Dienstag vergangener Woche ging es ungewohnt hektisch zu in den Redaktionsbüros von Science. Da war eine als "letter" deklarierte Stellungnahme bei dem Wissenschaftsmagazin in Washington eingetroffen, geschrieben von acht international anerkannten Stammzellforschern, unter ihnen der Dolly-Vater Ian Wilmut. Das Papier enthielt ein kühl formuliertes Ultimatum an den ins Zwielicht geratenen koreanischen Klonforscher Hwang Woo-Suk. Wilmut und Kollegen verlangten von dem als Klonkönig von Seoul berühmt gewordenen Forscher, er möge ihnen seine angeblich geklonten embryonalen Zelllinien zur Prüfung aushändigen. Im letzten Satz des Textes stand das MWort: "misconduct", zu Deutsch: Fehlverhalten. Deutlicher kann man unter Kollegen nicht werden. Noch lächelt er, der Klonkönig BILD

Spätestens da musste jedem klar sein, dass der Shooting-Star der Klonforscher unter massivem Verdacht stand. Der Vorwurf: Er habe Daten geschönt, gefälscht, seine geklonten Zelllinien seien womöglich zum größten Teil frei erfunden.

Die Stammzellforscher hatten sich an Science gewandt, weil das Blatt jene Arbeiten des koreanischen Forschers veröffentlicht hatte, die nun unter Fälschungsverdacht geraten sind. Im Februar 2004 hatte Hwangs Team von der Seoul National University berichtet, ihm sei erstmals die Herstellung von embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) aus einem geklonten menschlichen Embryo gelungen. Kurz darauf, im Mai dieses Jahres, publizierte der Koreaner die zweite Ruhmestat: Man habe ES-Zellen von elf schwer kranken Patienten geklont.

Wie ernst Science die Zweifel nimmt, zeigt die Reaktion auf das Ultimatum der acht Forscher. Nach wenigen Stunden akzeptierte Chefredakteur Donald Kennedy das Papier und gab es umgehend als Science Express -Veröffentlichung auf der Internet-Seite des Magazins frei. Vermerk: eingegangen 13. Dezember, akzeptiert 13. Dezember, veröffentlicht 13. Dezember. So schnell geht das sonst nicht, weder bei Science noch bei anderen wissenschaftlichen Publikationsmedien.

Hwang gibt immer nur so viel zu, wie er gerade muss

Nun herrscht in der Forschergemeinde Entsetzen: "Ich kann es gar nicht fassen", sagt der Stammzellforscher Rudolph Jaenisch vom Whitehead Institute im amerikanischen Cambridge, "wenn die Vorwürfe stimmen, wäre es einer der größten Skandale, von denen man je gehört hat." Seinen Kollegen Hans Schöler hat derweil eine "fast depressive Stimmung" erfasst. "Bald gehe ich ins Kloster und meditiere für die Biologie", klagt der Direktor des Münsteraner Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin. Bislang hatte er den Südkoreaner stets gegen Vorwürfe verteidigt, nun aber ärgert sich Schöler über Hwangs salamitaktische Art, Geständnisse abzuliefern: "Er gibt immer nur gerade so viel zu, wie er unbedingt muss."

Erst die rigorose Untersuchung der Zelllinien aus Hwangs Labor – wenn es sie denn überhaupt gibt – kann Klärung in der Affäre bringen. Dazu müssten allerdings aufwändige genetische Untersuchungen, so genannte Mikrosatelliten-Analysen, von unabhängigen Experten durchgeführt werden. Jede Arbeit aus Hwangs Labor, prophezeit Jaenisch, sei "nun infrage gestellt". Schon hat Science angekündigt, auch das erste Klonpapier des Koreaners prüfen zu wollen.

Bestätigen sich die Vorwürfe, würde wohl nicht nur die koreanische Wissenschaft in Mitleidenschaft gezogen. "Das könnte auf die ganze ES-Zellforschung zurückschlagen", befürchtet Ernst-Ludwig Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.