Eine junge Wissenschaftlerin unserer Universität bat mich als Vorsitzenden der Senatskommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis um eine Beratung: Während eines "wissenschaftlichen Surfens" habe sie eine Publikation gefunden, die die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit mit ihr als Zweitautorin darstelle. Allerdings waren die Daten der Methode verändert, und sie habe ihr Einverständnis zu dieser Publikation nicht gegeben. Meinem Rat, den Seniorautor der fragwürdigen Publikation – ihren ehemaligen Doktorvater – um Aufklärung zu bitten, folgte sie.

Erst nach Mahnung kam die Antwort des Wissenschaftlers, mittlerweile Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er brachte das "privat hohe Einvernehmen während der Promotionszeit" ins Spiel, außerdem "hätte sie ja jetzt eine Publikation". "Eine Erinnerung an Veränderung der Daten" bestehe nicht. Daraufhin habe ich der Wissenschaftlerin geraten, bei der Zeitschrift, in der die Arbeit erschien, um ein Erratum zu bitten.

Die wiederum verzögerte Antwort – nach Mahnung – lautete sinngemäß: Es sei niemandem ein Schaden entstanden, außerdem läge der Vorgang drei Jahre zurück. Das gewünschte Erratum wurde abgelehnt. Der Herausgeber merkte an: "Die Wissenschaftlerin habe ja durch Unterschrift der Publikation zugestimmt." Diese Unterschrift, versichert die Wissenschaftlerin, sei gefälscht.

Die Heidelberger Senatskommission hat darauf an die jetzige Universität des "Doktorvaters" geschrieben und den dortigen Ombudsmann um Stellungnahme gebeten.

Die Antwort aus München kam erst nach Mahnung. Zitat: "Rein formal gesehen liegt ein Fall des wissenschaftlichen Fehlverhaltens (…) vor. (…) Die Veröffentlichung erfolgte ohne Einwilligung der Wissenschaftlerin. Bei näherer Würdigung erscheint das Verhalten indessen entschuldbar." Eine Publikation mit Unterschrift sei – da die Anschrift der Autorin nicht bekannt war – nicht möglich gewesen, und eine Veröffentlichung der Studie ohne Erwähnung der Mitautorenschaft der Wissenschaftlerin hätte den Tatbestand des Plagiats und damit einen schweren Verstoß gegen das Urhebergesetz dargestellt. Die Alternative, die Studie ohne den Beitrag der Wissenschaftlerin zu veröffentlichen, hätte die Aussagekraft der Publikation entscheidend geschwächt. Soweit die Wissenschaftlerin den Vorwurf erhebe, es lägen Abweichungen zwischen publiziertem Manuskript und ihrer Doktorarbeit vor, erfülle dies von vornherein nicht den Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

Dieser schriftlichen Bewertung fügte der Ombudsmann am Telefon hinzu, dass die Unterschriftserbringung als Akt "stillschweigenden Einverständnisses" gesehen werden kann. Sei die Wissenschaftlerin anderer Meinung, könne eine strafrechtliche Bewertung des Falles ihrerseits erfolgen.

Die Senatskommission bat nun den Rektor dieser Universität um Bewertung. Auch jetzt musste die Antwort durch Mahnung eingefordert werden, und sie lautete zusammengefasst: Da der Kollege zum Zeitpunkt der Publikation an einer anderen Universität tätig war, sei die jetzt ihn beherbergende Universität hierfür nicht zuständig. Sollte die andere Universität ein Fehlverhalten feststellen, würde der Vorgang dann disziplinarrechtlich verfolgt werden.

Diese Universität (Freiburg) wurde – der Vorgang ist mittlerweile eineinhalb Jahre alt – ebenfalls vollständig informiert. Nach Mahnung erhielten wir eine schnelle Antwort: Die dortige Kommission sehe keinen Handlungsbedarf; der Fehler in der Methode und die Publikation ohne Einwilligung seien als geringfügig anzusehen.

Die Mitglieder der Heidelberger Senatskommission werden sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden geben. Unabhängig von allen formaljuristischen Interpretationen, ist es gravierendes Fehlverhalten und ein erheblicher Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis, wenn erstens die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Arbeit verändert werden, zweitens der Herausgeber der publizierenden Zeitschrift das Erratum verweigert und drittens die Unterschrift zur Bestätigung der Autorenschaft von einer anderen Person als der Autorin geleistet wird.

Bleibt an uns alle die Aufforderung, dass wir unser Handeln im Feld der Wissenschaft immer wieder kritisch hinterfragen – und bei Irrtümern diese zugeben und sofort korrigieren.

Der Autor ist Kinderradiologe und Prorektor für Forschung an der Universität Heidelberg. Dort ist er Vorsitzender der Senatskommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zum Umgang mit Fehlverhalten in der Wissenschaft