Elias Canetti
der 1981 den Literaturnobelpreis erhielt, wäre am 25. Juli 100 Jahre alt geworden. Wir drucken vier zum ersten Mal veröffentlichte Erzählungen und Prosaminiaturen. Sie stammen aus den so genannten Stenogrammen, die im Nachlass der Züricher Stadtbibliothek liegen und bis zum Jahr 2002 gesperrt waren, dem Willen des Autors entsprechend. Schon in jungen Jahren gewöhnte Canetti es sich an, seine Texte in Kurzschrift zu notieren, die er als Geheimschrift bezeichnete. Später übertrug er sie in normale Schrift und überarbeitete sie. Die Stenogramme, die allesamt aus den Jahren 1933 bis 1942 stammen, sind erst jetzt entziffert worden. Canetti übt in ihnen den Dialog, die Parabel, das Porträt. Man begegnet ihm hier schon ganz: seinem unerschrockenen Zugriff, dem analytisch geschärften Blick und der ins Groteske hineinspielenden Fantasie.
In einer sehr späten Zeit, als die Erde schon alt und übervölkert war, erschien plötzlich, niemand wußte woher sie kam, eine Frau, die viel Platz brauchte.
Die Menschen waren schwer und reich geworden. Einer hockte neben dem andern auf eigenem Besitz. Auf jeden kamen vier Quadratmeter Boden. Alle Meere waren entwässert und alle Gebirge abgetragen. Die Gebirge lagen in den Meeren. Doch hatten sie zur Füllung nicht ausgereicht; die gesamte Erdoberfläche lag um ein Beträchtliches unter dem früheren Meeresspiegel. Jahrhunderte hatten zu diesem nivellierenden Werke beigetragen, auf das die dicken Menschen nicht wenig stolz waren. Sie lebten in erstaunlicher Enge. Glatt wie ihre Erde war auch die Haut geworden, die sich über ihre fetten Körper spannte. Mit der Eroberung der Meere hatte die Vermehrung der Menschen Schritt gehalten. Sie waren zahllos wie der Sand, den es jetzt nicht mehr gab, sehr viel weniger beweglich; kein Wind trieb sie davon, kein Sturm kam von den alten Meeren her, nach Menschendünen hätte man vergeblich gesucht. (…)
In einer so eingesessenen, festgesessenen, ganzversessenen Zeit bewegten sich die Menschen überhaupt nicht mehr. Zwei Schritte hin, zwei Schritte her war alles, was sie sich erlaubten, und selbst das wurde ihnen oft zu viel. Man rief einander über die halbmannshohen Zäune zu: »Wie geht es, sind Sie heute schon gegangen?« – »Leider nein, ich habe heute noch zu gehen, ich bin ja so verzweifelt.« – »Ärmster, ich hab es heute schon hinter mir.« – »Wirklich, wie ich Sie beneide!« – »Sonst gehe ich eigentlich immer später als Sie. Wie ist Ihnen? Fühlen Sie sich nicht wohl? Vielleicht eine kleine Unpäßlichkeit.« – »Ich weiß es selbst nicht. Meine Beine sind so müde. Ich fürchte, heute werde ich viel Plage mit ihnen haben.« – »Dann lassen’s Sie doch heute. Einen Tag können Sie aussetzen. Was schadet das?« – »Meinen Sie.« – »Glauben Sie, Ihr Sitz wird schlechter davon?« – »Ich glaube gar nichts. Sie jedenfalls sind schon gegangen.« – »Das leugne ich gar nicht. Das habe ich Ihnen ja eben selbst erzählt.« – »Aber ich soll nicht gehen.« – »Wenn Sie sich so elend fühlen.« – »Das hab ich nicht gesagt.« – »Ich entnehme es Ihren Worten.« – »Es liegt Ihnen viel daran, mich zu mißverstehen.« – »Im Gegenteil. Ich verstehe Sie jetzt gar nicht mehr.« – »Bitte.« – »Bitte.«
Beleidigt pflegte man einander den Rücken zu kehren, man hatte ja noch andere Nachbarn. Zum Glück war man auf diesen einen nicht angewiesen. Da die Nachbarn einander sehr glichen, verliefen die Gespräche alle gleich. Es blieb nach ihrer Beendigung eine tiefe Unzufriedenheit zurück. Man überstand sie, indem man dann wirklich ging. Zwei Schritte hin, zwei Schritte her, und das wiederholte man oft ganze fünf Minuten lang, bis man erschöpft in sich zusammensank (und dann gab man sich den letzten Stich und sank hin und war tot).
