Vermutlich ist das alles nur ein merkwürdiger Zufall, sagt sich Susanne Beyer*. Als die Ärztin damals, vor drei Jahren, am Morgen aus einem Alptraum aufwachte und in Panik ihre Tochter anrief, da ahnte sie nicht, dass sie in wenigen Tagen tatsächlich ganz nah am Tod vorbeischrammen würde.

Bakterien werden ihr Blut durchströmen, Streptokokken, und ihr Immunsystem wird, in einem verzweifelten Versuch, den winzigen Feind zu vertreiben, einen Generalangriff auf den eigenen Körper starten. Die Mediziner im Klinikum Memmingen werden ahnungslos im Dunkeln tappen und eine Fehldiagnose nach der anderen stellen. Erst nach Tagen auf der Intensivstation und unmittelbar vor dem Multiorganversagen der Susanne Beyer werden sie erkennen, woran die Frau leidet: Sepsis.

Sepsis. Wer mit einem Herzinfarkt lebend das Krankenhaus erreicht, hat eine Chance von 95 Prozent, die Attacke zu überstehen. Wer mit einer Sepsis in die Klinik kommt, dem bleibt nur noch eine 40-prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit. Als sich kürzlich ein Team von Ärzten auf 454 deutschen Intensivstationen umsah, um dort den Todesursachen auf den Grund zu gehen, da offenbarte sich: Im Schnitt sterben hierzulande Tag für Tag 162 Menschen an einer Sepsis . Aids fordert bei uns täglich zwei Menschenleben. »Es gibt wohl kaum eine Krankheit, die so dramatisch unterschätzt wird wie die Sepsis«, sagt der Leiter der Studie, Konrad Reinhart von der Universität Jena. Nach seinen Daten ist die Sepsis sogar die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Eine Blutvergiftung (Sepsis) kann von einer einfachen Wunde am Arm ausgehen (1). Häufigste Auslöser sind ganz gewöhnliche Erreger, die ohnehin Haut oder Schleimhäute besiedeln. Normalerweise werden die Keime von Immunzellen schon in der Wunde in Schach gehalten. Ist der Patient aber durch schwere Krankheiten geschwächt, dann gelangen die Erreger über das Blut oder die Lymphgefäße in den Kreislauf (2). Von dort aus verteilen sie sich rasch in alle Organe (3). Die Immunabwehr des Körpers gerät in den höchsten Alarmzustand und versucht, die fremden Eindringlinge unschädlich zu machen (4). In diesem Abwehrkampf bilden die Immunzellen massenhaft Botenstoffe wie den Tumor-Nekrose-Faktor-Alpha (TNF-Alpha) und Interleukin-1 (IL-1). Die Reaktion gerät dadurch außer Kontrolle. Überall im Körper schädigen die Substanzen die Blutgefäße, Flüssigkeit tritt in das Gewebe über. Die Blutgerinnung spielt verrückt. Außerdem weiten sich die Adern. Das Herz (5) kann bald nicht mehr gegen die Flüssigkeitsverluste anpumpen, und der Blutdruck stürzt ab. Ein lebenswichtiges Organ nach dem anderen, wie Leber (6) und Niere (7), fällt aus. Der Mensch stirbt. BILD

Weiße Blutkörperchen setzen Gifte frei, die die eigenen Organe zerstören

Papst Johannes Paul II. erlag einer Sepsis, ebenso Fürst Rainier, Rudolf Augstein und Christopher Reeve, der Superman-Darsteller. Offiziell hieß es, Augstein starb an einer Lungenentzündung, Reeve an Herzversagen. »Typisch«, meint Reinharts Kollege Frank Martin Brunkhorst. »Offiziell heißt es, der Patient starb an Herz- oder Kreislaufkomplikationen oder einer Lungenentzündung. Sieht man dann genau hin, war es oft eine Sepsis.«

Die Sepsis ist ein weitgehend unbekannter Killer. Unter einer Lungenentzündung oder einem Herzstillstand kann sich jeder etwas vorstellen, aber Sepsis? Ärzte meiden den Begriff, Laien kennen ihn kaum, obwohl hierzulande immerhin die Hälfte der Befragten die Sepsis, im Volksmund als »Blutvergiftung« bezeichnet, mit einer Infektion in Verbindung bringt.

Und genau damit beginnt sie, die Sepsis: in über 40 Prozent der Fälle mit einer Lungenentzündung, öfter auch mit einer Infektion der Harnwege wie bei Papst Johannes Paul II. »Aber schon ein eiternder Zahn kann der Auslöser einer Sepsis sein«, sagt Brunkhorst.

Normalerweise gelingt es dem Immunsystem, die räumlich begrenzte Infektion in Schach zu halten, sie an Ort und Stelle zu bekämpfen. Manchmal jedoch versagt dieser Schutz, und dann droht die Sepsis. Wenn etwa der Erreger besonders aggressiv ist. Oder – ja, vor allem dann – wenn unsere Abwehrkräfte geschwächt sind: im Alter, nach einer schweren Operation oder wegen einer Chemotherapie bei Krebs. Dann lauert die Gefahr, dass sich die lokale Infektion im ganzen Körper ausbreitet. Die Bakterien gelangen in die Blutbahn und infizieren nach und nach unsere Organe. Bis sie den ganzen Körper erobert haben.

Eine fatale Kettenreaktion kommt in Gang. Sobald der Körper erkannt hat, dass der Feind bis ins Innerste vorgedrungen ist, bleibt ihm nichts anderes übrig als der totale Gegenangriff: Alles, was uns an Abwehrkräften zur Verfügung steht, wird mobilisiert, Granulozyten, Monozyten, Makrophagen, Immunzellen, die fressen, was immer ihnen fremd vorkommt. Dutzende von Signalstoffen mit kryptischen Kürzeln wie TNF-Alpha und IL-1 locken die Abwehrtruppen herbei, wie sie es auch bei einer kleinen Wunde tun, die es zu säubern gilt, nur dass nun der ganze Körper als Wunde eingestuft wird. »Das Immunsystem schlägt Großalarm wie bei einem Feuer auf der Bohrinsel«, sagt Norbert Suttorp, Infektionsexperte an der Berliner Charité, dessen Intensivstation jede Woche im Schnitt zwei Sepsispatienten aufnimmt.