Gentechnik Kampf ums Korn

Die amerikanische Regierung fordert freien Handel für gentechnisch veränderte Nahrung. Doch selbst in den USA engagieren sich die Menschen zunehmend für Bio-Produkte

Laura Krouse, eine Farmerin aus Mount Vernon im amerikanischen Bundesstaat Iowa, hat für ihren Mais hart gekämpft – eine rare Sorte namens Abbe Hill Seed Corn, die seit fast 100 Jahren auf ihren Feldern angebaut wird. Sie pflanzte den Mais gut geschützt in der Mitte ihrer 30 Hektar großen Farm. Sie pflanzte ihn zu Zeiten an, zu denen sonst niemand in der Gegend Mais anpflanzte. Sie ließ die Qualität jedes Jahr in einem Labor testen. 2001 brachten diese Tests dann zum ersten Mal eine schlechte Nachricht: Das Abbe Hill Seed Corn war verseucht. Es hatte sich mit dem gentechnisch veränderten Mais benachbarter Felder gekreuzt.

Solch künstlich veränderte Gene sind ein rotes Tuch für Krouses beste Kunden. Bio-Farmer liebten die traditionsreichen Maiskörner aus Mount Vernon als Saatgut. Solange sie nicht verseucht waren.

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Zehntausende Dollar Verlust durch verseuchten Mais

»Von solchen Fällen höre ich hier in den amerikanischen Midlands alle paar Wochen«, sagt Ken Roseboro, der Chefredakteur des landwirtschaftlichen Branchendienstes The Non GMO Report . »Selbst für einen kleinen Farmer bedeutet das Zehntausende Dollar Verlust«, sagt er. Schon als das landwirtschaftliche Forschungsinstitut OFRF vor ein paar Jahren mehr als tausend Öko-Farmer befragte, berichteten sieben Prozent von Einkommensausfällen wegen nachgewiesener oder vermuteter Durchmischung mit gentechnisch veränderten Organismen (GMO). In einigen GMO-Hochburgen in Iowa, Illinois und dem Bundesstaat New York gaben gar 70 Prozent der Befragten an, Geld verloren zu haben. »Einige Farmer lassen ihren Mais schon gar nicht mehr testen, weil sie Angst haben, dass ein negatives Ergebnis dabei herauskommt«, weiß Roseboro.

Biotech Pollution lautet in landwirtschaftlichen Kreisen das Fachwort für dieses Problem. Es ist zu einem Dauerthema in internationalen Handelsstreitigkeiten geworden. Die Vereinigten Staaten drängen seit Jahren auf weniger Handelsschranken in Sachen GMO. Amerikanische Farmer, die besonders häufig solches Saatgut einsetzen, sollen ihre Produkte frei exportieren können. Lange war die Europäische Union ein Bollwerk gegen dieses Anliegen, obwohl sich ihre Regeln lockern: Nahrungsmittel in der EU dürfen heute bis zu 0,9 Prozent GMO enthalten, und nach neuen Gesetzesvorlagen aus Brüssel soll dies bald sogar für ökologisch angebaute Lebensmittel gelten. Dennoch haben die USA Europa im Jahr 2003 bei der WTO verklagt, und ein Schiedsspruch wird für den Januar erwartet.

In Amerika sind viele Farmer von der »amerikanischen« Linie keineswegs überzeugt. Die größten Kritiker kommen aus der Branche der »organischen Farmer«, die ihre Produkte nach ökologischen Kriterien anbauen. Sie vertreten eine Nische – aber eine, die schnell größer wird: Nach Informationen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums ist dieser Markt seit Jahren »eines der am schnellsten wachsenden Segmente des amerikanischen Landbaus«, auch wenn zuletzt nur 0,2 Prozent allen Farmlandes ökologisch bewirtschaftet wurden. Der Non GMO Report hörte sich im Januar 2005 bei amerikanischen Saatgutherstellern um, die von »enormen Knappheiten«, einer wachsenden Nachfrage und steigenden Preisen für ökologisches Saatgut berichteten. Viele Farmer sehen das als eine Geschäftschance, weil man zum Beispiel für ökologischen Mais dreimal so viel Geld verlangen kann wie für konventionellen. Die Rechnung geht freilich nur auf, wenn der Mais frei von gentechnisch veränderten Organismen bleibt. Die meisten ökologischen Bauern oder die Abnehmer ihrer Produkte lehnen beim kleinsten Anzeichen von Veränderungen dankend ab.