Der Ruhelose kommt an einen Platz, der mit allem versehen ist, was er zu seinem Leben braucht. Nach einer Seite ist der Platz offen. Auf der andern Seite direkt eine große Station für die Straßenbahn der Stadt. Sie lief bis an diesen Platz, der nach einem Tor benannt ist und stellt sich nachts wie die Pferde in ihren Stall schlafen. Manchmal klingelt sie vor Ungeduld wie Pferde wiehern. Wenn der Ruhelose das lebende Klingeln hört und die Schienen, die aus dem Stall hinaus führen, in Erwartung des Morgens leise beben, packt es ihn wieder und er horcht und wird in diesem Horchen für wenig Zeit und für schlechte Zeit still. Aber es ist nicht nur dies allein, was in sein Leben gehört. Durch die Straßen fahren nachts schwere Autobusse. Geht man aber bei beiden Straßen je einige Treppen in die Tiefe hinab, so stößt man auf die ganze unterirdische Welt der Untergrundbahn, eine geheime Stadt für sich, Beschleunigung der Linie über der Erde, man freut sich dieser Treppe nicht mehr. Sie sind unbescheiden. Eigens hergerichtete Straßenecken sind mit Kaffeehäusern überzogen, deren rotes Licht viel zu weit und unverständlich hell auf die lebenden Straßen hinaus scheint. Man darf sich durch die scheinbar sitzenden Leute nicht beirren lassen. In Wirklichkeit sind alle sehr gehetzt, selbst die Sitzenden laufen und die Stehenden laufen immer auf einem Fleck. Es gibt keine ruhenden Menschen, nichts ist fest, nichts ist sicher, und das einzige, was im Haufen noch Sicherheit in sich hätte, die Häuser, ist in Wahrheit furchtbaren Gefahren unterworfen, die zu schildern hier zu weit und bis auf die Planeten hinauf führen würde. Das Bauen ist eine Illusion, die Menschen davor zu warnen. Vielleicht hat der Ruhelose seinen Weg vorzeiten angetreten.
Wenn er Leute Kartenspielen sieht, denkt er, daß die Karten eigentlich fliegen müßten, er hat in seiner Jugend schon Karten fliegen sehen, und er muß sagen, Karten fliegen schön und besonders gerade.
Sessel aber, Teppiche, Betten usw. sind für Schwächlinge erfunden worden. Es gibt Menschen, die ihre Wahrheit nicht vertragen. Die Wahrheit ist stark und hat so lange Beine wie die Lüge kurze. Um der Wahrheit zu entgehen, gibt es allerhand Erfindungen für schwache Menschen. Diese glauben manchmal in keiner Bewegung zu sein. Es macht dem Ruhelosen Spaß, ihnen zu zeigen, daß sie es sind. Er stört sie gern aus ihrer Ruhe auf und freut sich ihres Erschreckens, und ein einziges gewaltiges Erschrecken, eine rasende Angst, ist sein eigenes Leben. Warum sollen die andern sich davor drücken?
Liebespaaren zieht er den Samen aus den Hoden und das fertige Kind aus dem Mutterleib hervor. Dinge bringt er in Fluß, indem er es regnen läßt. Es regnet gern über Dinge. Zum Himmel hat der Ruhelose kein rechtes Glück. Zu oft erscheinen Gestirne an deren Stelle. Zu oft glauben ihnen die Menschen ruhig. Er wird ihn einmal rascher ins Drehen bringen.
Am wohlsten fühlt er sich im Bahnwärterhäuschen. Das existiert eigentlich nicht. Nachts sausen die Schnellzüge mitten durchs Zimmer, durch seine Träume, durch seinen Schlaf, den er nie sicher hat, durch die Stunden, zu denen Züge je eine ganz sonderbare Beziehung haben.
