stimmung Viel Spaß dabei

Seitdem Angela Merkel ihren Dienst im Kanzleramt angetreten hat, herrscht im Land eine neue Ernsthaftigkeit. Muss das sein?

Seit die Große Koalition regiert, ist in den Medien viel von einer »neuen Ernsthaftigkeit« die Rede, die man angeblich bereits beobachten könne – oder die dringend entwickelt werden müsse, um die drängenden Probleme des Landes nun endlich zu bewältigen. Auf den ersten Blick scheint es so, als wäre damit das große Aufräumen nach den Vorgängern gemeint.

Rot-Grün galt allgemein als unernst, als Regierung gewordener Ausdruck eines hedonistischen, verspielten, letztlich verantwortungsscheuen Zeitgeists. Und in der Tat konnte man sich durchaus vorstellen, dass Gerhard Schröder und Joschka Fischer beim Regieren manchmal an etwas anderes dachten, an Urlaub, schöne Sachen, bella figura. Diesen Verdacht hegt in Bezug auf Angela Merkel wirklich niemand. Wenn die neue Kanzlerin auf einem der Berliner Empfänge herumstehe, werde in der Regel nicht viel gelacht, schrieb Kurt Kister kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Das sei auch schon früher so gewesen, nur habe man früher eben gesagt, Merkel sei nicht besonders witzig. Heute werde darin gleich ein neuer, nüchternerer Politikstil gesehen. Dabei war das Spontitum der rot-grünen Enkelgeneration wahrhaftig nicht der einzige unernste Zug der vergangenen Jahre. Welche Art der Seriosität wünschenswert ist in Zukunft, lässt sich vielleicht am besten mit einem Witz verdeutlichen:

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Der Trainer von Schalke 04 entdeckt in Bagdad einen 17-jährigen irakischen Fußballgott und kann den jungen Mann überreden, mit nach Deutschland zu kommen. Der neue Spieler übertrifft die schönsten Erwartungen und schießt im entscheidenden Spiel das entscheidende Tor. Überglücklich ruft er seine Mutter an: »Was für ein herrlicher Tag! Ich habe den Sieg geholt!« – »Wunderbar, dass es dir so gut geht«, antwortet die Mutter sarkastisch, »lass dir erzählen, wie unser Tag aussah. Dein Vater wurde auf offener Straße erschossen, deine Schwester und ich wurden fast vergewaltigt, und dein kleiner Bruder ist jetzt Mitglied einer Straßengang.« – »Wie entsetzlich!«, jammert der Fußballer, »wie furchtbar! Das tut mir so leid…« – »Es tut dir leid?!«, fährt die Mutter aufgebracht dazwischen. »Es ist doch deine Schuld, dass wir jetzt in Gelsenkirchen wohnen!«

Nur Roland Koch droht heute noch mit »Heulen und Zähneklappern«

Mit anderen Worten: Unseriös, unernst benahmen sich in den vergangenen Jahren auch diejenigen, die mit Entsetzen Scherz trieben. Die Deutschland immer am Abgrund sahen, von Katastrophe sprachen, wo das Wort »Problem« gereicht hätte. Allzu oft konnte man da den Eindruck gewinnen, wir schnitten selbst bei einem Vergleich mit der Dritten Welt schlecht ab. Auch wenn es jetzt keiner mehr gewesen sein will: Es gab Journalisten, Verbandsvertreter, Oppositionspolitiker und sogar Mitglieder der rot-grünen Regierung, die diesen Eindruck genährt haben. Und es hilft kein empörtes Leugnen, die maßlose Überzeichnung real existierender Schwierigkeiten nützte tendenziell dem Wirtschaftslager und belastete die Arbeitnehmerseite – immer legitimiert durch das (bisher uneingelöste) Versprechen, langfristig würden sich die Belastungen in neue Arbeitsplätze verwandeln.

