Kunst Ein Christus, ein HeringSeite 2/2
Auch seine wüsten Gesellschaftssatiren und bissigen Karikaturen werden in Frankfurt nicht unterschlagen, auf denen der Künstler sein Außenseiterempfinden in eine deftige Ikonografie überträgt. Ein Faible für Wandkritzeleien und Parolen zieht sich durch (»Mort aux conforms!«, »Mort aux vaches!«, »Ensor est un fou«), das Austeilen von Körperflüssigkeiten wird ausgereizt: Ein »Pisser« pisst an die Wand, ein Dämon kackt Christus in die ans Kreuz genagelte Hand, ein Herr spuckt einer Dame ins Gesicht, ein Kritiker dem Nachbarn auf den Teller, es fließt viel Rotz aus schnodderigen Nasen und Blut und Gedärm aus offenen Wunden.
Aus alldem sticht Ensors Vorliebe für explodierende Farben hervor, für das grelle Nebeneinander von Rosa und Gelb zum Beispiel: Der sterbende Christus etwa zeigt den Sterbenden an einem pink gemalten Kreuz, neben einem gelb beschürzten Repräsentanten der Kirche. Schließlich darf eine Auswahl von Maskenbildern, auf die sich die Ensor-Wahrnehmung im Großen und Ganzen gemeinhin beschränkt hat, natürlich nicht fehlen. »Die Maske bedeutet mir: Frische des Tones, überspitzter Ausdruck, prächtiges Dekor, große, unvermutete Geste, erlesene Turbulenz«, erklärte der Künstler. »Ich habe mich heiteren Sinnes in jene Einsamkeit verbannt, in der die Maske thront.«
Das explizite Dekor war Ensors Verfahren, »das Zersetzende, Auflösende oder das in eiskalte Dämonie Einfrierende« zu gestalten, das der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in Werken von Künstlern wie Ensor zum Ausdruck gebracht sah (er dachte dabei auch an die Ensor begeistert rezipierenden Expressionisten und Surrealisten); die Farbe erwies sich bei seiner kreisenden Suche als treuer Komplize.
Auf einem Selbstporträt aus den 1880er Jahren malt sich der Künstler in schlammigen Farben, gegen die er den Kontrast eines bunten Blumenhutes setzt. Eine in leuchtendes Rosa gefasste, filigran gezeichnete Feder schwingt sich darauf ausladend, leicht und hell gegen das trübe Selbstbildnis auf. »Manchmal musste ich, der vieles schlecht verträgt, von felsigen Küsten, von Grundwellen und Urtiefen oder von Uferbänken aus, die mit bürgerlichen Bären, Lebertran schwitzenden Robbenmalern, Talmisirenen, miauenden Merlanen, erbärmlichen und sauerkrautigen Kunstkritikern schwer beladen waren, für und gegen alle vorgehen«, schrieb Ensor. »Was für ein von Trost spendendem Regenbogen unterbrochenes Elend.«
In der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, bis zum 19. März. Der Katalog kostet im Museum 29,80 Euro
- Datum 29.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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