Züge und die Zeit durchzudenken – entscheidend für den Ruhelosen. Er vernichtet die alten Fahrpläne und führt merkwürdige neue ein.
Der Ruhelose steuert die Zeit bis zu ihrer Abschaffung.
Auch die Neugier des Ruhelosen läuft auf Schienen. Der Ruhelose haßt den Regen, der die Linien zu wild und die Straßen zu weich macht. Der Ruhelose verwirrt die Welt lieber und was aufzuklären ist, verwirrt er wieder. Er haßt Spinnennetze, wie alles was konzentrisch ist, und als seinen eigentlichen großen Feind sieht er den Kreis an; die Linie, die in sich zurück führt. Die Linien des Ruhelosen gehen in die Unendlichkeit. Er nimmt sie so ernst, daß er eigentlich an keinen Schnittpunkt glaubt.
Der Ruhelose holt die Leute aus ihren Arbeitsstätten heraus. Alle Bänder und Transmissionen sollen aneinandergereiht werden und nicht in einer Fabrik versperrt bleiben. Er weiß, daß die Telegrafendrähte eigentlich Saiten sind, und auf ihnen spielt sich die Kernharmonie der alten Pythagoräer ab. Der Ruhelose lacht über Flüsse, ihre vorsintflutliche Geschwindigkeit geht ihm nie ganz ein, er läuft jeden Fluß mit Freude hinauf, denn nie wird er die Richtung einer Bewegung eigenwillig ändern oder gar in ihr Gegenteil verkehren. Er hat Pietät vor der Richtung. Aller Streit ist ihm ein Streit verschieden gerichteter Flüsse. Das Unglück der verschiedenen Richtung hängt von der Kugelform der armen Erde ab. Arme Kugel Erde! Er läuft vielleicht um zu beweisen, daß die Erde keine Kugel ist, oh könnte er die Erde zu einer Linie ausziehen, wie eine Nudel. Und das Sitzen, das Sitzen, das Sitzen muß überwunden werden. Er behauptet, daß die fixen Ideen, an denen wir alle leiden, nicht nur etymologisch vom Sitzen herrühren.
Über das Warten: Was man erwartet, das sieht man auf sich zugehen. Der Erwartete kann mit dem oder jenem beschäftigt sein, immer geht er zugleich, das Gesicht einem zugewandt, genau so viel lächelnd, als die Freude beträgt, mit der er erwartet wird.
Der Ruhelose: Die Geschwindigkeits unterschiede spielen in seinem Leben eine entscheidende Rolle. Es ist aufreizend, zu einem Fenster hinaus zu sehen und draußen auf der Straße zu bemerken: Fußgänger mit sehr verschiedenem Gang, selten Pferde, die kaum voran kommen, hie und da Radfahrer in lächerlicher vorgebeugter Haltung, elektrische, die alle voraus klingeln; ihre Bewegung wird durch die rote Farbe noch hervor gehoben, es sind rote eilende Flächen, beinahe Fahnen, und man ist erstaunt, keine schreienden Massen dahinter her zu hören. Überhaupt empfindet man die zu häufige Verwendung der Farbe Rot als schreienden Mißbrauch. Rot ist ja die Farbe der Flamme, und die Flamme ein hochwichtiges Massensymbol. Dann gibt es auf den Alleen der Großstädte: Blätter an den Bäumen, die eine ganz andere, mehr kreisende Bewegung vollführen. Es ist quälend, sie immer am selben Fleck herumzittern zu sehen. Die Automobile aber, die von den Fensterrahmen unten in zwei glatte Hälften zerschnitten werden, erregen durch ihre metallene Fracht. In der allgemeinen Hetzjagd von Hupen, Klingeln einige ganz feste und starre Dinge: Der Lichtmast, aus Gußmetall, grau, schlecht spiegelnd, beschattet. Die Plakatsäule von allerhand behängt, gleich dahinter, ein angefressener Lichtmast, der die Schatten des wirklichen Lichtmasts nicht bricht. Manche Menschen bestehen nur aus Hüten, und in viel zu vielen Läden stehen Blumen. Wie kommen Blumen in eine Großstadtstraße? Oder besser gesagt: Worin besteht ein Unterschied zwischen den verachteten künstlichen Blumen aus Papier und Draht und denen, die angeblich leben? Sind nicht die andern weniger künstlich, weil an ihnen wenigstens das Papier echt ist? Es gibt Tage, in Wien z. B., zu den Firmungszeiten, da die ganzen Straßen von häßlichen Papierblumen in allerhäßlichsten Farben übersät sind.
