DIE ZEIT: Frau Beisiegel, wäre ein Fall Hwang auch bei uns denkbar?Ulrike Beisiegel: Das wäre in jedem Land der Welt denkbar. Auch die Entwicklung des Falles – erst mal abstreiten, solange es geht, dann nach und nach zugeben – ist typisch. Das kennen wir aus nahezu allen großen Fälschungsfällen der Vergangenheit. ZEIT: Die Forscher müssen doch damit rechnen, dass Ungereimtheiten irgendwann auffliegen. Beisiegel: Leute, die fanatisch Wissenschaft betreiben, verlieren leicht den Boden unter den Füßen, vor allem, wenn sie so gefeiert werden wie Hwang. Solche Forscher leben in einer eigenen Welt und fühlen sich als die Größten. Zugleich sind sie Getriebene: Sie wollen, ja sie müssen neue, aufsehenerregende Ergebnisse liefern. Da ist das Wunschdenken oft so stark, dass es alle Bedenken beiseite wischt. Wenn sich ein gewünschtes Ergebnis auch nur annähernd abzeichnet, hält man es gleich für bewiesen und hört auf, es kritisch zu hinterfragen. Und man merkt nicht mehr, wie man damit auch die Untergebenen ansteckt. ZEIT: Vor allem die Biomedizin scheint für Fälschungen besonders anfällig zu sein. Warum? Beisiegel: Biomedizinische Forschung steht unter besonderem Druck: Zum einen ist es ein rasant wachsendes Feld, da will jeder vorn mit dabei sein. Zum anderen bietet es die Aussicht auf Therapien, da sind auch die gesellschaftlichen Erwartungen extrem hoch. Außerdem ist die Biomedizin stark fälschungsanfällig, weil wir mit lebenden Systemen arbeiten. Einen bestimmten Patienten, eine Ei- oder Stammzelle gibt es immer nur einmal. Unsere Experimente sind also, anders als in der Physik oder Chemie, immer individuell und nur schwer wiederholbar. ZEIT: Dennoch muss es eine Kontrolle geben. Beisiegel: Die wirksamste Kontrolle ist natürlich der Austausch von Material, auch von Patientenmaterial. Mediziner tun immer gut daran, ihre Befunde mit Kollegen auszutauschen. Das heißt aber, dass man auch den Erfolg teilen muss. Und das wollen viele nicht. ZEIT: Zeigt der Fall nicht auch, dass die Kontrollmechanismen der Zeitschriften überfordert sind? Beisiegel: In gewisser Weise sind sie überfordert, das liegt allerdings nicht an den Zeitschriften selbst, sondern eher an den Gutachtern. Die haben meist einfach nicht genug Zeit. Vermutlich hätten sie auch im Fall Hwang Ungereimtheiten erkennen können. Aber das geht nicht, wenn ein viel beschäftigter Wissenschaftler zur Begutachtung nur zwei Wochen Zeit hat. Dennoch lehnt kaum jemand einen solchen Auftrag ab, weil es eine hohe Ehre ist, etwa für Science Gutachter zu sein. ZEIT: Von David Hume stammt der Satz, außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise. Hat man diese von Hwang eingefordert – oder war man bei ihm besonders nachsichtig, weil er als Star galt? Beisiegel: Vermutlich Letzteres. Wer schon einmal Großes geleistet hat, dessen Arbeiten werden wohlwollender beurteilt. Da sagen dann die Gutachter: Die werden das schon können. ZEIT: Eine Gruppe junger Wissenschaftler forderte kürzlich, die Gutachter sollten den Namen der zu Begutachtenden nicht kennen. Arbeiten sollten anonymisiert werden. Was halten Sie davon? Beisiegel: Ein sehr guter Punkt. Gutachter sind auch nur Menschen: Selbst wenn sie objektiv sein wollen, lassen sie sich von Namen beeinflussen. ZEIT: Fallen die Vorwürfe gegen Hwang also auch auf die Zeitschrift Science zurück? Beisiegel: Das kann jeder Zeitschrift jeden Tag passieren. Um das zu verhindern, müssten sich die Zeitschriften gemeinsam darauf einigen, weniger Arbeiten zu publizieren – und wegzukommen von den schnellen Online-Veröffentlichungen. Denn diese Schnelligkeit macht eine saubere Begutachtung unmöglich. ZEIT: Klingt gut. Aber die Zeitschriften stehen in Konkurrenz zueinander. Beisiegel: Sicher, eine solche Reduktion von Publikationen ist nicht in deren Interesse. Die Zeitschriften wollen möglichst viel verkaufen. Und sie wollen die Ersten sein. Dennoch zeigt der Fall Hwang, dass man auch ethische Aspekte in der Forschung berücksichtigen muss. ZEIT: Im Sport wird bei Spitzenleistungen ein Dopingtest fällig. Brauchte man auch in der Wissenschaft eine internationale Kontrollbehörde, die sich wichtige Arbeiten genauer anschaut? Beisiegel: Es wäre sicher vernünftig, wenn man bei bahnbrechenden Arbeiten nicht nur zwei Gutachter beauftragt, sondern sie von einem größeren Gremium prüfen lässt. In Deutschland könnte das etwa eine Gruppe des Wissenschaftsrats sein oder eine Akademie. ZEIT: Was schadet der Wissenschaft mehr: große Skandale wie der aktuelle – oder der kleine Betrug, das alltägliche "Schönen" von Daten, das gar nicht erst an die große Glocke gehängt wird? Beisiegel: Natürlich müssen wir auch kleine Unsauberkeiten ernst nehmen. Am Fall Hwang besorgt mich als Ombudsfrau aber vor allem, dass solche Forscher Vorbild sind. Wenn da jetzt nicht ganz konsequent vorgegangen wird, hat das eine fatale Wirkung auf junge Forscher. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, muss das hart bestraft werden. Da darf auch ein Nationalheld nicht weiter gestützt werden. ZEIT: Welche Rückwirkungen hat der Fall auf die deutsche Stammzellforschung? Beisiegel: Ich befürchte für die Stammzellforschung international einen großen Rückschlag. Wer ihr skeptisch gegenüberstand, wird nun noch skeptischer sein, sowohl wegen des ethischen Fehlverhaltens – der unzulässigen Eizellspende von Mitarbeiterinnen – als auch wegen der Fälschungsvorwürfe. Man erinnere sich an die Gentherapie: Als 1999 der Patient Jesse Gelsinger bei einem voreiligen Therapieversuch starb, war das Feld erst einmal erledigt. ZEIT: Nun ist zum Glück in der Stammzellforschung noch niemand gestorben. Könnte der Fall Hwang auch eine Art heilsamen Schock auslösen? Beisiegel: Das wäre zu hoffen. Gerade in der Stammzellforschung sind die Wissenschaftler gefährdet, ihre Ergebnisse allzu enthusiastisch zu beurteilen und abzuheben. Eine gewisse Besinnung wäre gar nicht falsch. Vielleicht hilft der Fall Hwang, mal wieder auf den Boden zu kommen. Die Fragen stellte Ulrich SchnabelDie Biochemikerin Ulrike Beisiegel forscht am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg unter anderem an adulten Stammzellen. Sie ist Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft (DFG) für Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens