Elias CanettiSeite 3/3
Der Ruhelose: Die Geschwindigkeits unterschiede spielen in seinem Leben eine entscheidende Rolle. Es ist aufreizend, zu einem Fenster hinaus zu sehen und draußen auf der Straße zu bemerken: Fußgänger mit sehr verschiedenem Gang, selten Pferde, die kaum voran kommen, hie und da Radfahrer in lächerlicher vorgebeugter Haltung, elektrische, die alle voraus klingeln; ihre Bewegung wird durch die rote Farbe noch hervor gehoben, es sind rote eilende Flächen, beinahe Fahnen, und man ist erstaunt, keine schreienden Massen dahinter her zu hören. Überhaupt empfindet man die zu häufige Verwendung der Farbe Rot als schreienden Mißbrauch. Rot ist ja die Farbe der Flamme, und die Flamme ein hochwichtiges Massensymbol. Dann gibt es auf den Alleen der Großstädte: Blätter an den Bäumen, die eine ganz andere, mehr kreisende Bewegung vollführen. Es ist quälend, sie immer am selben Fleck herumzittern zu sehen. Die Automobile aber, die von den Fensterrahmen unten in zwei glatte Hälften zerschnitten werden, erregen durch ihre metallene Fracht. In der allgemeinen Hetzjagd von Hupen, Klingeln einige ganz feste und starre Dinge: Der Lichtmast, aus Gußmetall, grau, schlecht spiegelnd, beschattet. Die Plakatsäule von allerhand behängt, gleich dahinter, ein angefressener Lichtmast, der die Schatten des wirklichen Lichtmasts nicht bricht. Manche Menschen bestehen nur aus Hüten, und in viel zu vielen Läden stehen Blumen. Wie kommen Blumen in eine Großstadtstraße? Oder besser gesagt: Worin besteht ein Unterschied zwischen den verachteten künstlichen Blumen aus Papier und Draht und denen, die angeblich leben? Sind nicht die andern weniger künstlich, weil an ihnen wenigstens das Papier echt ist? Es gibt Tage, in Wien z. B., zu den Firmungszeiten, da die ganzen Straßen von häßlichen Papierblumen in allerhäßlichsten Farben übersät sind.
Zweierlei verfolgt ihn: die geschändete gerade Linie und der Geschwindigkeitsunterschied all dessen, was sich bewegt. Der Ruhelose kennt keine Haufen. Seine Massen bilden sich im Verlauf und Verfolgen der Linie.
Die Möglichkeit, eine Szene von drei Seiten zu beobachten, bringt einem den Schauspielern sehr nahe. Man betritt einen kleinen Raum, der von einem scheinbaren Liebespaar in der Ecke besetzt ist. Die übrigen Tische sind leer. Man setzt sich an einen in der Nähe des Paares. Durch die Spiegel, die in die Wände des Raumes eingelassen sind, wird man eines besseren belehrt. Neben den leibhaftigen zwei in der Ecke hat man weitere zwei im Spiegel links und noch einmal zwei im Spiegel gegenüber vor sich. Sie sind im Profil, en face, und in Wirklichkeit zu sehen. Ihren Ton vernimmt man einfach. Sie ist blutjung, klein und mager. Das geschminkte Gesicht täuscht ein doppelt so hohes Alter vor. Von der Nase zu den Mundwinkeln laufen zwei scharfe Schnitte. Die Augen, zwei tiefe, finster beschattete Gruben, sind beide auf ihre wahre Natur hin zu untersuchen. Wenn sie lacht, ist man davon überzeugt, daß sie weint. Blickt sie ruhig vor sich hin, so erschrickt man über ihre schmerzverzerrten Züge. Das blonde, hübsch auseinander gebundene Haar wirkt wie eine Erinnerung an ein früheres Leben. Sie zählt höchstens sechzehn Jahre. Ihre grellen Züge reizen den Mann bis zu seiner Weißglut. Er ist mager und klein wie sie, aber kohlschwarz und summt sein Deutsch wie ein Rumäne oder ein Pole. Was ihm an Leidenschaft fehlt, ersetzt er durch großartige Gebärden. Sie soll zu ihm kommen. Sie wird sehen. Sie werden sich unterhalten. Er hat ein Klavier und einen schönen Teppich, sie ist auf nichts neugierig. Er singt gleichmäßig weiter. Keine Ablehnung beirrt ihn. Er erfindet die Geschichte von einem Mädchen, dem er eben den Laufpaß gegeben hat, ihretwegen. Sie findet das unvorsichtig. Sie wird doch nicht mit ihm gehen. Die Mädchen sind kein Spielzeug. (…) Ihr Gesicht wird um ein Stück noch schmerzlicher. Demnach hat sie seine Mitteilung aufgeheitert. Er packt sie mit seinen schmalen Fingern am Kinn und blickt ihr mit Energie in die Augen. Sie entzieht sich ihm mit Verachtung. Er legt ihre Finger in seine Hand und leckt jeden einzelnen ab. Sie kümmert sich indessen nicht um ihn und runzelt die Augenbrauen über ein Bild, das ihr vorschwebt und in dem er bestimmt nicht