südamerika Koka für alle!
Boliviens neuer Präsident Evo Morales gilt in den Anden als Held und in den USA als Terrorist
La Paz
Die Bourgeoisie Boliviens ist in Aufruhr. Der Sieger der Präsidentenwahl vom vergangenen Sonntag heißt Evo Morales; der Sozialist erhielt deutlich über 50 Prozent der Stimmen, weit mehr, als Meinungsforscher ihm prognostiziert hatten. Morales hätte seinen Wahlkampf durch Rauschgifthandel finanziert und mit Geldern, die ihm der venezolanische Scharfmacher Hugo Chávez habe zukommen lassen, munkeln Leute in den besseren Stadtteilen von La Paz. Manche reden von Emigration und Exil. Sie überweisen ihre Dollarguthaben in die USA. Berichte aus Washington heizen die Stimmung an. Morales sei geheimdienstlichen Informationen zufolge »ein Terrorist und Mörder, das Schlimmste, was in Lateinamerika seit langem passiert ist«, zitierte die Offiziere einer amerikanischen Militärakademie.
Der »Terrorist und Mörder« trägt am liebsten Sportschuhe, Jeans und eine verschossene Webpelzjacke. Über seinem tiefbraunen Gesicht bäumt sich ein ungebärdiger, schwarzer Haarschopf. Morales ist ein Indio aus dem Volk der Aymara, vor allem die Mehrheit der armen Bolivianer aus dem Hochland hat ihn gewählt. Während des Wahlkampfes besuchte Morales noch die entlegendsten Landstriche, fernab der Routen der anderen Kandidaten. Auf einer dieser Reisen hält er nach einer abenteuerlichen Fahrt über eine Schotterpassstraße, die auf über 5000 Meter hinauf führt, in einem entlegenen Bergdorf in den Anden an. Die Dörfbewohner bedrängen ihn gleich: »Wo ist unser Koka? Hast du uns kein Koka mitgebracht?« Morales antwortet grinsend: »Hier steht ein Kokabauer vor euch. Seid ihr damit nicht zufrieden?«
Der künftige Präsident ist tatsächlich Kokaproduzent, er besitzt Felder in der Region Chapare und ist stolz darauf. Nicht dass er Rauschgift gutheißen würde, an einer Politik von »Null Toleranz für Kokain« will er festhalten. Aber das Kauen von Kokablättern gehört für ihn wie für die meisten Indios zur Lebensart der Andenbewohner seit Jahrhunderten. Koka ist für Morales ein Symbol nationaler Unabhängigkeit. Je mehr die Amerikaner daran Anstoß nehmen, umso besser für ihn. Denn für die USA, die den Kokaanbau (bislang gemeinsam mit dem bolivianischen Militär) zu unterdrücken versuchen, sagt Morales, sei der Kampf gegen Drogen nur ein Vorwand zur Ausweitung ihres Einflusses in Südamerika.
Bald nach Morales Eintreffen in dem Ort folgt ein Lieferwagen, der in Plastiktüten abgefüllte grüne Kokablätter geladen hat. Morales teilt sie mit vollen Händen aus, unbekümmert darum, dass er das Volk sonst immer ermahnt hatte, sich nicht durch Wahlgeschenke beeindrucken zu lassen.
Geografisch betrachtet, ist Bolivien der Mittelpunkt Südamerikas. Che Guevara versuchte vor vierzig Jahren von hier aus die sozialistische Revolution auf dem Kontinent zu entflammen. Das bolivianische Militär erschoss ihn in den Vorbergen der Anden. Militärregierungen erstickten rundum die von Che inspirierten Rebellionen. Den Militärs folgte eine von Washington und der Weltbank erzwungene neoliberale Revolution. Jetzt erfährt der Kontinent eine neue Umwälzung. Nach Morales’ Amtseinführung am 22. Januar werden 300 der 365 Millionen Einwohner Südamerikas in Ländern leben, deren Regierungen sich in der einen oder anderen Form zum Sozialismus bekennen. Sie kamen alle in demokratischen Wahlen an die Macht.
Als jeder Einwohner des Bergdorfes seine Tüte mit Kokablättern erhalten hat, bricht Morales wieder auf. Die Fahrt führt durch ein schluchtartiges Tal nach Quime, einem wildromantischen Bergarbeiterstädtchen, dessen Bevölkerung letztes Jahr gewaltsam eine Feinzinnmine beschlagnahmt hatte. Zu Morales’ Begrüßung jagen die Minenarbeiter Dynamitstangen in die Luft. Das Echo der Explosionen hallt donnernd von den Talwänden zurück. Die Einwohner schmücken Morales mit einer Kette aus Margeriten und Kokablättern. Auf dem Marktplatz dann eine Szene wie aus einem sowjetischen Propagandafilm der zwanziger Jahre: Minenarbeiter tragen mit markigen Gesichtern ihre braunen Helme zur Schau. Geballte Fäuste begleiten ein heroisches Absingen der Nationalhymne. Morales beschwört vom Rathausbalkon herab eine Volksfront im Kampf gegen US-Imperialismus und Neoliberalismus, ein Bündnis von Minenarbeitern, Kokabauern, Umweltorganisationen, Sportlern, Intellektuellen und – er erwähnt die Berufsgruppe sechsmal – Zahnärzten.
