Finanzmarkt Va banque!
Der Umgang mit dem eigenen Immobilienfonds offenbart: Die Deutsche Bank benimmt sich wie ein Spieler auf dem deutschen Finanzmarkt
Stefan Seip und Markus Rieß reagierten blitzschnell. Schon am vorletzten Samstag hatten der Geschäftsführer und der Präsident des Fondsverbandes BVI einen Krisenstab zusammengetrommelt – drei Tage bevor die Deutsche Bank ihren offenen Immobilienfonds Grundbesitz-invest schloss. Seit Dienstag der vergangenen Woche darf kein Anleger mehr Anteile an diesem Fonds kaufen. Und, viel schlimmer noch: 400.000 Fondskunden, die schon Anteile haben, können diese auch nicht mehr verkaufen. Sechs Milliarden Euro liegen damit auf Eis – ein einmaliger Vorgang in der deutschen Finanzgeschichte und ein GAU für die offenen Immobilienfonds. In denen stecken rund 90 Milliarden Euro.
Das Erstaunliche daran: Dieser GAU, dafür spricht jedenfalls vieles, ist kein wirklicher Unfall, sondern von der Deutschen Bank kühl einkalkuliert. Denn die Liquiditätsprobleme, mit der das Institut die Notwendigkeit der Schließung des Fonds rechtlich begründet, hat die Bank selbst fünf Tage vor der Entscheidung mit einem Schreiben an den Vertrieb geradezu provoziert.
Darin wird die schwierige Lage auf dem deutschen Immobilienmarkt erwähnt und dass sich der Markt von der positiven Entwicklung der ausländischen Märkte abgekoppelt habe. »Vor diesem Hintergrund haben wir die unabhängigen Sachverständigen mit einer außerplanmäßigen Neubewertung beauftragt. Außerdem haben wir uns im Interesse aller gegenwärtigen und künftigen Anleger entschlossen, vorerst keine neuen Anteilsscheine am Grundbesitz-invest mehr auszugeben«, heißt es. Das war die Einladung an die Bankberater, wenigstens die guten Kunden anzurufen und entsprechend zu informieren. Am Montag stapelten sich die Verkaufsaufträge, die gesetzlich vorgeschriebene Mindestliquidität war nicht mehr gewährleistet, wie ein Sprecher von DB Real Estate bestätigt.
Damit war die rechtliche Hürde, die eine Fondsschließung nur bei Vorliegen eines »außergewöhnlichen Ereignisses« erlaubt, übersprungen. Der Weg für die Schließung war frei.
Dem rabiaten Vorgehen liegt ein Vorstandsbeschluss der Bank zugrunde. Josef Ackermann, der Vorstandschef höchstpersönlich, setzte die Entscheidung gegen den Widerstand von Tessen von Heydebreck vergangenen Montag im Vorstand durch, wie Insider berichten. Von Heydebreck ist im Vorstand der letzte verbliebene Deutschbanker der alten Schule. Er galt bislang als ruhig und eher angepasst. Die kompromisslose Fondsschließung ging aber selbst ihm zu weit. Die beiden anderen Vorstandskollegen, Hermann-Josef Lamberti und Clemens Börsig, keine Banker von Hause aus, hätten sich an der Diskussion kaum beteiligt, heißt es.
Bereits am 21. November hatte es im Group Executive Committee (GEC), dem eigentlichen Entscheidungsgremium der Bank, Widerspruch gegeben. Dort warnte Rainer Neske, der für das deutsche Privatkundengeschäft zuständige Banker, vor einem Imageschaden für das Haus. Gerade jetzt, da die Deutsche Bank auf ihrem Heimatmarkt wieder Boden gutmache, gerade jetzt, da die Kundenzufriedenheit wieder steige. Neske habe auch vor einer Liquiditätskrise gewarnt, mit der letztlich die Schließung des Immobilienfonds begründet worden ist. Seine Bedenken seien jedoch in dem von Investmentbankern dominierten Gremium als unbegründet zurückgewiesen worden.
Mitte November hatte es bereits ein längeres, kontroverses Gespräch zwischen Ackermann und dem Chef der deutschen Finanzaufsicht, Jochen Sanio, gegeben. Sanio habe eine Neubewertung des Immobilienbesitzes der Grundbesitz-invest gefordert, gleichzeitig aber auch einen pfleglichen Umgang mit dem Produkt offene Immobilienfonds angemahnt, heißt es in Frankfurt. Ackermann soll schon damals der Wunsch umgetrieben haben, den Fonds zu schließen – trotz der Gefahr, den gesamten Markt nachhaltig zu destabilisieren.
