pop Die schnellste Pizza der Welt
The Strokes beschleunigen weiterhin den Rock ’n’ Roll - auch mit ihrer neuen Platte, die am 30. Dezember erscheint
Die »schwierige« dritte Platte. Wo war neulich zu lesen, dass die Erste inzwischen die Zweite ist und dass es die Dritte im Grunde nicht mehr gibt, weil die wenigsten Plattenfirmen ihren Vertragspartnern noch die Chance zugestehen, sich über einen dermaßen langen Zeitraum hinweg »zu entwickeln«, wie das früher hieß? Jedenfalls stimmt, dass überall gesteigerter Datendurchsatz herrscht, auch und gerade im Sektor Rock, Inflation der sich gegenseitig neutralisierenden Anbieter, kulturelle Flatrate sozusagen samt den damit verbundenen, gegen Null sinkenden Halbwertszeiten in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Womit wir zum Thema zurückkehren: Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Strokes?
Für unsere Allerjüngsten: So um 2001 herum mag es gewesen sein, da waren die Strokes die Darlings der Saison: endlich wieder Garage, endlich wieder echte Independent-Typen mit echten Gitarren, nur eben jung und unverbraucht. Manche feierten sie gar als Zukunft des Rock ’n’ Roll, was natürlich Unsinn ist. In Wirklichkeit sind die Strokes die Erfinder der Instant-Karriere auf dem Gebiet des Gitarrenrock. Statt durch Täler aus Blut, Schweiß, Tränen und Drogenexzessen zu waten, gingen sie direkt über »Los«. Sie kauften sich schicke Secondhand-Lederjacken, komponierten ein paar eingängige Songs, ließen ihre Beziehungen spielen, die sie als Söhne aus gutem New Yorker Hause hatten – und waren in null Komma nix berühmt.
Doch das Schnelle provoziert nun einmal das noch Schnellere, und heute sind die Strokes in der Position, dass sie all ihre Errungenschaften gegen ein Heer ultramobiler, hyperflexibler Aus-dem-Stand-Rocker verteidigen müssen. Ein wahrlich harter Job. First Impressions Of Earth ist anzumerken, wie verbissen Sänger Julian Casablancas und seine vier Mit-Strokes im Studio um weitere Vorwegnahmen des Zeitgeistes gerungen haben, eigentlich handelt es sich weniger um eine Platte als um ein Sound gewordenes Manöver in Sachen Standortbehauptung. Hier wurde ein wenig Heavy-Sound angetestet, dort mit Balladentönen und sogar Easy-Listening-Momenten experimentiert – ergebnisoffenes Werkeln an sämtlichen Fronten. Alles klingt wie die Strokes und zugleich wie eine Band, die alles daransetzt, nicht wie die Strokes zu klingen, weil niemand besser als die Strokes weiß, dass die Konkurrenz nicht schläft und Stillstand heutzutage Rückstand bedeutet.
Dabei haben sie ein Händchen für Melodien und Hooks, die sie wie alle andern auch aus dem weiten Ärmel der Geschichte schütteln, und manchmal hat dieses dritte Album durchaus seine Momente – vorausgesetzt natürlich, man lässt Novelty für einen Moment Novelty sein und gönnt ihm mehr als nur fünf Minuten seine Aufmerksamkeit. Ironie der Beschleunigung: Nachdem wir die Zweite von Franz Ferdinand durchgewinkt und die Erste der Babyshambles hysterisch begrüßt haben (schon weil es eine Zweite voraussichtlich nicht geben wird), nachdem wir uns daran gewöhnt haben, dass Ereignisse im Moment ihres Sichereignens bereits wieder verzischt sind und Aktualität demnach nur mehr in der Vergangenheitsform existiert, merken wir plötzlich, was zuvor ein gut in der Öffentlichkeit verborgenes Geheimnis war: dass die Strokes nicht mehr und nicht weniger sind als eine ganz passable Band.
First Impressions Of Earth(RCA/Sony BMG 82876 76420 2)The StrokesBuch- Datum 29.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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