Bock aufs Ballern , aber wo ist der Feind? Jake Gyllenhaal in der Wüste

Das Vorspiel: Jede Menge Marines sitzen in einem großen Kinosaal und sehen sich amerikanische Soldaten in Vietnam an, Coppolas Apocalypse Now, ein Jauchzen, als die Helikopter vor der Sonne auftauchen, Ekstase, als der Walkürenritt einsetzt, Tränen der Euphorie, als die ersten Vietnamesen vom Feuer der Bordkanonen niedergemäht werden. Zweifellos steuert dieser ganze Saal kahl geschorener junger Männer gerade dem kameradschaftlichen Höhepunkt entgegen, und gleich, wenn erst die Raketen in die Dschungelfront einschlagen und die wasserseits gelegenen Häuser in wallendem Feuer zerplatzen, werden sie alle in ihre kakifarbenen Hosen ejakulieren. Aber kurz davor geht das Licht an, es ertönt der Befehl zum Sammeln, und der feuchte Traum vom Töten ist aus. Sie sind also gewarnt, die Soldaten in Sam Mendes’ Film Jarheads und die Zuschauer auch.

»Der Krieg ist die Hölle«, hatte General Sherman gesagt, nachdem er Atlanta niedergebrannt und den Süden in Schutt und Asche gelegt hatte. Das stimmt immer noch. Aber es meint etwas anderes. Hier ist die Hölle der Krieg als Interruptus. Hunderte von Tagen verbringen Swoof und Troy, zwei Scharfschützen des Marine-Korps, in der Wüste der Operation Desert Storm, des ersten amerikanischen Golfkriegs. Aber den Krieg erleben sie nur aus der Ferne, nicht greifbar, geisterhaft: das Geräusch von Cruise-Missiles über ihren Köpfen, den Geruch brennender Ölquellen, den Anblick ausgebrannter Wracks und verkohlter Leichen. Aber die zwei Scharfschützen kommen nicht zum Schuss. Das macht sie krank. Das macht sie wahnsinnig. Warten, schwitzen, trainieren – und niemals kämpfen. Das Leiden der Soldaten am Krieg ist das Thema vieler Kriegsfilme und auch das Thema dieses Kriegsfilms. Aber es ist ein anderes Leiden, das Sam Mendes hier zeigt. Und darum ist sein Kriegsfilm anders als alle anderen.

Es gehört zum comment des Kriegsfilms, den Krieg zu verachten – und dann eine gute Geschichte darüber zu erzählen. Wenn sich John Wayne im Pazifik rumtreibt und Richard Burton in den Ardennen, dann ist der Krieg eine echt üble Geschichte, und viele gute Jungs müssen dran glauben, aber am Ende kommt alles in Ordnung. Dann zerrissen Coppolas Apocalypse Now und Ciminos Deer Hunter diese Ordnung mit der Selbstkritik und dem Psychologismus der siebziger Jahre: Der Krieg wurde zu Irrsinn und Auflösung und Entfremdung, und die Marines wurden zu den Dschungelkämpfern der Seele. Aber an der Haltung der Regisseure zum Krieg änderte das nichts. Er war immer noch die Hölle. Jetzt erst recht. Und niemand geht freiwillig in die Hölle. Oder? Und nun zeigt uns Sam Mendes den Marine Anthony Swofford, einen sympathischen, intelligenten amerikanischen Jungen, der ernsthaft Bock aufs Ballern hat. Der endlich einen Iraker umlegen will. Einfach so. Kein Hass, keine Rache, weder Pflicht noch Trauma, noch Wahn. Nur Lust aufs Jagen und Töten. Und dessen größtes Problem dann darin besteht, dass es dazu niemals kommt. Dass er nicht einen einzigen Schuss abfeuern darf in diesem ganzen gottverdammten Krieg, weil die Luftwaffe immer schneller ist. Das ist skandalös und unmoralisch und vollkommen neu.

Swoof und Troy haben Stellung bezogen und ihre Zielfernrohre ausgerichtet. Drüben steht der Tower eines Flughafens, im Fenster erscheint ein irakischer Offizier. Das Ziel. Sein Kopf bewegt sich im Fadenkreuz. Scharfschützen arbeiten zu zweit. Einer bedient die Waffe. Der andere berechnet Entfernung und Windgeschwindigkeit und gibt den Befehl zum Schuss. Ein leiser Singsang, »Fire. Fire. Fire«. Beim letzten Mal wird abgedrückt. Aber dazu kommt es nicht. Ein Army-Offizier stürzt in die Stellung und befiehlt den Abbruch. Die Luftwaffe werde gleich kommen und die Sache erledigen. Die Marines protestieren: Ihr kill, ihre Mission. Sie schreien. Sie bitten. Am Ende flehen sie, man möge sie schießen lassen. Das sei doch ihre Aufgabe. Dafür seien sie doch hier. So viele Monate. In Hitze und Sand und Wüste. In dieser Einsamkeit. Der Offizier lehnt ab. Und dann ist da nur ein Rauschen in der Luft, und wo der Tower war und der Flughafen und der irakische Offizier, erhebt sich eine Wand aus Flammen und Rauch, und die Sache ist erledigt. »Ihr hättet nur einen erwischt«, sagt der Offizier und geht.

Mendes hat sich das nicht ausgedacht. Den Marine Anthony Swofford hat es gegeben, wie es den Krieg gab, in dem er nicht zum Kämpfen kam. Swofford hat vor zwei Jahren sein Buch über seine Zeit im Desert Storm veröffentlicht. Es war in Amerika ein Bestseller und ist seit langem das beste Buch über den Krieg. Swofford schrieb darin: »Ganz egal, wie die Botschaft eigentlich lautet oder was Kubrick, Coppola oder Stone sagen wollten. Kampf, Vergewaltigung, Krieg, Plünderung, Brand. Filmbilder von Tod und Verwüstung sind Pornografie für den Soldaten; sie reiben seinen Schwanz und kitzeln seine Eier mit der rosa Feder der Geschichte, geilen ihn auf für sein erstes Mal.«