Morales redet gern von einem Wendepunkt der Geschichte. Nun breche eine »neue Zeit« an, rief er in der Wahlnacht seinen Anhängern zu. Der 46-jährige Indio wird der erste Präsident Lateinamerikas, dessen ethnische Wurzeln in die Zeit vor der spanischen Eroberung zurückreichen. In seinem Weltbild gibt es eine »Kultur des Todes«, die Kultur des Westens, und eine »Kultur des Lebens«, die Kultur der Indios. Er glaubt an die Erdgöttin Pachamama, die Schöpferin des Menschen und aller Produkte des Bodens. Was dem Volk nützt, gefällt ihr. Doch wenn ausländische Konzerne einen Gewinn aus dem Boden des Landes schlagen, wird sie zornig. »Wir sind die unbeschränkten Besitzer dieses noblen Territoriums«, sagt Morales.
Doch hinter den pathetischen Worten verbirgt sich ein gutes Maß Pragmatismus. Zwar redet Morales immer wieder von der Verstaatlichung der Öl- und Gasindustrie. Das Land besitzt die zweitgrößten Gasfelder Südamerikas. Jeder verspricht sich von deren Ausbeutung ein Ende der Armut. Doch Morales scheint klar zu sein, dass dem Land das Know-how fehlt, die meistenteils erst kürzlich entdeckten Vorkommen ohne fremde Hilfe zu erschließen. Deshalb hat er bei einem Treffen mit Lula da Silva, dem Präsidenten Brasiliens, bereits vorgebaut. Ein Präsident Morales wird dem brasilianischen Energiekonzern Petrobras, der jetzt schon den Löwenanteil des bolivianischen Ölmarktes kontrolliert, Sonderkonditionen einräumen. Die politische Rhetorik richtet sich vor allem gegen die USA.
Der Soziologe und ehemalige Guerillero der Tupac Katari (EGTK) Álvaro García Linera, der während der Militärdiktatur in den achtziger Jahren fünf Jahre im Gefängnis saß, wird voraussichtlich Morales’ Vizepräsident werden. Mit dem Brasilianer Lula, sagt Linera, teile Morales das Bedürfnis, integrativ zu wirken. Mit dem Venezolaner Chávez dagegen habe er den Antiamerikanismus gemein, außerdem das Streben nach lateinamerikanischer Solidarität.
Morales’ Anhänger glauben, dass der Einfluss der USA – immerhin für Bolivien das größte Geberland von Entwicklungshilfegeldern – bald verschwinden wird und sich die eigenen Lebensbedingungen schlagartig verbessern. Wie wird die Regierung mit der unabwendbaren Enttäuschung umgehen, wenn sich die überspannten Erwartungen nicht erfüllen? Lineras Antwort klingt rührend arglos in einem Land, in dem Straßengewalt und Blockaden zur Durchsetzung selbst profaner Partikularinteressen zum Alltag gehören: »Wir müssen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir brauchen Hoffnung, wir brauchen Vertrauen.«
Über Morales’ Werdegang gibt es verschiedene Versionen. Folgt man der offiziellen, die seine Mitarbeiter verbreiten, kam er 1959 als eines von sieben Geschwistern einer armen Landarbeiterfamilie in einem kleinen Andendorf zur Welt. Vier Geschwister starben, bevor sie drei Jahre alt waren. Der kleine Evo aß zum ersten Mal eine Orange, als er eine Lamaherde über den Transamerican Highway trieb – ein Autofahrer hatte sie aus dem Fenster geworfen. Als junger Mann zog Morales ins Tiefland, wo die Regierung in den neunziger Jahren unter einem Regionalentwicklungsplan Landparzellen an Neubauern verteilte. Dort begann sein politischer Aufstieg als Gewerkschaftsführer der Kokabauern. Aus der Gewerkschaft entsprang sein Movimiento Al Socialismo (MAS). Befragt, ob Morales überhaupt die für das Amt notwendigen analytischen Fähigkeiten habe, antwortet Linera, sein künftiger Vizepräsident, nach einer langen Pause: »Ein Präsident braucht ein gutes Team. Das hat er.«
Auf der Rückfahrt aus Quime erfährt das Gerücht von den Ölmillionen aus Venezuela, die Morales’ phänomenalen Aufstieg angeblich finanzierten, einen ulkigen Dämpfer. Zwei Begleitfahrzeugen, in denen Parlamentskandidaten und Parteiarbeiter sitzen, geht das Benzin aus. Die Fahrer hatten nur 80 Bolivianos (acht Euro) zum Tanken mitbekommen. Damit kommt man auch in Bolivien nicht weit.
