stimmung Viel Spaß dabeiSeite 4/4

Unterstützt bei ihrer Abkehr von der früheren, wohl doch nicht ganz ernst gemeinten Krisenrhetorik wird die Bundeskanzlerin von der wichtigen Meinungsmacherin Sabine Christiansen. In deren Talkshow hatte sich Sonntag um Sonntag ein Katastrophenszenario an das nächste gereiht. Jetzt fragte sie vergnügt in ihrer Jahresabschlusssendung: Deutschland, besser als sein Ruf? Der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck und der linke Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel durften mit Schwung und Begeisterung eine solidarische Republik skizzieren und ausgiebig darauf hinweisen, dass die Arbeitnehmer nunmehr genug Vorleistungen erbracht hätten. Das Wirtschaftslager sah sich überraschend auf die Herren Niebel von der FDP und Kannegießer von Gesamtmetall reduziert und wirkte plötzlich so rückständig und saurierhaft wie ver.di-Vertreter noch vor sechs Monaten. Schon ist man geneigt zu fragen, was das eigentlich war: Neoliberalismus?

Bereits jetzt ist erkennbar, dass die schwergewichtige Koalition die Perspektive der Medien verändern wird. Wer Helmut Kohl, wer Gerhard Schröder kritisierte oder auch lächerlich machte, der wandte sich ja »nur« gegen die Regierung – eine für Presseleute übliche, demokratisch erprobte Haltung. Wer aber heute frontal gegen die Große Koalition angeht, wer ihr in gleicher Weise die Regierungsfähigkeit abspricht, wie es Rot-Grün gegenüber üblich war, stellt sich mangels Alternativen de facto gegen das politische System, gegen die letzte derzeit vom Wähler ermöglichte seriöse Regierungsvariante. Das werden die wenigsten wollen und sich also auf die sachliche Qualität der Koalitionspolitik konzentrieren, was dieser zugute kommen dürfte: hoffentlich ein Beitrag zur neuen Ernsthaftigkeit.

Uns steht 2006 ein interessantes Lehrstück in symbolischem Interaktionsimus bevor: Wenn alle überzeugt sind, die Bank ist pleite, dann ist sie pleite. Was die Menschen für real halten, ist in seinen Konsequenzen real. Die neue Regierung scheint erstaunlicherweise auf dem Weg, die Leute glauben zu machen, dieses Land sei ganz in Ordnung. »Wir haben große Möglichkeiten. Deutschland ist voller Chancen«, lauteten zwei Kernsätze in der Regierungserklärung von Angela Merkel. Und Matthias Platzeck sagte auf dem Parteitag, der ihn zum SPD-Vorsitzenden wählte: »Deutschland ist ein wunderschönes Land.« Das muss heute extra gesagt werden, weil es sich inzwischen nicht mehr von selbst versteht. Lustig ist das nicht. Aber richtig. Und ganz offenbar ernst gemeint.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Autorin fragt sich angesichts des um sich greifenden - erfreulichen - Optimismus, ob nicht in der Vergangenheit unsere Probleme maßlos überzeichnet worden seien? Lieber Gott, das Vorhandensein unserer Strukturprobleme hängt doch nicht davon ab, wer bei Sabine Christiansen Optimismus predigt.

    Natürlich ist Wirtschaft zur Hälfte Psychologie. Insofern ist es gerechtfertigt, wenn die Regierung die Chancen betont. Aber die andere Hälfte sind richtige Rahmenbedingungen. Hier sind wir erst minimal vorangekommen. Letzten Endes überlagert sich der Konjunkturzyklus der strukturellen Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Wer aus einer konjunkturellen Aufwärtsbewegung schließt, dass unsere Strukturpobleme gelöst seien, der vermengt Konjunktur mit Struktur. Unsere Probleme sind dann gelöst, wenn wir im nächsten Konjunkturtal nahezu Vollbeschäftigung haben (gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten ist es Irrsinn, Transferleistungen für Untätigkeit zu gewähren).

    Das Jammern in den letzten Jahren war doch nicht Ausdruck einer Miesepetrigkeit, sondern der Tatsache geschuldet, dass in der Breite der Öffentlichkeit unsere schweren Probleme nicht erkannt wurden und es auch jetzt noch kaum Problembewusstsein in der Bevölkerung gibt (es sei denn man meint 4, 5 Mio Arbeitslose seien kein Problem). Es muss weiterhin auf die vorhandenen Defizite hingewiesen werden. Entwarnung ist völlig verfrüht. Eine konjunkturelle Aufhellung löst keines unserer Probleme, aber - dem Himmel sei Dank - erleichtert es uns, die notwendigen Operationen mit möglichst wenig Schmerz durchzuführen.