Der Grund-invest ist nicht der erste Immobilienfonds, der in den vergangenen zwei Jahren wegen hoher Leerstände und fallender Preise neu bewertet werden musste. Aber Allianz, Deka und HypoVereinsbank haben ihren Fondstöchtern Liquiditätsspritzen gewährt, indem sie ihnen Immobilien abkauften. So hatten die Fondsgesellschaften immer genug Cash, um die teils heftigen Fondsanteilsverkäufe auszugleichen. Die Fondstöchter der Commerzbank und der genossenschaftlichen Banken haben nach der Neubewertung einfach den Preis der Anteile herabgesetzt, ohne einen Cent eigenes Geld reinzustecken.
Die Deutsche Bank hingegen wendet sich gegen den Heimatmarkt. Zweimal hat die größte deutsche Bank damit in den vergangenen fünf Wochen den Ruf eines deutschen Finanzproduktes gefährdet. Erst war es der Pfandbrief, jetzt ist es der offene Immobilienfonds. Beide Produkte sind deutsche Spezialitäten. Beide Produkte erobern gerade den internationalen Kapitalmarkt. Und beide Produkte spielen aus Sicht der in der Deutschen Bank tonangebenden Investmentbanker keine Rolle fürs eigene Geschäft, ja sie sind sogar hinderlich. Mit der Alternative zu Pfandbriefen, den Mortgage Backed Securities, verdient die Deutsche Bank mehr, genauso wie mit Immobilienaktien, Reits genannt. Sie gelten als Anlageklasse der Zukunft. Da stören offene Immobilienfonds nur.
Darf sich die größte deutsche Bank so verhalten? Die Antwort wirft die Frage nach dem nationalen Champion erneut auf. Wer springt im Ernstfall ein, wer schützt die hiesigen Interessen, wer ist die Bank, an der sich die Regulierer orientieren müssen, um den Finanzsektor gedeihen zu lassen?
Als im Oktober 1987 die Weltbörsen einen regelrechten Crash erlebten, verkauften ausländische Investoren massiv deutsche Aktien. Denn nur durch den Verkauf deutscher Aktien kamen sie schnell an die dringend benötigte Liquidität. Nur in Deutschland wurde das Geld aus den Aktienverkäufen bereits nach zwei Tagen überwiesen. Die anderen Börsen wickelten die Transaktionen damals erst nach fünf Tagen ab. Vor 18 Jahren sprang der Primus ein: Die Deutsche Bank kaufte für drei bis vier Milliarden Mark Aktien und versprach, den Markt nicht »absaufen zu lassen«, wie Banker sich erinnern.
»Schlechter hätte man es nicht machen können«
- Datum 21.12.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.12.2005 Nr.52
- Kommentare 8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




\N
@ korfstroem
Besten Dank für den treffenden Kommentar!
Da bleibt mir nur eine Anmerkung zu dessen Schluss:
"Der Wirtschaftsstandort Deutschland birgt weit mehr Schein als Sein. Solides Wirtschaften ist nicht mehr zukunftsfähig."
Schreibt man diese Prognose in die Zukunft fort, würde sich daraus ableiten, in Deutschland - und in Zeiten der Globalisierung folglich auch weltweit - wäre nur noch unsolides Wirtschaften "zukunftsfähig".
Dies ist ein Widerspruch in sich, der sicher nicht zu einem guten "Ende" führen dürfte.
Die Tatsache, dass immer mehr Macht und gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten auf derartig agierende Manager übergehen, verheißt damit nichts Gutes: Viel zu häufig verfolgen in solch einflussreichen Positionen Suchtgetriebene lediglich ihren eigenen (scheinbaren - wer kann schon etwas mitnehmen) Vorteil und verlieren alles andere aus dem Auge.
Deswegen ist hier dringend gegenzusteuern und das heutige Urteil des BGH deutet dabei in die richtige Richtung.
Bei diesem Gegensteuern sollte man sich dessen bewusst sein, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland gerade wegen der Vielzahl mittelständischer Unternehmen so erfolgreich ist. Und diese wirtschaften solide und verantwortlich, sonst würde es sie schon längst nicht mehr geben - insbesondere als in Deutschland produzierende Unternehmen.
