Wenn man sich die ganze zähe Symbolik einmal wegdenkt, könnte der Republikpalast inzwischen eine überwältigende Kulisse hergeben: ein Flachbau aus Gotham City, technisch, schwarz und ein bisschen verwest, eine architektonische Hülle, die in den vergangenen Jahren so viele Verwandlungen erlebt hat, dass der Streit um die Bedeutung des Gebäudes sich von ihm abgelöst zu haben, gar nichts mehr mit ihm zu tun zu haben scheint. In Wirklichkeit ist das aber nicht so, denn das Trumm steht mitten in der Hauptstadt, wo es nicht immer nur um Kulissen, sondern vor allem um Politik, Städtebau und um Erinnerungskultur geht. Der letzte Rettungsversuch für den Palast kommt nun aus Richtung der bildenden Kunst, der zeitgenössischen, berlinischen, und wenn er früher gekommen wäre, man hätte vielleicht anders diskutiert.

Seit dem 23. Dezember bespielen die beiden Ausstellungsmacherinnen Constanze Kleiner und Coco Kühn einen gigantischen Rigipsraum mitten in der Ruine neu. Der White Cube – Traum eines jeden Ausstellungsarchitekten – blieb von der Schau fraktale IV im November übrig. Das Neue und überraschend Plausible an der Ausstellung ist, dass dort viele der jüngeren und teils sehr bekannten Künstler versammelt sind, die in Berlin arbeiten, die Urbanität der Stadt schätzen, aber bisher keinen zentralen Ort haben, an dem sie ihre Arbeiten im Zusammenhang präsentieren können. Nicht Kunst aus Berlin ist zu sehen, sondern Kunst, die sich die Stadt als einen unverwechselbaren Produktionsort gewählt hat.

Franz Ackermann ist mit einem imposanten Wandbild, Teil einer Installation, vertreten, auch Thomas Scheibitz mit einer größeren Arbeit. Olafur Eliasson bastelte ein verspiegeltes Lichtobjekt, das ein wenig an die Ästhetik des DDR-Palastes erinnert, Olaf Nicolai zeigt zwei Bilder aus seiner Serie The Blondes, und von Michael Majerus hängt ein nachgelassenes Großformat mit dem Slogan "Pop is Terror" an der Wand. Manche Stücke setzen sich mit dem Ort und den Umständen ihrer Exposition auseinander, andere mit dem in Berlin sich aufdrängenden Thema des Transitorischen oder Migrantischen.

Berlin könnte einen solchen Ort für Gegenwartskunst gut brauchen

Insgesamt 36 Künstler, arrivierte ebenso wie ganz junge, haben binnen zehn Tagen eine ihrer Arbeiten in den White Cube geschafft, es sind Installationsobjekte, Fotoarbeiten, Malereien, Videos. Nicht alles ist bemerkenswert, aber das muss auch nicht sein. Die Ausstellung erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, schon gar nicht will sie einen Überblick leisten. Ihr Zustandekommen allein ist bereits ein Statement. Vieles, was sonst nur in entlegenen Galerien vertreten ist, tritt hier plötzlich in einen Zusammenhang.

Und in der Tat, Berlin hat keinen öffentlichen Ort für die zeitgenössische bildende Kunst, schon gar keinen in zentraler Lage, der – wie in diesem Fall – auch noch der Museumsinsel gegenüberläge. Der Hamburger Bahnhof, der ein solcher Ort einmal sein sollte, ist mittlerweile ein Sammlermuseum, das mit allzu viel kulturpolitischem Ehrgeiz betrieben wird. Die Neue Nationalgalerie bleibt ein Schauplatz von privaten Interessen und Machtstrategien, sie ist ebenfalls Bestandteil der musealen Standortpolitik für die Hauptstadt, klassisch-modern und bei Gelegenheit sogar renditestark. Das mag in Ordnung gehen, hat aber mit "kreativ" nichts zu tun, dem Lieblingsbeiwort Berlins, mit dem die Stadt sich so gern schmückt – solange es nichts kostet.

Der Palast der Republik indessen wird abgerissen. Land und Bund haben sich darauf verständigt, und vielleicht ist es auch gut, diese Entscheidung nicht mehr zu revidieren. Was nicht heißt, dass daraus notwendigerweise ein Votum für eine historisierende Stadtschloss-Rekonstruktion folgt. Eine andere Frage ist aber, ob sich mit dem Konzept des weißen Würfelraumes ein mit Ideologie und Erinnerung so schwer kontaminierter Ort wie der Palast der Republik "umcodieren" ließe. Der white cube ist eine Idee der Moderne, eine künstlich erzeugte Neutralität, um die Wahrnehmung der künstlerischen Autonomie zu gewährleisten, eine Art geschichtsloser Hintergrund, vor dem die Kunst als Kunst leuchtet. Die Palastruine dieser Umwertung zu unterziehen ist sicher reizvoll und kühn, wäre auf Dauer dem Ort aber unangemessen. Das Bauwerk bleibt am Ende das Symbol einer Diktatur, auch wenn es sich als großartiger Ausstellungsort geradezu aufdrängt.