Zweierlei verfolgt ihn: die geschändete gerade Linie und der Geschwindigkeitsunterschied all dessen, was sich bewegt. Der Ruhelose kennt keine Haufen. Seine Massen bilden sich im Verlauf und Verfolgen der Linie.
Die Möglichkeit, eine Szene von drei Seiten zu beobachten, bringt einem den Schauspielern sehr nahe. Man betritt einen kleinen Raum, der von einem scheinbaren Liebespaar in der Ecke besetzt ist. Die übrigen Tische sind leer. Man setzt sich an einen in der Nähe des Paares. Durch die Spiegel, die in die Wände des Raumes eingelassen sind, wird man eines besseren belehrt. Neben den leibhaftigen zwei in der Ecke hat man weitere zwei im Spiegel links und noch einmal zwei im Spiegel gegenüber vor sich. Sie sind im Profil, en face, und in Wirklichkeit zu sehen. Ihren Ton vernimmt man einfach. Sie ist blutjung, klein und mager. Das geschminkte Gesicht täuscht ein doppelt so hohes Alter vor. Von der Nase zu den Mundwinkeln laufen zwei scharfe Schnitte. Die Augen, zwei tiefe, finster beschattete Gruben, sind beide auf ihre wahre Natur hin zu untersuchen. Wenn sie lacht, ist man davon überzeugt, daß sie weint. Blickt sie ruhig vor sich hin, so erschrickt man über ihre schmerzverzerrten Züge. Das blonde, hübsch auseinander gebundene Haar wirkt wie eine Erinnerung an ein früheres Leben. Sie zählt höchstens sechzehn Jahre. Ihre grellen Züge reizen den Mann bis zu seiner Weißglut. Er ist mager und klein wie sie, aber kohlschwarz und summt sein Deutsch wie ein Rumäne oder ein Pole. Was ihm an Leidenschaft fehlt, ersetzt er durch großartige Gebärden. Sie soll zu ihm kommen. Sie wird sehen. Sie werden sich unterhalten. Er hat ein Klavier und einen schönen Teppich, sie ist auf nichts neugierig. Er singt gleichmäßig weiter. Keine Ablehnung beirrt ihn. Er erfindet die Geschichte von einem Mädchen, dem er eben den Laufpaß gegeben hat, ihretwegen. Sie findet das unvorsichtig. Sie wird doch nicht mit ihm gehen. Die Mädchen sind kein Spielzeug. (…) Ihr Gesicht wird um ein Stück noch schmerzlicher. Demnach hat sie seine Mitteilung aufgeheitert. Er packt sie mit seinen schmalen Fingern am Kinn und blickt ihr mit Energie in die Augen. Sie entzieht sich ihm mit Verachtung. Er legt ihre Finger in seine Hand und leckt jeden einzelnen ab. Sie kümmert sich indessen nicht um ihn und runzelt die Augenbrauen über ein Bild, das ihr vorschwebt und in dem er bestimmt nicht vorkommt. Schließlich blickt sie auf und sieht sich seinen Nacken an. Es interessiert sie, ob sein Kragen sauber ist. Er beginnt wieder mit seiner leisen unaufhörlichen Melodie. Sie weint, das heißt sie lacht und verhöhnt ihn. Er ist doch gescheit. Er ist ein Psychiater. Warum weiß er das nicht? Er soll warten. Er muß sich gedulden. Ihre Stimme bleibt immer gleich kalt, seine immer gleich warm. So wie sie nicht mehr Hoffnung gewinnen kann, scheint es ihm unmöglich zu sein, die seine zu verlieren. Sie geht auf einen Augenblick hinaus. Sie will die Zeit wissen, und er hat keine Uhr. Ihre Meinung über ihn sinkt auf den Nullpunkt. Während sie nach der Zeit hinaus geht, suche ich sein Gesicht im Spiegel und erwarte seinem dreckigen Lächeln zu begegnen, mit dem unbekannte Männer einander über eine Frau verständigen, sofern sie es nicht sehen kann. Er lächelt nicht, er blickt mich ganz ernst an; er hat