Sie haben nicht die Möglichkeiten zu derart kurzfristigen Finanzspielereien und wollen ihr langfristiges Überleben auch nicht dadurch gefährden. Aber diejenigen, die sich über solches unverantwortliches "Spielen" bereichern, gefährden das solide Wirtschaften der Anderen.
Deswegen gilt m.E. am Ende die andere Variante: Nur solides Wirtschaften ist zukunftsfähig.
Alles andere geht irgendwann zwangsläufig "den Bach hinab" - und mindert immer auch schon in der Gegenwart die Lebensqualität:
Wer umgibt sich schon gerne mit "perversen Narzissten", wenn es nicht sein muss. Heute läuft die Auslese der sogenannten "Spitzenkräfte" gerade darauf hinaus - und damit besteht die Gefahr, dass wir davon in den nächsten Jahren noch deutlich mehr bekommen.
Hilmar Kopper mit dem berüchtigten Peanuts-Zitat anläßlich der Verluste, die der Immobilienspekulant Schneider der Deutschen Bank zufügte, Rolf-E. Breuer, der eine wenig rühmliche Rolle in der Kirch-Affäre spielt und jetzt Josef Ackermann. Geht´s noch weiter nach unten?
Was unterscheidet Bankmanager von Bankräubern?
Die Frage mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Bankräuber begehen eine Straftat und schädigen eine einzelne Bank.
Bankmanager - im vorhandenen Beispiel - agieren am Rande der Legalität und schädigen eine ganze Volkswirtschaft zum Schaden der Kunden und der Aktionäre. Jawohl, zum Schaden der Aktionäre. Denn der Erfolg solche imageschädigender Aktionen beschädigt den Ruf der Bank und der Branche langfristig.
Es grenzt an ein Wunder, daß die Manager der Deutschen Bank keinen Crash ausgelöst haben. Ein Grund mag darin liegen, daß die Deutsche Bank längst nicht mehr die Bedeutung hat, die sie gerne hätte.
Den Kredit auf ihre Glaubwürdigkeit haben die Deutschbanker für lange Zeit verspielt.
Ein wenig erinnert das Vorgehen an das Flugzeugunglück in der Nähe des Athener Flughafens, das derzeit untersucht wird. Nach Steigflug und Druckverlust verloren die Piloten in der Atmosphäre die Besinnung. Ackermann & Co. muß in der Höhenluft des Topmanagements ähnliches passiert sein. Eine Zeitlang wird die Bank die Turbulenzen mit routinemäßigem Autopiloting überstehen. Dann geht irgendwann der Treibstoff aus und die Nachfolger müssen zusehen, wie sie auf dem Boden der Tatsachen zurechtkommen.
Aber es wäre ungerecht, alle Schuld auf Herrn Ackermann abzuladen. Auch ein Top-Vorstand kann nur agieren, wo ihn die Strukturen berufen,stützen und gewähren lassen. Ab einer gewissen Größenordung sind 6 Milliarden Peanuts und auf ein Milliönchen mehr oder weniger verschwindet schonmal in den Nachkommastellen. Seit Alfred Herrhausen hatte die Bank keinen Vorstandssprecher mehr, der den eigenen Ansprüchen gerecht wurde. Schneiderpleite, Fusionsdebakel, Fondsschließung. Die Kette drängt eine gewisse Logik auf.
Der Wirtschaftsstandort Deutschland birgt weit mehr Schein als Sein. Solides Wirtschaften ist nicht mehr zukunftsfähig.
korfstroem
korfstroem
Einige Klicks weiter von hier gibt es ein Portrait über Ackermann.
Wie unverstanden er sich fühlt. Wie unprätentiös und mit Freude er mit Studenten arbeitet. Und wie seine arme Frau leidet angesichts der Häme, die über ihrem Mann zusammenschlägt, ausgerechnet über ihm, "der ja noch nicht einaml falsch parken kann".
Wenn ich aber den Artikel Va Banque lese, dann begegne ich nicht der Egomanie, dann begegne ich der Perfidie - das ist ein Unterschied.
Bislang hatte ich es immer für albern gehalten, aber jetzt fliegen die von der Dt. Bank begebenen Zertifikate, die ich
im Depot habe, raus.
Bis zum nächsten Skandal der ABN, BNP, Citi und wie sie alle heissen.
Aber eigentlich, das lehrt der Artikel, ist denen das ziemlich egal, denn von der kritischen (Reichtums)Masse bin so weit entfernt wie vom Mann im Mond.
Josef Ackermann hat sich nun endgültig als Staatsfeind Nr.1 etabliert.
