Kino Der Film zum TerrorSeite 4/4

Manchmal, in der riesigen, nie zu Ende gebauten, jetzt als Filmstudio dienenden Eislaufbahn von Budapest wähnte ich mich auf hoher See, wenn über Lautsprecher das Kommando »We’re rolling!« mehrfach wiederholt und gesteigert durch die Halle dröhnte.

In einem mobilen Schneideraum arbeitet der Produzent Barry Mendel mit seinem englischen Cutter das Material der zumeist deutschen Originalmitschnitte vom 5. und 6. September 1972 in München auf. Ich helfe ihm hin und wieder bei den Übersetzungen. Mit den Fernsehbildern kehren die Erinnerungen an diese Bilder zurück. Ich hatte mich in jenen Tagen Hals über Kopf in die Vorbereitungen zu den Bakchen und dem Antikenprojekt an der Schaubühne gestürzt. Das Entsetzen wurde von der Fassungslosigkeit überlagert, die Olympischen Spiele »nach einer kurzen Unterbrechung« fortzusetzen. Punkt. Beim mehrmaligen Betrachten der betroffenheitsverlogenen Phrasen des Pressesprechers »Johnny« Klein, der glaubte, durch schwadronierende Verdoppelung jedes Substantivs dem Unheil auch nur annähernd eine Sprache geben zu können, kehrt das Entsetzen schlagartig zurück. Oder die infame Art des DDR-Kommentators, der mit geölter Antifa-Rhetorik von »Konzentrationslagern« spricht, die in Israel für die palästinensischen Freischärler (ein fast verschwundenes Wort) errichtet wurden.

Leseprobe. Die quasi im freien Raum agierende Gruppe bekommt Besuch vom israelischen Verbindungsoffizier Ephraim (Geoffrey Rush), der offiziell gar nicht existiert, so wenig, wie es die von ihm rekrutierte Gruppe gibt. Er will von uns den Namen unserer Quelle wissen. Die Sache beginnt aus dem Ruder zu laufen. Die Auskunft wird ihm verweigert – und nach dem desaströsen Abendessen mit Ephraim wird spürbar, wie riskant die Mission offenbar ist. Doch es gibt kein Zurück.

Die Gruppe ahnt, nach einer gegen alle Absprachen verstoßenden Aktion (keine Intervention weder in einem sozialistischen noch in einem arabischen Land), dass aus den Verfolgern Verfolgte werden. Am Ende überleben von den fünf Männern nur zwei.

Im Anschluss an diese Szene wird der Schlussdialog Avners mit dem Verbindungsoffizier Ephraim gelesen. New York, Blick auf Manhattan. Ephraim will, dass Avner nach Israel zurückkehrt, doch dieser verweigert sich, weil er sich im Stich gelassen fühlt. Mir fällt auf, dass in dieser extremen Zuspitzung der ungelöste Konflikt zwischen jüdischer Diaspora und homeland auf einer neuen, personalisierten Stufe fortbesteht.

Im Film sind in dieser Szene im Dunst die emporwachsenden Twin Towers zu erkennen. Das Jahr 1973 ist angebrochen. Es ist das Jahr, in dem Steven Spielberg seinen ersten Kinofilm dreht.

Hanns Zischler, Jahrgang 1947, ist Publizist, Film- und Theaterschauspieler und drehte unter anderem mit Wenders, Chabrol und Godard. Er veröffentlicht regelmäßig Essays, Kritiken und Bücher, zum Beispiel 1996 den preisgekrönten Band »Kafka geht ins Kino« (Rowohlt). Hanns Zischler lebt in Berlin

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service