vorkommt. Schließlich blickt sie auf und sieht sich seinen Nacken an. Es interessiert sie, ob sein Kragen sauber ist. Er beginnt wieder mit seiner leisen unaufhörlichen Melodie. Sie weint, das heißt sie lacht und verhöhnt ihn. Er ist doch gescheit. Er ist ein Psychiater. Warum weiß er das nicht? Er soll warten. Er muß sich gedulden. Ihre Stimme bleibt immer gleich kalt, seine immer gleich warm. So wie sie nicht mehr Hoffnung gewinnen kann, scheint es ihm unmöglich zu sein, die seine zu verlieren. Sie geht auf einen Augenblick hinaus. Sie will die Zeit wissen, und er hat keine Uhr. Ihre Meinung über ihn sinkt auf den Nullpunkt. Während sie nach der Zeit hinaus geht, suche ich sein Gesicht im Spiegel und erwarte seinem dreckigen Lächeln zu begegnen, mit dem unbekannte Männer einander über eine Frau verständigen, sofern sie es nicht sehen kann. Er lächelt nicht, er blickt mich ganz ernst an; er hat melancholische Grundseiten. Wahrscheinlich ist er Musiker. Sonst würde er nicht als erstes sein Klavier anpreisen. Den Teppich hat er um ihretwillen hinzu gefügt. Frauen neigen zu Teppichen. Luder sind mit Teppichen zu kaufen. Er ist kein Menschenkenner. Er merkt nicht, daß sie durch nichts mehr zu beeindrucken ist, nicht einmal mit Geld, obwohl sie es braucht. Sobald sie zurückkommt und half past three – soviel Englisch kann sie aus Stolz – verspricht er ihr neue Berge, diesmal goldene. Sie ist nicht neugierig. Sie weiß eh alles. Er sucht sie bald hier, bald dort zu fassen zu kriegen. Er macht das so ungeschickt, so zaghaft, trotzdem jeder Bewegung eine Vorbereitung voraus geht und eine exakte Ausführung sie sekundiert; er imponiert ihr nicht damit. Sie hat tausendmal mehr Erfahrung als er. Sie weiß gar nichts. Sie kann offenbar nicht einmal Englisch; von Musik oder Psychiatrie (…) hat sie nicht die leiseste Ahnung. Und doch weiß sie alles, was er will; sie weiß, was er tun wird. Sie müßte kein Wort verstehen, und sie hätte ein Buch in der Tasche. Sie kennt jede leiseste Geste, darum nimmt sie von keiner Notiz. Sie ist die Psychologin, die Wissenschaftlerin, der er gern sein möchte. Sie übersieht alles Charakteristische. Sie weiß, daß er Hosen anhat. Sie kennt das Typische und richtet danach ihr Verhalten. Darin liegt ihre Begrenztheit. Daher kommt es, daß sie trotz sechzehn schon wie vierzig aussieht (…). Denn für ein Eingehen auf ihre individuelle Eitelkeit zahlen Männer Unsummen. Ihre allgemeinen Bedürfnisse sind nicht so schwer zu befriedigen.
Der Wind hieb ihm schmerzlich um die nackten Ohren, jeder Balken des uralten Hauses schien nur da zu sein, um laut zu kreischen. Türen schlugen auf und zu, kein Schloß war vor der Willkür des Sturmes sicher. Die Schwalben unterm Dach, längst eingeschlafen, erwachten eine nach der andern, flogen plötzlich aus den Nestern hervor und schossen in rasender Eile hinauf, hinab. Die Nacht, längst schon pechschwarz, wurde immer schwärzer und dichter. Zu den schrillen Peitschentönen des Windes kam alle Augenblicke ein Klirren unsichtbarer leerer Flaschen. Wo lagen sie nur? Wer hatte sie ausgetrunken? Gleich nebenan im Walde splitterten Bäume, die älter waren als das Haus, eins, zwei in Stücke. Aufgescheuchte Vögel kamen schutzflehend zu den längst zerbrochenen Fenstern herein geflogen. Das Getöse erschreckte sie noch mehr als der Fall. Aus dem Dachboden kam ein Gewimmer; hundert eingesperrte, sich selbst überlassene Säuglinge. Doch ist es möglich, daß kein Dach mehr besteht. In diesem Zimmer hat man noch ein Dach überm Kopf. Darum sind alle Vögel hier. Das Bett hebt sich hoch und schlägt zornig am Boden auf. Bald wird es aus den Fugen gegangen sein. Holz, Haus, zahllose Fenster, Türen, Wald, Nachtvögel, Menschen erwarten den ersten Blitz. Was hie und da hell aufzückt inmitten des Zimmers sind nur schwirrende Vögel. Hier macht kein Vogel Jagd. Nachtfalter streifen an Nase und Wange, immer wieder, viele, unzählige, die Luft ist dick von kleinem Getier; niemand will fressen, alles will fliehen. Die gewaltigen Stöße des Sturmes treiben einen Strom.
Wir danken dem Carl Hanser Verlag für die Abdruckgenehmigung
- Datum 14.07.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.07.2005 Nr.29
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