Die Art und Weise, wie die Deutsche Bank jahrzehntelang die Immobilienpreise und deren Finanzierung hochgetrieben hat, um die Preise jetzt vorsätzlich abstürzen zu lassen - das ist schlicht kriminell. Umso mehr, wenn man "die guten Kunden" noch vorwarnt.
Gleiches galt, wir erinnern uns, bei dem Börsenboom. Zuerst wurden geschlossene(!) Aktienfonds etabliert mit traumhaften Renditen. Diese Renditezahlen hat man danach dem gemeinen Volk vor die Nase gehalten mit der Folge, daß sich jeder Aktien gekauft hat. Bevor der Aktienmarkt zusammengebrochen ist, hat man wieder "die guten Kunden" vorgewarnt, während man dem kleinen Scheißer weiter die alten Hüte verkauft hat mit großformatigen Hochglanzbroschüren. Auch das war kriminell.
Wenn man zur Bank geht um eine Anlage zu machen, wird man als kleiner Mann IMMER so beraten, daß dem großen Mann (Millionen- und Milliardenanleger) genug Zeit bleibt, um sich zu bedienen - danach das alte Spiel.
So war es immer, so wird es immer bleiben.
Was die Deutsche Bank von anderen Banken abhebt ist der graduelle Unterschied der Unverfrorenheit.
Und, als Krönung des Zynismus, die Sprüche von "Peanuts" und die "Victory"-Signale, während bei Rekordgewinnen zig Tausende von Mitarbeitern entlassen werden, und klein- und mittelständische Betriebe keinen Kredit mehr erhalten.
Herr Ackermann ist ein moralischer Verbrecher. Er ist ein Volksschädling und Verderber. Behandelt ihn auch so, wenn ihr ihn auf der Straße trefft. Und bitte, auch dem letzten sei´s gepredigt, gebt denen kein Geld mehr.
Sonst macht ihr euch mitschuldig!
Falls sie in der Lage sind, die ekelhaften Methoden auszublenden, die angewandt werden, um ihre Gewinne zu "erwirtschaften".
Solange in der Finanzwelt die Direktive gilt: "Alles für den Shareholder-Value!", muss man sich nicht wundern, wenn raff- und machtgierige Vorstände sowie deren Lakaien alles dafür tun um die Rendite und somit die Attraktivität zu steigern. Wie soll man denn auch sonst seine unerhört hohen Gehälter und die diversen Bonusprogramme erklären. Und wie sollte man die Bonusprogramme richtig ausnutzen, wenn nicht der Gewinn enorm steigt(egal, auf wessen Kosten...).
Dass Unternehmen auch eine soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben, gerät immer mehr in Vergessenheit. Male ich mir aus, wie unsere Welt bei einer weiteren Praktizierung des "Schneeball-Kapitalismus" wohl in fünzig Jahren aussieht, komme ich nicht zu einem erfreulichen Ergebnis. Eine Schicht von sehr wenigen, sehr vermögenden Leuten kontrollieren Staaten, Industrien, Forschung und alles, was sich sonst noch zu lenken lohnt.
Eine mittelständische Bevölkerung wird es fast nicht mehr geben und ein Menschenleben wird vielleicht nur noch solange etwas wert sein, wie es min. 25% reine Leistung erbringt. Gesetze und Richtlinien sind abgeschafft, da nicht mehr wirtschaftlich.
Ok, ist natürlich alles rein theoretisch und übertrieben, aber worauf soll es denn hinauslaufen? Wie sieht das Ziel denn aus? Oder überhaupt der Weg???
Mein Weg soll jedenfalls nicht von lauter Opfern einer perversen, rein gewinn- und renditeorientierten Raffmentalität gesäumt werden...
Tatsächlich - was ist nur aus diesem Inbegriff von Kraft, Stärke, Zuverlässigkeit und Seriosität geworden?
Ackermann und Co. (und all die Ackermänner, die jeden Tag auf's Neu die ehemals so guten Sitten verderben, aus ganz kurzfristigem Profitstreben) symbolisiert den Niedergang dieser kapitalistischen Wirtschaft in beispielloser Weise.
Bleibt mir als Außenstehendem nur der Ruf gen Himmel: Heiliger Hermann Josef Abs, kehre wieder und miste diesen Augiasstall aus. Für immer. Und erzähl diesen Brüdern mal was vom "ehrbaren Kaufmann".
Ich weiß: ein wieherndes Lachen wird die Antwort sein.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren