gehört zur Spitze. Doch die Publikation in Verbindung mit einem Auftritt auf der AAAS hat noch einen anderen Effekt: garantierte Medienresonanz.

Die öffentliche Aufmerksamkeit sichert dem Wissenschaftler Forschungsgelder und dem Blatt wertvolle Anzeigen. Science und Nature jedoch sind gleichsam amtliche Publikationsorgane der Forschergemeinde. Ihre Priorität sollte die nüchterne Verbreitung essenzieller wissenschaftlicher Inhalte sein. Zunehmend aber schielen die Fachzeitschriften auf Leser außerhalb der Wissenschaftskreise. Um den Laien – und mehr Anzeigenkunden – zu ködern, werden Studien zunehmend danach ausgewählt, wie spektakulär sie sind.

Am Rand der großen Manege nehmen wir, die Journalisten, gern Platz – und harren begierig der nächsten Attraktion. Manchmal aber lässt sich ein Forschungsstar, getragen von der aufgeheizten Stimmung, zu einem allzu kühnen Salto hinreißen. Er stürzt ab. Und dann fragen sich alle: Wie konnte das passieren?Harro Albrecht