- Datum 21.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.12.2005 Nr.52
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Da hier so viele Leser mit Begeisterung ueber die Wahl von E.Morales schreiben scheint das ueberwiegend anti-amerikanische Resentiment in Deutschland immer hoehere Wellen zu schlagen.Dabei wissen die meisten Leute wenig ueber den Mann,seine Wahl Rhetorik wird er sicherlich nicht
zum Regierungs-Programm machen koennen denn da sind auch noch andere Einfluesse,die auch Herr Morales nicht ignorieren kann.Aber in Zeiten wo immer mehr Deutscche zu Drogen greifen sollte eigentlich ein Praesident ,der den Koka Anbau unterstuetzt Anlass zu Besorgnis sein.Deutschland gibt einen Haufen Geld aus um Drogen und Drogensucht zu bekaempfen und hier wird ein Mann hochgelobt der den Anbau und auch den Verkauf von Drogen nicht nur toleriert sondern auch foerden will....
Was immer mit der schönen, aber vagen Formulierung gemeint sein mag: dass seine ethnischen Wurzeln in die Zeit vor der spanischen Eroberung zurückreichten - dies stimmt nicht, auch Alejandro Toledo, der Präsident Perus, ist indigener Herkunft.
Könnte Allende heute so einfach von der CIA erledigt werden ?
www.leitkulturevolution.de
Hier zeigt sich wieder die Ekel-Fratze der USA in ihrer Beurteilung Viel Erfolg und viel Glück Evo Morales, und lass dich nicht beirren!!
1. Die Position von Evo Morales - "Null Toleranz fuer Kokain" ist wenig glaubhaft. Evo Morales ist seit etwa 20 Jahren Vorsitzender der straff gewerkschaftlich organisierten Kokabauern. Er hat waehrend dieser Zeit verschiedene Vertraege mit verschiedenen Regierungen unterschrieben, in denen er seine wie die Unterstuetzung der Gewerkschaft versichert hat, die Kokainproduktion zu unterbinden - wozu die maechtigen Gewerkschaften durchaus in der Lage waeren. Da ihm aber wahrscheinlich bewusst ist - dass zwischen 80 und 90 % der Koka in die Kokainproduktion gehen und der Kokapreis ins bodenlose abstuerzen wuerde, wenn die Kokaproduktion unterbunden wuerde und dass viele Kokabauern/Gewerkschaftsmitglieder die Koka direkt bei den Kokakuechen abliefern die in ihrer Nachbarschaft fuer alle erkennbar arbeiten, bleibt dies ein reines Lippenbekenntnis. Von den Kokakuechen - anscheinend werden taeglich drei von ihnen gefunden und zerstoert, sind wie alle vorherigen Regierungen kritisierten, keine einzige von Evo Morales oder von seinen sechs Teilgewerkschaften angezeigt worden. Im Gegenteil, wurden und werden moeglicherweise noch Bauern unter Druck gesetzt- bis zur Androhung, ihnen ihre Laendereien wegzunehmen, wenn sie Angebote der Regierung annehmen wuerden, die Kokaproduktion freiwillig einzustellen und mit dem Anbau alternativer Produkte zu beginnen. Im Chapare - der umstrittenen Kokaregion in der auch Evo Morales Gewerkschaftsvorsitzender ist hat nur eine minimale Minderheit der Bauern Besitztitel ueber ihre Laendereien, und das Land wird von den (Koka)Gewerkschaften zugeteilt.
2. Bislang sind in Bolivien 12 000 Hektar Kokaanbau gesetzlich erlaubt, jedoch in der Zona Yungas (La Paz) und nicht im Capare (Cochabamba). Im Gesetz "1008" wird geschaetzt, dass diese 12 000 Hektar den traditionellen Konsum abdecken, was darueber hinausgeht ist illegaler Anbau. Die vorherige Regierung hat Evo Morales angeboten, ein internationales Gutachten einzuholen um eine Neufestsetzung der legalen Anbauflaechen zu erreichen und diese im Gesetz zu verankern. Evo Morales wurde sogar das Recht eingeraeumt, selbst eine international anerkannte Institution auszusuchen, die dieses Gutachten erstellt. Dies hat er aber stets gemieden wie der Teufel das Weihwasser, wahrscheinlich wissend, dass er dann selbst diese Ergebnisse akzeptieren und damir einer Reduzierung der derzeit etwa 35 000 Hektar zustimmen muesste.
