Sie war ein Genie, ein Genie der guten Laune. Abertausende Fotos zeigen sie mit Hingabe und Perfektion bei der Sache, bei der Arbeit, bei der Produktion des strahlendsten Lächelns der Welt. Josephine Baker, ob als unverschämter junger Star oder als würdige alte Dame, schien nur eine Botschaft zu verkörpern: das Leben, ein Spaß. Dabei hat sie selber, die zu einem Inbild der Mo-derne wurde und die Kunst der Revue neu erfand, oft genug erfahren, dass das Leben nichts als das Leben ist, also kein Spaß. In Berlins Theater des Westens tanzt Josephine 1929 vor einer riesigen Baker-Karikatur von Benno von Arents© INTERFOTO BILD

Schon in ihrer Kindheit hatte Josephine Freda MacDonald, geboren am 3. Juni 1906 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, nicht viel zu lachen. Sie war die uneheliche Tochter einer Schwarzen und eines Spaniers. Die Eltern tingelten mit Kleinkunstnummern durch trübe Kneipen; bald setzte sich der Vater ab. Die Mutter heiratete einen arbeitslosen Alkoholiker, der zum Lebensunterhalt der wachsenden Familie nichts beitrug. Zweimal wurde Josephine, die Älteste, zu weißen Familien als Dienstmagd "in Pflege" gegeben. Das erste Mal wäre sie fast verhungert, das zweite Mal versuchte der Pflegevater, sie zu vergewaltigen.

Im Sommer 1917, Josephine war gerade elf Jahre alt geworden, erlebte sie in St. Louis eines der schlimmsten Pogrome der US-Geschichte. Aufgehetzte weiße Bürger drangen in das Schwarzenviertel ein, wo die Familie lebte, und wüteten eine Nacht lang. Wie viele Menschen umgekommen sind, weiß niemand ganz genau, manche Berichte sprechen von 100 Toten. Das Elend ihrer Kindheit, die Erfahrung des Rassenhasses, der harte Kampf ums tägliche Überleben prägten ihren Blick auf die Welt, auch als sie längst ein Star geworden war.

Der Weg dorthin war hart. "Tanzen ist die beste Art, mich warm zu halten", sagt sie mit 13. Da hat sie schon eine kurze Ehe hinter sich (aus der sie nur ihren Nachnamen behält) und ist als Aushilfstänzerin mit einer Wandertruppe durch die Südstaaten unterwegs. Zuvor musste sie Alter und Herkunft verschleiern – kein Theaterdirektor hätte ein Kind wie sie engagieren dürfen. Hinzu kam, dass sie als Mischling und hellhäutige Schwarze anfangs weder dem Geschmack des schwarzen noch später dem des weißen Publikums entsprach, den einen war sie zu dunkel, den anderen nicht dunkel genug.

Trotzdem: Mit 16 Jahren hat sie es bereits bis zur Ostküste geschafft. 1922 tritt sie zunächst als Zweitbesetzung in dem schwarzen Erfolgsmusical Shuffle Along auf, das in Philadelphia aufgeführt wird. 1924 folgt die bombastische Show Chocolate Dandies, die später nach Moskau und Leningrad (heute St. Petersburg) auf Tournee geht.

Mit dieser Revue gelingt Josephine der Sprung nach New York, an den Broadway. Mit den schlackernden Charleston-Paraphrasen, ihren wild durcheinander zappelnden Armen und Beinen, dem kunstvollen Schielen und dem frechen Grinsen im Gesicht wird die schelmische, entfesselte Gliederpuppe zum Publikumsliebling. Eine Erkrankung der Sängerin verschafft Josephine dann endgültig den Triumph: Sie darf nicht nur tanzen, sondern auch die Hauptrolle singen. Von da an ist kein Halten mehr. Ihre Gage steigt und steigt, ihr Lebensstil wird aufwändiger, ihre Familie bekommt ein anständiges Haus, ihre jüngere Schwester eine Schulausbildung. Doch ihre eigentliche Karriere liegt da noch vor ihr.