melancholische Grundseiten. Wahrscheinlich ist er Musiker. Sonst würde er nicht als erstes sein Klavier anpreisen. Den Teppich hat er um ihretwillen hinzu gefügt. Frauen neigen zu Teppichen. Luder sind mit Teppichen zu kaufen. Er ist kein Menschenkenner. Er merkt nicht, daß sie durch nichts mehr zu beeindrucken ist, nicht einmal mit Geld, obwohl sie es braucht. Sobald sie zurückkommt und half past three – soviel Englisch kann sie aus Stolz – verspricht er ihr neue Berge, diesmal goldene. Sie ist nicht neugierig. Sie weiß eh alles. Er sucht sie bald hier, bald dort zu fassen zu kriegen. Er macht das so ungeschickt, so zaghaft, trotzdem jeder Bewegung eine Vorbereitung voraus geht und eine exakte Ausführung sie sekundiert; er imponiert ihr nicht damit. Sie hat tausendmal mehr Erfahrung als er. Sie weiß gar nichts. Sie kann offenbar nicht einmal Englisch; von Musik oder Psychiatrie (…) hat sie nicht die leiseste Ahnung. Und doch weiß sie alles, was er will; sie weiß, was er tun wird. Sie müßte kein Wort verstehen, und sie hätte ein Buch in der Tasche. Sie kennt jede leiseste Geste, darum nimmt sie von keiner Notiz. Sie ist die Psychologin, die Wissenschaftlerin, der er gern sein möchte. Sie übersieht alles Charakteristische. Sie weiß, daß er Hosen anhat. Sie kennt das Typische und richtet danach ihr Verhalten. Darin liegt ihre Begrenztheit. Daher kommt es, daß sie trotz sechzehn schon wie vierzig aussieht (…). Denn für ein Eingehen auf ihre individuelle Eitelkeit zahlen Männer Unsummen. Ihre allgemeinen Bedürfnisse sind nicht so schwer zu befriedigen.
Der Wind hieb ihm schmerzlich um die nackten Ohren, jeder Balken des uralten Hauses schien nur da zu sein, um laut zu kreischen. Türen schlugen auf und zu, kein Schloß war vor der Willkür des Sturmes sicher. Die Schwalben unterm Dach, längst eingeschlafen, erwachten eine nach der andern, flogen plötzlich aus den Nestern hervor und schossen in rasender Eile hinauf, hinab. Die Nacht, längst schon pechschwarz, wurde immer schwärzer und dichter. Zu den schrillen Peitschentönen des Windes kam alle Augenblicke ein Klirren unsichtbarer leerer Flaschen. Wo lagen sie nur? Wer hatte sie ausgetrunken? Gleich nebenan im Walde splitterten Bäume, die älter waren als das Haus, eins, zwei in Stücke. Aufgescheuchte Vögel kamen schutzflehend zu den längst zerbrochenen Fenstern herein geflogen. Das Getöse erschreckte sie noch mehr als der Fall. Aus dem Dachboden kam ein Gewimmer; hundert eingesperrte, sich selbst überlassene Säuglinge. Doch ist es möglich, daß kein Dach mehr besteht. In diesem Zimmer hat man noch ein Dach überm Kopf. Darum sind alle Vögel hier. Das Bett hebt sich hoch und schlägt zornig am Boden auf. Bald wird es aus den Fugen gegangen sein. Holz, Haus, zahllose Fenster, Türen, Wald, Nachtvögel, Menschen erwarten den ersten Blitz. Was hie und da hell aufzückt inmitten des Zimmers sind nur schwirrende Vögel. Hier macht kein Vogel Jagd. Nachtfalter streifen an Nase und Wange, immer wieder, viele, unzählige, die Luft ist dick von kleinem Getier; niemand will fressen, alles will fliehen. Die gewaltigen Stöße des Sturmes treiben einen Strom.
Wir danken dem Carl Hanser Verlag für die Abdruckgenehmigung
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
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