Der Waldi ist da. Der Schorsch und der Luck sind auch da. Und der Konny und der Didi. Alle hocken sie beim Posterer im Herrgottswinkel um den Stammtisch herum und trinken Zoigl. Im Nachbarraum genießen zwei Maler in Arbeitskluft den Feierabend neben einer Gruppe junger Männer und einem verliebten Paar in feinem Zwirn. Die Wanduhr tickt, der Emailleofen bullert. Rappelvoll ist die kleine Stube an diesem frühen Freitagabend. Zoiglwirt Günter kann das Bier gar nicht so schnell zapfen, wie es seine Frau Manuela an die Holztische schleppt. "Hier bist du immer willkommen, egal wo du herkommst", brummt der wohlbeleibte Waldi, der früher beim Bauhof gearbeitet hat, und nimmt einen kräftigen Schluck. "Das Wichtigste ist die Geselligkeit. Da sagt man ›Servus‹, setzt sich an den Tisch und gehört sofort dazu." Wenn man denn als Gast aus der Fremde den Oberpfälzer Zungenschlag versteht, gegen den Oberbayerisch fast schon wie Hochdeutsch klingt. Didi, Amtsrat in Bayreuth, mischt sich ein: "Egal, was einer is, ob Handlanger oder Generaldirektor, das is wurscht." Vor dem Zoigl sind alle gleich: Es gibt keine Reservierung und keine Sitzordnung, man rückt zusammen und ist per Du. Und die süffige Halbe kostet in allen Zoiglstuben volkstümliche 1,40 Euro, die Brotzeit runde 3,50. Der Zoiglstern weist dem Durstigen den Weg BILD

Der süßlich schmeckende süffige Zoigl ist männlich, er ist ein untergäriges, ungefiltertes Traditionsbier aus der nördlichen Oberpfalz. Und Windischeschenbach mit seinen 5700 Einwohnern ist das Zentrum des Zoigl. Seit dem Jahr 1455 ist hier das Braurecht verbürgt, das an Haus und Grundstück gebunden und im Grundbuch eingetragen ist. Nach wie vor betreiben die "brauenden Bürger von Windischeschenbach", ein vereinsähnlicher Zusammenschluss, das Kommunbrauhaus, für das sie als Mitgliedsbeitrag ein "Kesselgeld" entrichten müssen. Von den 38 Anteilshabern brauen aber nur noch zehn aktiv. Ein Jahr im Voraus legen die Wirte einvernehmlich fest, wer an welchem Wochenende öffnen darf.

An diesem düsteren winterlichen Wochenende ist in Windischeschenbach jede Menge los: Es gibt eine Modelleisenbahn-Ausstellung in der Mehrzweckhalle, eine Geflügel- und Kaninchenausstellung mit Tierversteigerung in der Schulturnhalle, den Festabend zum 20-jährigen Bestehen der Siedlergemeinschaft-Frauengruppe im Oberpfälzer Hof. Aber die meisten Einheimischen tun das, was sie jedes Wochenende, sommers wie winters, am liebsten tun: "Gehn ma am Zoigl!" Kein Problem! Von Freitag bis Montag sind im Wechsel jeweils zwei Zoiglstuben geöffnet.

"Das ist ein naturbelassener Stoff wie Frischmilch"

Dann baumelt an der Stange vom Hausgiebel oder über der Eingangstür der sechszackige hölzerne Zoiglstern. Er gleicht dem Davidstern, ist das alte Handwerkszeichen der Brauer und symbolisiert die drei beteiligten Elemente Feuer, Wasser und Luft sowie die im Mittelalter bekannten Zutaten Wasser, Malz und Hopfen. Die Hefe als Brauzusatz fehlte damals noch. Seit Jahrhunderten zeigt der Stern den Weg zum Bier. Aus dem Zeiger ist mundartlich der Zeigel und später der Zoigl geworden.

Die Zoiglstuben tragen den Namen des Hauses und heißen Schlosshof und Beim Gloser, Binner und Stern, Fiedlschneider und Da Roude. Günter Zimmermann hat erst im vergangenen Sommer in seinem Geburtshaus die Zoiglwirtschaft Zum Posterer eröffnet. Als Reminiszenz an die alte Post, die hier früher war, hat er mit seiner Frau die Granitmauern gelb gestrichen und mit Postschildern und alten Kutscherlampen dekoriert. Um ihre Stube rustikal zu möblieren, sind sie über Flohmärkte gestreift, haben Holztische von Antikhändlern erworben und sogar ausrangierte Kirchbänke über eBay ersteigert. Im Hof jedoch haben sie ein modernes Kühlhaus mit Edelstahltanks für 2500 Liter gebaut. Günter, der als Projektleiter in der IT-Branche arbeitet, hat sich das Bierbrauen selbst beigebracht. Jetzt steht er einmal im Monat für vier Tage hinter der Theke, fast rund um die Uhr, vom Frühschoppen bis zum nachmitternächtlichen Absacker. Zwei Kräfte helfen in der Küche, und sein Bruder, der Metzgermeister, liefert Leberkäs, Presssack und Wurst für die Brotzeit. Auch die anderen Zoiglwirte betreiben ihre Wirtschaft nur im Nebenjob.

"Nach vier Tagen bin ich immer völlig kaputt", gesteht Günter. Warum macht er dann den Wirt? "Wir wollen an der Zoigltradition festhalten", sagt er und lächelt müde. Außerdem brummt seine Wirtschaft, jetzt muss er oben ausbauen, weil der Ansturm so groß ist und immer mehr Auswärtige den Zoigl entdecken. Letztens haben die Regensburger Domspatzen spontan ein paar Einlagen gegeben.

"Geh’n ma zum Roud’n am Marktplatz". Aus Zufall sei Da Roude zu seinem Hausnamen gekommen, erzählt der Wirt Anton Heinl. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte sein Vater neben der Landwirtschaft eine kleine Zoiglstube. Eigentlich war er ja ein Schwarzer, aber einmal zog er am Stammtisch so über die Schwarzen her, dass er prompt den Spitznamen "Da Roude", der Rote, bekam.