Kunst

Ein Christus, ein Hering

Er malte wider die »sauerkrautige Kunstkritik«: James Ensor, der jetzt in der Frankfurter Schirn groß gewürdigt wird

»Verehrter Baron Ensor«, begann einmal eine Dame namens D. Lara H. Namesz einen Brief an den belgischen Maler James Ensor. »Erst kürzlich haben wir wieder von Ihnen gesprochen. Vor den Werken eines jüngeren Malers, der wie Sie in Ihrer Jugend sich vehement und mit erhitzter Würde seinen Dachboden zum Reiche seiner Träume erhöhte. Sie werden seinen Namen nicht kennen…« Nein, er kannte ihn sicher nicht: Frau Namesz schrieb ihren Brief im Jahr 1983, Ensor war bereits seit über dreißig Jahren tot. Der Maler, an den sie dachte, war Anselm Kiefer, und die Verfasserin des Briefes eigentlich ein Mann: Der Ausstellungskurator Harald Szeemann hatte sich das anagrammatische Spiel mit dem eigenen Namen beim verehrten, in Wortspiele vernarrten Ensor selbst abgeguckt.

Vor kurzem war es wieder so weit: Vor den Werken jüngerer Künstler hat man an Ensor gedacht. Es war bei der Whitney-Biennale in New York, und die Dame, die sich diesmal des Malers erinnerte, war die Kuratorin der Frankfurter Schirn Kunsthalle, Ingrid Pfeiffer. Es sei eher so ein Gefühl gewesen, sagt sie, als ein konkreter Bezug zu einzelnen Künstlern oder einer bestimmten zeitgenössischen Tendenz. Der Eindruck gefühlter Ensor-Aktualität aber war stark genug, um dem Belgier eine große, mit Leidenschaft konzipierte, »sowohl subjektiv als auch retrospektiv angelegte« Einzelausstellung zu widmen, die im Ergebnis viel kraftvoller ist als die schnell zur Platitüde gerinnende ständige Rede von der vermeintlichen Aktualität.

Denn gerade Ensors Werk ist von einer störrischen Eigenständigkeit, sodass es bei aller subjektiven Sympathiebekundung doch vor eiligen Vereinnahmungen durch den Zeitgeist gefeit ist. James Ensor gilt als Einzelgänger, ein Künstler jenseits der Moden und Ismen; nicht zufällig verehrte der von »individuellen Mythologien« begeisterte Szeemann in ihm den »Abseitsstehenden« und stilisierte ihn – erneut wie Ensor selbst, der ein Meister der Selbststilisierung war – zum »heutigen Michael im Kampf mit dem Drachen: der junge Maler in seinem Dachboden, der es mit der Welt aufnimmt, um SEIN Bild gegen alle Regeln der Ästhetik hinzufetzen«.

Ensors Dachboden war eine kleine Mansarde über dem Kuriositätenladen seiner Eltern in Ostende, in der er sein Leben lang wohnte. Hier, umgeben von »abscheulichen Spinnen-Muscheln, Pflanzen und Tieren ferner Meere, schönem Porzellan, rost- und blutfarbenem Plunder, roten und weißen Korallen, Affen, Schildkröten, getrockneten Molchen und ausgestopften Chinesen« (Ensor), fand er seine Motive; und seine hier auf engem Raum »hingefetzten« Bilder bestechen tatsächlich durch eine anarchische, frei mit Farben und Stilen herumexperimentierende, vor allem sich selbst verpflichtete Eigengesetzlichkeit. »Man muss sein eigenes Verfahren finden«, notierte einmal der Künstler.

