DIE ZEIT: Kann man sich Gott überhaupt wissenschaftlich nähern, seine Existenz beweisen oder widerlegen? David Sloan Wilson: Wir haben es vor 200 Jahren aufgegeben, zu prüfen, ob Gott existiert. Man hatte früher gedacht, die Existenz Gottes beweisen zu können, indem man Naturphänomene untersucht. Es stellte sich heraus, dass alle Vorhersagen, die auf das Wirken eines Schöpfers hingewiesen hätten, schlicht falsch waren. Deshalb wurde die Theologie aus der Wissenschaft vertrieben. Heute gehen alle Religionsforscher davon aus, dass es so etwas wie Gott in Wahrheit nicht gibt. ZEIT: Trotzdem behaupten Sie, Religion erklären zu können. Wie das? Wilson: Gott ist eine soziale Erfindung. Ich betrachte Religion als ein Phänomen der menschlichen Natur, als ein evolviertes Merkmal, ganz so wie Verhaltensmuster bei Tieren. ZEIT: Sie sagen, mit der Evolutionstheorie könne man Religion so präzise analysieren wie das Verhalten von Goldfischen. Meinen Sie das ernst? Wilson: Allerdings. Ich meine aber keinen genetischen Mechanismus wie Dean Hamer in seinem Buch The God Gene. Hamer sagt, es gebe Gene, in denen unsere Spiritualität kodiert sei. Zwar zeigen uns Zwillings- und Adoptionsstudien, dass Religiosität erblich ist. Aber die genetischen Einflüsse sind dabei erheblich komplizierter, als es das Schlagwort vom "Gottesgen" glauben macht. ZEIT: Also dann, wie entsteht Religion? Wilson: Religionen entwickeln sich in einem Evolutionsprozess, weil sie Überleben und Reproduktion von Menschengruppen beeinflussen. Religion ist ein symbolisches System, mit dem eine Gemeinschaft effizient organisiert werden kann. Religionstheorien gibt es schon lange, ökonomische, auch soziologische. Ich sage, Religion ist ein Produkt kultureller Evolution. Diese These haben wir an einer zufälligen Auswahl von 35 verschiedenen Glaubenssystemen überprüft – und weitgehend bestätigt gefunden. ZEIT: Geht es etwas konkreter? Wilson: Es ist keine neue Idee, religiöse Gemeinschaften mit einem vielzelligen Organismus gleichzusetzen, in dem viele einzelne Zellen zusammenarbeiten. Oder mit sozialen Insektenstaaten, deren Mitglieder voneinander abhängig sind und sich gegenseitig dienen. Die Frage ist: Haben wir eine Theorie, die vielzellige Organismen oder auch Bienenstaaten erklärt, und können wir diese auf religiöse Gemeinschaften ausdehnen? Und die Antwort ist: Jawohl, die gibt es. Sie ist Teil der Evolutionstheorie. Man nennt sie group selection. Sie erklärt, wie es dazu kommt, dass sich biologische Einheiten hochgradig kooperativ verhalten. ZEIT: Kooperative Individuen haben demnach bessere Überlebens- und Fortpflanzungschancen, weil sie damit das Überleben der Gruppe sichern, also auch ihr eigenes? Wilson : So in etwa. Es ist eine überraschende Erkenntnis der Biologie, dass wir Individuen von heute – Sie und ich – eigentlich Gesellschaften aus der Vergangenheit des Lebens sind. Unsere Zellen haben einen symbiotischen Ursprung, sie entstanden als eine Gemeinschaft von Bakterien, die später zu Mitochondrien und Chloroplasten und anderen Zellorganellen wurden. ZEIT: Übertreiben Sie jetzt nicht die Analogie? Wilson: Keineswegs. Das kann man noch weiter treiben: Die Chromosomen sind eine Form sozialer Kontrolle. Hätten wir die Gene in der Zelle als unabhängige Teilchen, könnten sie sich beliebig vermehren, es gäbe keine Sicherung gegen betrügende Gene, die sich an den gemeinsamen Ressourcen