Die Deutschland-ist-Schlusslicht-Attitüde hat kein einziges der beschworenen Probleme kleiner gemacht – nicht die (im europäischen Durchschnitt leider »normale«) Arbeitslosigkeit, nicht die (im europäischen Durchschnitt recht unauffällige) Steuer- und Abgabenquote, nicht die globale Konkurrenz (unserer Exportweltmeisterökonomie), nicht die jährlichen Milliardentransfers von West nach Ost (die kein anderes europäisches Land aufbringen muss), nicht die demografische Fehlentwicklung. Doch das theatralische Dauerlamento scheint sich überlebt zu haben. Mit einem letzten Stückchen Katastrophenrhetorik ragte der hessische Ministerpräsident Roland Koch in die neue Zeit hinein, als er während der Koalitionsverhandlungen mit landesweitem »Heulen und Zähneklappern« drohte – wegen der zu erwartenden Einsparungen. Die neue, zupackende No-nonsense- Haltung nahm hingegen Finanzminister Peer Steinbrück ein, der von einer schwierigen Lage sprach, zugleich aber keinen Zweifel daran ließ, dass er der richtige Mann und diese Regierung die richtige Regierung sei, sie zu verbessern.

Was allerdings das jahrelange Krisengerede der Psyche der Menschen angetan hat, die nun einmal in diesem und in keinem anderen Land leben, lässt sich bisher nur erahnen: an der hamsterhaften Sparquote, an den depressiven Zukunftseinschätzungen, die manche Umfragen zu Tage fördern. Vermutlich ist zum Teil auch die um sich greifende Kinderlosigkeit ein Indiz.

Leser-Kommentare
  1. Die Autorin fragt sich angesichts des um sich greifenden - erfreulichen - Optimismus, ob nicht in der Vergangenheit unsere Probleme maßlos überzeichnet worden seien? Lieber Gott, das Vorhandensein unserer Strukturprobleme hängt doch nicht davon ab, wer bei Sabine Christiansen Optimismus predigt.

    Natürlich ist Wirtschaft zur Hälfte Psychologie. Insofern ist es gerechtfertigt, wenn die Regierung die Chancen betont. Aber die andere Hälfte sind richtige Rahmenbedingungen. Hier sind wir erst minimal vorangekommen. Letzten Endes überlagert sich der Konjunkturzyklus der strukturellen Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Wer aus einer konjunkturellen Aufwärtsbewegung schließt, dass unsere Strukturpobleme gelöst seien, der vermengt Konjunktur mit Struktur. Unsere Probleme sind dann gelöst, wenn wir im nächsten Konjunkturtal nahezu Vollbeschäftigung haben (gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten ist es Irrsinn, Transferleistungen für Untätigkeit zu gewähren).

    Das Jammern in den letzten Jahren war doch nicht Ausdruck einer Miesepetrigkeit, sondern der Tatsache geschuldet, dass in der Breite der Öffentlichkeit unsere schweren Probleme nicht erkannt wurden und es auch jetzt noch kaum Problembewusstsein in der Bevölkerung gibt (es sei denn man meint 4, 5 Mio Arbeitslose seien kein Problem). Es muss weiterhin auf die vorhandenen Defizite hingewiesen werden. Entwarnung ist völlig verfrüht. Eine konjunkturelle Aufhellung löst keines unserer Probleme, aber - dem Himmel sei Dank - erleichtert es uns, die notwendigen Operationen mit möglichst wenig Schmerz durchzuführen.

    Eine sehr wirkungsvolle Immunisierung vor zuviel Gesundbeterei bietet übrigens ein Blick auf unsere Bevölkerungspyramide. Wer da nicht das Fürchten lernt, dem ist nicht zu helfen. Erst jetzt kann man mit Luther sprechen: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Erwachsener Optimismus, statt Schönfärberei!

  2. 3. \N

    Eine hervorragende, sehr lesenswerte Analyse. Gratulation!