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Leser-Kommentare
  1. P. S. Nach Grimms Wörterbuch bedeutet "verseuchen" krank machen. Dies trifft aber hier nicht zu, denn der "Bio"-Mais wird ja nicht krank, es v e r m i s c h e n sich lediglich zwei Maissorten.

  2. Schwer zu glauben, dass sich das Abbe Hill Seed Corn, dass schon seit hundert jahren dort angebaut wird, erst jetzt mit dem Mais benachbarter Felder "verseucht" hat. Vor hundert Jahren gab es die heutigen gentechnischen Mitteln gar nicht, mit denen man das feststellen könnte. Und auch heute liefern sie nur die Antwort, ob ein bestimmtes Gen (bzw. DNK-Sequenz) im Erbgut vorhanden ist oder nicht. Deshalb glaube ich gar nicht, dass die gute Laura Krouse ihren Mais allgemein nach der Reinheit des "Abbe Hill Seed Corn" untersucht hat, sondern gezielt nach bestimmten Genen gesucht hat.

    Oder, anders gefragt: wäre Frau Krouse genauso aufgebracht, wenn sie feststellen würde, dass ihr Mais mit einem anderen, aber nicht genetisch modifizierten, "verseucht" wäre. Ich vermute: Nein! Es geht hier nicht um den erhalt irgendeiner seltenen Sorte, sondern um den ideologischen Kampf gegen genetisch modifizierten Pflanzen.

    Wie allen technischen Neuerungen, deren Funktionsweise der Laie nich versteht, wird ihnen misstraut. Es sei hier an die Vorbehalte gegen Computer (elektronische Hirne) in den 1970ern erinnert, oder auch an die Panik wegen des "Millenium Bugs".

    "Doch taten sich die Hersteller von GMO-Saatgut auch schwer, Verbrauchern klarzumachen, was eigentlich die Vorteile solcher Produkte sein sollten". Hm. Und erfahren die Verbraucher endlich, was deren Nachteile sein sollten? Die ganze Argumentation läuft nur emotional, nach dem motto: "Natur ist gesund, gentechnik ist unnatürlich, ergo ungesund". Als ob die Lungenentzündung unnatürlich sein sollte, oder die Antibiotika dagegen ungesund. Ganz davon abgesehen, dass die genetisch modifizierte Pflanzen keine "künstlichen" Gene beinhalten, sondern einfach aus anderen Lebewesen verpflanzte. Es handelt sich, so zu sagen, um eine Art "Mikrokreuzung".

    Ceterum censeo ist "Seuche" in diesem Zusammenhang nichts als ein Propagandabegriff.

  3. Der Aufmacher der Geschichte ist für jemanden, der sich in der Pflanzenzüchtung auskennt, schon sehr merkwürdig - doch dazu weiter unten.

    Laura Krouse erzeugt nicht wie die meisten Saatguterzeuger heutzutage Hybridmais sondern eine so genannte "open pollinated" (OP) Sorte. Der Unterschied zwischen Hybridmais und OP-Sorten ist, dass man erstere nicht wieder aussäen sollte, weil in der Folgegeneration aufgrund der Mendelspaltung der Ertrag in die Knie geht. OP-Sorten können dagegen beliebig oft selbst vermehrt werden, denn es sind stark ingezüchtete Linien (so wie z.B. auch Hunderassen), bei denen die Nachkommenschaft nicht mehr aufspaltet und man somit nach Selbstbefruchtung auch im Folgejahr denselben Mais auf dem Feld hat. Nachteil der OP-Sorten ist der geringere Ertrag im Vergleich mit Hybridmais.