der Zelle bereichern. Da sie aber in den Chromosomen verbunden sind, replizieren sie als Gemeinschaftseinheit, und keines kann betrügen. Selbst die Entstehung des Lebens muss man als das Ergebnis einer Gemeinschaft kooperierender molekularer Reaktionen betrachten. Also, alles von der Entstehung des Lebens bis zu Insektenstaaten folgt der Theorie der Evolution von kooperativen Einheiten. Und nun stellt sich die Frage: Fallen auch Menschen unter diese Theorie? Und wenn ja, welche Rolle spielt dieser Prozess bei Religion? ZEIT: Glauben ist auch eine Frage von Geist und Bewusstsein. Das können Sie doch nicht mit den Verhältnissen im Ameisenstaat erklären. Wilson : Moment. Die Gehirne aller Tierarten haben sich entwickelt, um Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und als Resultat ein Verhalten zu erzielen. Alle Formen von Mentalität müssen also danach beurteilt werden, was für ein Verhalten sie bei dem Individuum auslösen. Wenn Sie menschliches Denken betrachten, müssen wir nicht fragen, ob es rational ist oder ob es uns ein wahrhaftiges Bild von der Welt gibt. Wir müssen untersuchen, welche Handlungen es auslöst. ZEIT: Aber die müssen mit der Realität übereinstimmen. Wilson: Nicht unbedingt. Unser Bewusstsein ist für Überleben und Reproduktion adaptiert. Es nimmt die Welt nicht exakt so wahr, wie sie wirklich ist. Wir wissen das von den Sinnen: So haben wir keinen Magnetsinn und sehen nur ein enges Spektrum des Lichts. Selbst das verfälschen wir, indem wir es in Farben zerlegen, die es in Wahrheit so gar nicht gibt. Die Verfremdung der Welt beginnt schon mit unserer basalen Wahrnehmung. ZEIT: Und auf diese Weise wollen Sie nun Religion erklären – als eine verfremdete Wahrnehmung der Welt, verbunden mit einem Überlebensvorteil? Wilson : Ich denke, so ist das. Religion ist verwirrend für Wissenschaftler. All diese Dinge, an die Menschen glauben, ohne dass es Anzeichen für ihre Existenz gibt – so eine Albernheit. Aber wenn man Glauben danach beurteilt, zu welchen Handlungen sie die Gläubigen veranlassen, dann haben die allermeisten der religiösen Systeme einen Sinn. ZEIT: Nennen Sie ein Beispiel. Wilson : Nehmen wir jenes der 35 Glaubenssysteme, das für mich die schwierigste Herausforderung war: der Jainismus, eine 3000 Jahre alte Religion, die von etwa drei Prozent der indischen Bevölkerung praktiziert wird. Das ist die seltsamste Glaubensform, die ich kenne. Ihre Anhänger sind extreme Asketen. Sie filtern ihre Atemluft und das Trinkwasser, sie fegen den Weg vor sich, nur damit sie nicht versehentlich kleine Tiere zertreten. ZEIT: Klingt ziemlich seltsam. Aber warum ist das für Sie eine Herausforderung? Wilson : Jains entsprechen dem Asketen-Klischee. Manche fasten sich zu Tode. Wie kann das ein vorteilhaftes Verhalten für irgendjemanden sein? Oder für eine Gruppe? Wo ist da überhaupt eine Gruppe! Dies ist genau die Art von religiösen Phänomenen, die mir Leute entgegenhalten. Die sagen: Aha, Mr. Wilson, wie wollen Sie das bitte erklären? ZEIT: Da sind wir auch gespannt. Wilson : Wenn man den Jainismus genauer analysiert, stellt sich heraus, dass die extremen Asketen nur eine winzige Fraktion der Jain-Gemeinschaft darstellen. Die Laien sind weniger strikt. Aber sie gehören zu den reichsten Kaufleuten Indiens – Edelsteinhandel. Die Jains leben in der Diaspora, in vielen kleinen Gemeinschaften. Sie transferieren große Summen und wertvolle