»Kreisend, mäandernd, vor und zurück«, so umschreibt der Katalog Ensors Arbeitsweise. Und so ist es ein Glück, dass die Frankfurter Ausstellung die Bilder nicht in eine strenge Chronologie bringt. Das Frühwerk wird mit einem Spätwerk zusammengehängt, dem die Kunstgeschichtsschreibung bislang Redundanz unterstellte (Ensor habe sich nach 1900 nur noch selbst kopiert, heißt es). Man zeigt frühe Selbstporträts neben späten Selbstporträts: Ensor als Rubens, Ensor als Christus, als Geköpfter, als Hering. Ensor als Malendes Skelett von 1896/97, Mein Portrait als Skelett von 1889 sowie Mein Portrait im Jahre 1960 von 1888, welches den Maler ebenfalls als Skelett zeigt, schließlich wäre er zu dem Zeitpunkt 100 Jahre alt gewesen (»Das ist Science-Fiction! Das ist Jules Verne!«, findet die Kuratorin Ingrid Pfeiffer).

Frühe, dunkelfarbige Landschaftsbilder werden zu später entstandenen, hellen gehängt, die Ensor an William Turner anlehnte, wie ihn überhaupt ältere Meister zu stilistischen Adaptionen inspirierten. Die Ausstellung zeigt Stillleben (wuchernde Kohlköpfe neben fleischigen Muschelöffnungen, Chinoiserien oder einem sehr lebendig blickenden toten Molch) und Atelierbilder, auf denen Ensor die Innenansichten seines Dachbodens zu Panoramen addierte.

Auch seine wüsten Gesellschaftssatiren und bissigen Karikaturen werden in Frankfurt nicht unterschlagen, auf denen der Künstler sein Außenseiterempfinden in eine deftige Ikonografie überträgt. Ein Faible für Wandkritzeleien und Parolen zieht sich durch (»Mort aux conforms!«, »Mort aux vaches!«, »Ensor est un fou«), das Austeilen von Körperflüssigkeiten wird ausgereizt: Ein »Pisser« pisst an die Wand, ein Dämon kackt Christus in die ans Kreuz genagelte Hand, ein Herr spuckt einer Dame ins Gesicht, ein Kritiker dem Nachbarn auf den Teller, es fließt viel Rotz aus schnodderigen Nasen und Blut und Gedärm aus offenen Wunden.

Aus alldem sticht Ensors Vorliebe für explodierende Farben hervor, für das grelle Nebeneinander von Rosa und Gelb zum Beispiel: Der sterbende Christus etwa zeigt den Sterbenden an einem pink gemalten Kreuz, neben einem gelb beschürzten Repräsentanten der Kirche. Schließlich darf eine Auswahl von Maskenbildern, auf die sich die Ensor-Wahrnehmung im Großen und Ganzen gemeinhin beschränkt hat, natürlich nicht fehlen. »Die Maske bedeutet mir: Frische des Tones, überspitzter Ausdruck, prächtiges Dekor, große, unvermutete Geste, erlesene Turbulenz«, erklärte der Künstler. »Ich habe mich heiteren Sinnes in jene Einsamkeit verbannt, in der die Maske thront.«

Das explizite Dekor war Ensors Verfahren, »das Zersetzende, Auflösende oder das in eiskalte Dämonie Einfrierende« zu gestalten, das der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in Werken von Künstlern wie Ensor zum Ausdruck gebracht sah (er dachte dabei auch an die Ensor begeistert rezipierenden Expressionisten und Surrealisten); die Farbe erwies sich bei seiner kreisenden Suche als treuer Komplize.

Auf einem Selbstporträt aus den 1880er Jahren malt sich der Künstler in schlammigen Farben, gegen die er den Kontrast eines bunten Blumenhutes setzt. Eine in leuchtendes Rosa gefasste, filigran gezeichnete Feder schwingt sich darauf ausladend, leicht und hell gegen das trübe Selbstbildnis auf. »Manchmal musste ich, der vieles schlecht verträgt, von felsigen Küsten, von Grundwellen und Urtiefen oder von Uferbänken aus, die mit bürgerlichen Bären, Lebertran schwitzenden Robbenmalern, Talmisirenen, miauenden Merlanen, erbärmlichen und sauerkrautigen Kunstkritikern schwer beladen waren, für und gegen alle vorgehen«, schrieb Ensor. »Was für ein von Trost spendendem Regenbogen unterbrochenes Elend.«
In der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, bis zum 19. März. Der Katalog kostet im Museum 29,80 Euro

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    • Von M. Rosenau
    • Datum
    • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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