    Nun zur Merkwürdigkeit: OP-Sorten werden wie gesagt vermehrt, indem sie immer und immer wieder selbstbestäubt werden. Ein Pollenflug von draußen ist in jedem Fall schlecht, denn er führt zu einer Vermischung der Sorte. Das hat mit GMO oder nicht gar nix zu tun, denn gemischte Maissamen will mit oder ohne Fremdgen niemand kaufen. Aus diesem Grund verwenden z.B. Saatenbanken pollendichte Gazebeutel und Saatgutvermehrer pflanzen einen Ring von "Pollenfängern" um ihre eigentliche Saat. Frau Krouse hat also offensichtlich die Regeln guter landwirtschaftlicher Praxis missachtet.

    Außerdem frage ich mich, weshalb die ZEIT diese olle Kamelle aus dem Jahr 2002 jetzt noch bringt. Seitdem hat man nie wieder etwas von der Geschichte gehört.

    • RDFan
    • 02.01.2006 um 18:11 Uhr

    Die Beweislast sollte - doch eigentlich selbstverstaendlich - bei denjenigen liegen, die etwas aendern wollen. Also bei den GE-Befuerwortern. Koennen sie nicht ueberzeugen, bedarf es keines Nachweises der Nachteile. Insbesondere nicht, da Kosten und Risiken, direkte und indirekte, per se existieren, denen auf jeden Fall Vorteile gegenueberstehen sollten. Schliesslich nimmt niemand Kosten und Risiken ohne wahrscheinliche Vorteile in Kauf.
    Darueberhinaus gibt es auch Nachteile:
    Lungenentzuendungen gibt es immer noch. Und dazu immer mehr gegen Antibiotika resistente Erreger.
    Weiterhin:
    - Abhaengigkeit der Landwirte von Saatgut-Monopolisten
    - abnehmende Artenvielfalt

    Ganz nebenbei: Der "Millenium-Bug" war keine "Laien-Panik" sondern von sog. Experten entdeckt/erfunden und entsprechend propagiert worden. Ganz im Interesse einer extra dafuer sich entwickelnden Industrie, deren Nutzen fuer die Gesellschaft im Nachhinein zweifelhaft ist. Insofern allerdings eine passende Parallele zur GE-Industrie.

  4. Bleiben die Verbraucher auf der Strecke, weil "Lobbyisten aus der biotechnischen und pharmazeutischen Industrie" sich anscheinend in Washington durchsetzen? Handeln dagegen die europäischen Protektionisten (u. a. die Landwirthschaftslobby) konsumentenfreundlich? Dies suggeriert der Artikel.

    Diese Argumentation kann man jedoch leicht umdrehen: Die Agrar-Lobby in Europa (mithilfe der Medien) schürt irrationale Ängste vor "Gen"-Food, was den "Bio"-Bereich boomen lässt und Handelsschranken rechtfertigt. Die Zeche zahlt der Verbraucher, der nicht von Effizienz- und Qualitätsvorteilen der genetisch veränderten Agrarprodukte profitieren kann.

    Der Beweis einer völligen Risikofreiheit ist aufwändig, teuer und kaum endgültig zu erbringen und wird im Übrigen von herkömmlichen Lebensmitteln nicht verlangt. Jedoch: Gentechnisch veränderte Lebensmittel unterliegen Prüfverfahren, die sich herkömmliche Züchter oft gar nicht leisten können. Dazu kommt noch die umfangreiche Produkthaftung der Hersteller in den USA, die eine Risikominimierung ins ureigene Interesse der Hersteller rückt.

    Um nun zwischen den Sichtweisen abwägen zu können, hätte der Artikel ein Minimum an Sachverhaltsaufklärung betreiben müssen: Worin nämlich bestehen die Risiken von Genfood? Dies wird nicht erläutert, es wird lediglich der Unwille und die Ängste (eines Teils) der Verbraucher angeführt.

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