    Eine sehr wirkungsvolle Immunisierung vor zuviel Gesundbeterei bietet übrigens ein Blick auf unsere Bevölkerungspyramide. Wer da nicht das Fürchten lernt, dem ist nicht zu helfen. Erst jetzt kann man mit Luther sprechen: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Erwachsener Optimismus, statt Schönfärberei!

  2. 3. \N

    Eine hervorragende, sehr lesenswerte Analyse. Gratulation!

    • ctk
    • 31.12.2005 um 17:31 Uhr

    ja für wen soll es sich denn jetzt lohnen? für die fleissigen? wer sagt denn, dass die mehr leisten? meiner erfahrung nach machen die sich nur mehr arbeit und das ist NICHT das gleiche wie effizienz. letztere ist in deutschen büros und amtstuben allerdings kaum anzutreffen. fleiss schon.

    zum artikel: wenn aus irgendeinem, auch gerne aus einem nicht-logischen grund die stimmung aus diesem gegenwärtigen tief herauskippt, dann begrüsse ich das. und wenn es an merkels mangelnder humorbegabung liegt, dann eben daran.

    mal sehen, wie es weitergeht. der vergleich mit der bank hinkte auch nur ganz leicht, da ist schon was dran.

    • etiam
    • 30.12.2005 um 8:10 Uhr

    Es ist soweit: die allgegenwärtige, von der Presse nur zu gerne übernommene und ausgewalzte Endzeitkakophonie einer real existierenden Opposition ist mangels der selben vorbei. Politik ist nunmal keine Unterhaltungsveranstaltung - es geht um sehr ernste Dinge. Etwas, das man Merkel sofort glaubt - :-( .
    Dass diese Ernsthaftigkeit wieder zur Politik zurückgefunden hat, ermutigt die Menschen mehr, als es sie enttäuscht, dass man für seinen Spaß sich nunmehr besser an Berufskomiker als an Berufspolitiker hält.

  3. Dieser Wahn alle gleich zu stellen, dass Leute,die besser verdienen weil sie auch mehr leisten und es nicht anderen aus der Tasche ziehen immer wieder angegriffen werden.Leistung muss wieder mehr belohnt werden.Dagegen sollte man Leute,die schon jahrelang dem Staat auf der Tasche liegen nicht noch dafuer belohnen -allerdings ist es auch nicht in Ordnung dass man Leute,die ohne eignes Verschulden ihre Arbeit verlieren mit den Sozial Abzockern gleichstellt.In den Schulen sollte man schon anfangen Kinder,die fleissig sind fuer ihre guten Leistungen zu belohnen ,im Berufsleben wird auch nicht fuer schlechte Arbeit belohnt.Diese Versuch der Gleichmacherei wird daneben gehen...die Fleissigen,die guten Akademiker und Aerzte werden das Land verlassen weil sie im Ausland bessere Bedingungen finden und der Rest bleibt weil es ihnen zu muehsam ist sich umzustellen.

  4. ctk behauptet dass Fleiss oder gute Leistung nicht mehr bewertet wird,oder sich nicht mehr lohnt...das ist genau DAS problem in Deutschland....Diese Attitude ,die nur miese Stimmung bringt liegt schon seit langer Zeit wie Mehltau auf Deutschland und erstickt so langsam jede positive Regung.Das ist auch offenbar die Anregung jeden anzugreifen der besser verdient -Kein Wunder wenn immer mehr ins Ausland gehen wo sie sich nicht fuer ihr Einkommen entschuldigen muessen.

  5. Ich weiss noch sehr gut wie hart meine Eltern arbeiten mussten um nach dem verlorenen Krieg wieder eine Existenz zu haben.Wie von uns in der Schule gute Zensuren verlangt und dass schlechte Noten nicht entschuldigt wurden.Wenn man dann im Leben nicht vorwaerts kam konnte man das nicht auf das Umfeld abrollen...und obwohl sich die Wirtschaft umgestellt hat sind die Konditionen um erfolgreich zu sein nicht sehr anders als vor 50-60 Jahren. Aber heute wird den leistungsschwachen suggeriert dass sie keine Schuld haben,dass sich die Gesellschaft verpflichtet ist sich um sie zu kuemmern...dass ihnen moeglicher Weise sogar ein Mindestgehalt zusteht...auf Kosten der Anderen,die fuer ihren Lebensunterhalt selber sorgen in dem sie hart arbeiten.

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