3. Mit der von Morales angekuendigten Freigabe bzw. Straffreiheit der Kokaproduktion besteht die Gefahr einer immensen Ausweitung der Kokainproduktion. (Und moeglicherweise auch die Gefahr, dass die illegale Kokaproduktien der Nachbarlaender wie z.B.des Peru, das legale Bolivien als Operationsbasis benutzt) Die immer wieder und auch jetzt beschworene Suche einer alternativer Industralisierung der Koka war bislang und wird wahrscheinlich auch jetzt erfolglos bleiben. Ich erinnere mich, wie Evo Morales vor Jahren verkuendete, in Italien wolle man aus Kokablaettern Likoer herstellen, was eine Ausweitung des legalen Anbaus gerechtfertigt haette, dieser Vorschlag verschwand dann aber eben auch sang und klanglos und aktuell gibt es eben keinen konkreten Vorschlag was man mir dieser Kokamenge anfangen koennte.
4. Der gesamte Komplex des Kokaanbaus ist ueberaus kompliziert und wahrscheinlich nicht von hier in Bolivien aus allein zu loesen. Kostete das Paket Kokablaetter in den neunziger Jahren zwischen 30 und 40 US Dollar ist der Preis seit der von der Banzerregierung erzwungenen gewaltsamen Reduzierung auf 200 US Dollar angestiegen, ein weiterer Anreiz fuer die Bauern Koka anzubauen. Die Regierungen der Konsumlaender, die selbst nicht mehr in der Lage sind das Problem zu kontrollieren, sollten sich deshalb ueberlegen, inwieweit nicht eine kontrollierte Freigabe des Kokains in ihren Laendern sinnvoll waere. Ein Wegfall der Illegalitaet haette hier den sinnvollen Effekt, dass die Preise fuer die Koka fallen wuerden und die Kokabauern sich ernsthaft ueberlegen muessten, ob sie nicht doch wieder Apfelsinen, Mandarinen oder Bananen anbauen sollten.
Es gab uebrigens schon einen lateinamerikanischen Praesidenten indianischer Abstammung. Benito Juarez, mexi-
kanischer Praesident von 1858 bis 1872
Michael Velten
Tegucigalpa
Das bolivianische Volk hat den charismatischen aber populistischen Evo Morales gewählt. Pro-Koka und Anti-Amerika haben wieder einmal gezogen. Mit Bolivien ist nun also nach Venezuela und Brasilien ein weiteres lateinamerikanisches Land dem neuen sozialistischen Bolivianismus (academickids.com/encyclopedia/b/bo/bolivarianism.html) verfallen, das die Befreiung vom Joch der USA verheisst.
Doch was heißt das? Der größte Einfluss der USA war neben der Drogenbekämpfung die Entwicklungshilfe. Und die wird nun ausbleiben. Werden Betriebe verstaatlicht - wie die bolivianische Erdölgesellschaft, die übrigens größtenteils der argentinischen Erdölgesellschaft gehört - wird ein Großteil der unternehmerischen Ober- und Mittelschicht mitsamt ihrem Geld abwandern.
Koka - auf der anderen Seite - ist für Bolivien wichtig und das was für Deutschland das Bier und für Frankreich der Rotwein ist. Zudem ist Koka nicht gleich Kokain und längst nicht so schädlich wie Alkohol. Koka ist im Gegenteil in Maßen sehr gesund.
Das bolivianische Volk hat die Armut, aber auch ihre eigene Identität gewählt. Ich hoffe, dass Evo Morales mehr drauf hat als populistische Sprüche. Ich hoffe, dass er einen bolivianischen Weg aus der Armut findet. Ich hoffe, er hat genügend Intelligenz, dass er auf grosse Verstaatlichungen verzichtet. Und ich wünsche ihm eine glückliche Hand. Denn die ersten Unruhen werden nicht lange auf sich warten lassen.
Dass den US-Moralisten ein Morales Angst einjagt, er könne sie mit ihren eigenen Waffen schlagen, ist hoffentlich ein gutes Zeichen. Angesichts der langen Tradition der Völkerverarschung steht Morales sicher vor einer Herkulesaufgabe. Das Glück wird ihm auch in dem, dem Himmel nähergelegenen Bolivien nicht in den Schoss fallen.
Sicher erhält er besondere Unterstützung aus Argentinien, wo das Volk nach dem Ausverkauf durch seine eigene Bürgerschicht, selbige zum Teufel wünschte. Heute steht Argentinien bereis wieder ganz gut da.
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