    • ctk
    • 31.12.2005 um 17:31 Uhr

    ja für wen soll es sich denn jetzt lohnen? für die fleissigen? wer sagt denn, dass die mehr leisten? meiner erfahrung nach machen die sich nur mehr arbeit und das ist NICHT das gleiche wie effizienz. letztere ist in deutschen büros und amtstuben allerdings kaum anzutreffen. fleiss schon.

    zum artikel: wenn aus irgendeinem, auch gerne aus einem nicht-logischen grund die stimmung aus diesem gegenwärtigen tief herauskippt, dann begrüsse ich das. und wenn es an merkels mangelnder humorbegabung liegt, dann eben daran.

    mal sehen, wie es weitergeht. der vergleich mit der bank hinkte auch nur ganz leicht, da ist schon was dran.

    • etiam
    • 30.12.2005 um 8:10 Uhr

    Es ist soweit: die allgegenwärtige, von der Presse nur zu gerne übernommene und ausgewalzte Endzeitkakophonie einer real existierenden Opposition ist mangels der selben vorbei. Politik ist nunmal keine Unterhaltungsveranstaltung - es geht um sehr ernste Dinge. Etwas, das man Merkel sofort glaubt - :-( .
    Dass diese Ernsthaftigkeit wieder zur Politik zurückgefunden hat, ermutigt die Menschen mehr, als es sie enttäuscht, dass man für seinen Spaß sich nunmehr besser an Berufskomiker als an Berufspolitiker hält.

  3. Dieser Wahn alle gleich zu stellen, dass Leute,die besser verdienen weil sie auch mehr leisten und es nicht anderen aus der Tasche ziehen immer wieder angegriffen werden.Leistung muss wieder mehr belohnt werden.Dagegen sollte man Leute,die schon jahrelang dem Staat auf der Tasche liegen nicht noch dafuer belohnen -allerdings ist es auch nicht in Ordnung dass man Leute,die ohne eignes Verschulden ihre Arbeit verlieren mit den Sozial Abzockern gleichstellt.In den Schulen sollte man schon anfangen Kinder,die fleissig sind fuer ihre guten Leistungen zu belohnen ,im Berufsleben wird auch nicht fuer schlechte Arbeit belohnt.Diese Versuch der Gleichmacherei wird daneben gehen...die Fleissigen,die guten Akademiker und Aerzte werden das Land verlassen weil sie im Ausland bessere Bedingungen finden und der Rest bleibt weil es ihnen zu muehsam ist sich umzustellen.

  4. ctk behauptet dass Fleiss oder gute Leistung nicht mehr bewertet wird,oder sich nicht mehr lohnt...das ist genau DAS problem in Deutschland....Diese Attitude ,die nur miese Stimmung bringt liegt schon seit langer Zeit wie Mehltau auf Deutschland und erstickt so langsam jede positive Regung.Das ist auch offenbar die Anregung jeden anzugreifen der besser verdient -Kein Wunder wenn immer mehr ins Ausland gehen wo sie sich nicht fuer ihr Einkommen entschuldigen muessen.

  5. Ich weiss noch sehr gut wie hart meine Eltern arbeiten mussten um nach dem verlorenen Krieg wieder eine Existenz zu haben.Wie von uns in der Schule gute Zensuren verlangt und dass schlechte Noten nicht entschuldigt wurden.Wenn man dann im Leben nicht vorwaerts kam konnte man das nicht auf das Umfeld abrollen...und obwohl sich die Wirtschaft umgestellt hat sind die Konditionen um erfolgreich zu sein nicht sehr anders als vor 50-60 Jahren. Aber heute wird den leistungsschwachen suggeriert dass sie keine Schuld haben,dass sich die Gesellschaft verpflichtet ist sich um sie zu kuemmern...dass ihnen moeglicher Weise sogar ein Mindestgehalt zusteht...auf Kosten der Anderen,die fuer ihren Lebensunterhalt selber sorgen in dem sie hart arbeiten.

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