Güter über weite Distanzen. Sie müssen sich also gegenseitig unbedingt vertrauen. Und genau das leistet ihre Religion: Ihr Glauben fordert strikte Kooperation, Betrug ist tabu. So bestätigt sich meine Theorie auch beim Jainismus glänzend: Religion ist ein kulturelles System, das Gemeinschaften hervorbringt und stabilisiert, Ausbeutung und Betrug minimiert. ZEIT: Das klingt zwar ganz plausibel. Aber ein eindeutiger Beweis ist das nicht. Vielleicht gibt es für die Religion auch ganz andere Gründe. Glauben könnte zum Beispiel ein Nebeneffekt bestimmter Hirnfunktionen sein; oder eine Reaktion auf das Wissen, dass wir sterben müssen. Wie wäre es mit der These, dass Religion die Suche nach einer Perspektive über den Tod hinaus ist? Wilson : Okay, das ist eine gute Hypothese, denn man kann sie testen. Auf ihrer Basis kann man Vorhersagen machen, die mit anderen Hypothesen nicht vereinbar sind. ZEIT: Lassen Sie uns den Test machen. Können Sie die Hypothese widerlegen? Wilson : Ja, ich glaube, das kann ich. Alle Menschen haben Angst vor dem Tod. Würde Religion uns helfen, damit klarzukommen, dann würden alle Religionen ein wunderbares Leben nach dem Tod versprechen wie das Christentum. Und das tun sie nicht, viele kennen das Paradies gar nicht. Die alte griechische Religion etwa… ZEIT: …bietet nur den Hades. Wilson : Ja, schauerlich. Und selbst das Judentum kennt keinen Glauben an ein Leben nach dem Tod so wie das Christentum. Oder nehmen Sie das Konzept der Wiedergeburt. Also ehrlich, wie viel Erleichterung bietet denn das? Die ewige Wiedergeburt als Käfer oder Pflanze kann ja nicht im Ernst über den Tod hinwegtrösten. Mehr noch, Ihre Hypothese würde auch die Diversität der Religionen nicht erklären. Träfe sie zu, müssten alle ziemlich gleich aussehen. Also, als große Theorie der Religion taugt Ihr Vorschlag wohl nicht. ZEIT: Aber reicht Ihre Stichprobe an 35 Religionen, um eine endgültige Erklärung zu liefern? Wilson : Das ist nur ein Anfang. Das Projekt soll künftig von einem Team aus Evolutionsbiologen und Religionswissenschaftlern betrieben werden. Als Erstes wollen wir uns die Konzepte zum Leben nach dem Tod detailliert vornehmen. Man kann diese Dinge unter das Mikroskop legen wie alle anderen Naturphänomene auch. ZEIT: Können Sie sich eine religionsfreie Gesellschaft vorstellen? Wilson : Ich weiß schon, was Sie meinen: Der Kommunismus war ein Fehlschlag, der Katholizismus siegte. Aber schauen Sie sich Westeuropa an – dort schwindet das Christentum. ZEIT: Aber dafür sehen wir eine Welle seltsamer esoterischer Glaubensrichtungen. Wilson : Natürlich. Jeder Mensch braucht ein Wertesystem, das ihm sagt, was er zu tun hat. Werte, die in gewisser Weise heilig sind. Aber das geht weit über Religion hinaus: Freiheit, sogar der Amerikanische Traum können heilig sein. Auf Werte können wir nicht verzichten. Auf Religion schon. Ich brauche keine Religion, ich bin Atheist. ZEIT: Und wie steht es mit der Menschenwürde? Wilson : Das ist ein Axiom, das unser Handeln bestimmt. Für eine religiöse Person hat solch ein Axiom die Form eines göttlichen Gebots. Atheisten bleibt nur zu sagen: Menschenwürde ist mein Axiom, aber frag mich nicht, warum. Wir haben keine Geschichte dazu zu erzählen. Trotzdem sind wir tief davon überzeugt. Und, glauben Sie mir, auch Menschenwürde hat eine Funktion für die Organisation einer Gemeinschaft. Das Gespräch führte Ulrich Bahnsen