Angenommen, es gäbe Wunder. Angenommen, Jesus habe ein Foto von sich hinterlassen. So eine Art Foto. Ein Lichtbild, per Laser oder wie auch immer einem feinen, nylonartig durchsichtigen, in seiner Beschaffenheit aber rätselhaften Stück Stoff aufgestrahlt – 2000 Jahre bevor Nylon und Laser, 1900 Jahre bevor die Fotografie erfunden wurden. So ungefähr muss man sich die Sache vorstellen, um die es hier geht. Das Tuch mit dem Bildnis, zart wie ein Schleier BILD

In Rom gibt es Leute, die glauben das, und je weiter man sich von Rom entfernt, desto mehr werden es. In diesem Glauben steckt eine mächtige Sehnsucht, die die Christen zu allen Zeiten umgetrieben hat: das wahre Gesicht Gottes zu sehen – die Sehnsucht nach dem Bild, nicht bloß nach Worten.

Gäbe es dieses wahre Bild – es wäre eine religiöse Revolution. Alle theologische Spekulation käme an ein Ende, wir hielten den Gottesbeweis in Händen: ein Foto von Jesus.

Aber auch wer Wunder kategorisch ausschließt, darf weiterlesen, denn es ist zugleich ein vatikanischer Krimi. Wenn an der Sache etwas dran ist, dann führt der Vatikan die Rom-Pilger seit rund 400 Jahren, seit der Fertigstellung des Petersdoms, an der Nase herum. Dann zeigt man in Sankt Peter – nur von ganz fern und nur für Sekunden und nur einmal im Jahr – ein Bild, das gar nicht mehr jenes hoch berühmte Christusbild ist, das bis in die Zeit der Reformationen hinein in Rom als wahres, authentisches galt.

Für dieses Bild wurde der ganze gewaltige Dom von Bramante und Michelangelo und Raffael und Bernini gebaut. Die ersten Baumeister legten seinen Grundstein am 18. April 1506 unter denjenigen der mächtigen Vierungspfeiler, der zum Tresor dieser Ikone, dieses Schatzes der Päpste bestimmt war.

Aber das Bild, das sie heute einmal im Jahr von einer Empore herab zeigen, so geht das Gerücht, sei leer. Kein Foto von Jesus. Überhaupt kein Gesicht. Nicht die Spur davon. Von nahem sei darauf bloß ein grauer, unansehnlicher Fleck zu sehen. Aber niemand außer den Domherren von Sankt Peter darf es von nahem sehen. Es gibt auch kein einziges brauchbares Foto davon, nur zwei Kopien von Hand aus der Zeit von Papst Gregor XV. (1621 bis 1623). Auch sie sind schwer zugänglich. Eine wird in der römischen Hauptkirche der Jesuiten verwahrt.

Mit der kostbarsten Reliquie von Rom scheint es sich zu verhalten wie mit dem Grab in Jerusalem am Ostermorgen: Non est hic. Er ist nicht hier – nicht mehr hier. Und das Bild auch nicht.

Geraubt, sagen jene Leute in Rom, die fasziniert von diesem Bild und seinem Rätsel sind und seit Jahren hartnäckig Indizien sammeln, um ihren Verdacht zu beweisen: Der Vatikan zeigt eine Fälschung.

Allen voran sind es zwei Störenfriede. Pater Heinrich Pfeiffer SJ, Professor für Kunstgeschichte an der päpstlichen Gregoriana-Universität, der 1991 in seinem Buch Das echte Christusbild eine detaillierte Untersuchung der Wege und Spuren solcher »wahren Christusbilder« durch zwei Jahrtausende vorlegte. Und der Buchautor Paul Badde, der jetzt seine eigenen Recherchen im Vatikan niederschrieb: Das Muschelseidentuch. Auf der Suche nach dem wahren Antlitz Jesu.

Geraubt also. Aber wann, warum, von wem? Das weiß niemand genau zu sagen. Eine Fehde mächtiger römischer Familien vielleicht. Man weiß nur, dass der Bau des Petersdoms heftig umstritten war. Seit dem Jahre 324 stand dort die schöne alte Basilika des römischen Kaisers Konstantin, der die Christen aus den Katakomben und Löwenarenen geholt und ihren Glauben etabliert hatte. Ihr kostbarster Besitz war jenes feine, etwa quadratische Schleiertuch mit dem Jesus-Gesicht darauf, um das es hier geht. Die Päpste sahen es als ihre kostbarste Reliquie an: das authentische Bild Christi. Nicht von Menschenhand gemacht, wie die Übersetzung des griechischen Ausdrucks für solche heiligen Bilder lautet: acheiropoíetos.

Und die Geschichte wird noch wilder. Pfeiffer und Badde sagen nicht nur: Geraubt. Gefälscht. Sie sagen auch: Wiedergefunden. Gerettet. An dieser Stelle fällt der Name eines abgelegenen Städtchens in den Abruzzen: Manoppello.

Dort wird seit 500 Jahren ein Schleierbild verwahrt, in der kleinen Kirche der Kapuziner – oder erst seit 400? Die Leute von Manoppello nennen es einfach il volto santo. Professor Pfeiffer erkennt darin das heilige Tuch der Päpste. In Manoppello existiert ein notariell beglaubigtes Dokument von 1645, das angibt, das Schleierbild sei schon vor langer Zeit, nämlich 1506, in den Ort gekommen.

Pfeiffer hält das für eine bewusst gelegte falsche Fährte, um das Bild nicht hergeben zu müssen, als der Papst hundert Jahre später bei Strafe der Exkommunikation dessen sämtliche Kopien nach Rom beorderte. Er glaubt, dass das Bild erst dann nach Manoppello kam – als nämlich die Päpste nervös geworden seien, weil ihr berühmtes Bild aus Sankt Peter verschwunden sei. Das ganze 16. Jahrhundert über war es noch zweifelsfrei in Rom, es wurde immer wieder gezeigt, zuletzt 1601.

Die Abgelegenheit von Manoppello kommt der These vom Bilderklau zupass. Wer es geraubt hätte und verstecken wollte, konnte schon auf die Idee kommen, es hierher in diese unzugänglichen Berge zu bringen. Doch das alles ist reine Spekulation. Bewiesen ist nichts.