KielEwig spukt der Heidemörder

Ohne ihn – oder sie – wäre 2005 anders verlaufen: Welcher Unbekannte stürzte Heide Simonis? Eine Spurensuche in Kiel von 

Kiel

Ob er gezögert hat? Oder sie? Der Stimmzettel war ein A4-Bogen, einfach gefaltet, darauf zwei Namen. Einmal in die Urne geworfen, würde er eine Kette von Ereignissen in Gang setzen, an deren Ende das Ende der Kanzlerschaft Gerhard Schröders stand. Es war der 17. März 2005, gegen 16.15 Uhr im Kieler Landeshaus. Die SPD verfügte mit ihren Partnern von den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) über eine Stimme Mehrheit, die Ministerpräsidentin konnte damit rechnen, im Amt bestätigt zu werden. Die Namen auf dem Stimmzettel lauteten Heide Simonis und Peter Harry Carstensen. Angekreuzt war der Name Carstensen. Ob er gezögert hat? Oder sie?

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Wenigstens diese Frage lässt sich beantworten. Die Leute, sagt Schleswig-Holsteins neuer Innenminister, der Sozialdemokrat Ralf Stegner, »sind doch bei der Stimmabgabe von den Kameras förmlich seziert worden«. – »Wir haben alle ganz genau hingeguckt«, erzählt einer der Beobachter. »Es war nichts zu erkennen.« Was immer der Unbekannte wollte, was immer ihn antrieb, im entscheidenden Moment hat er entschlossen gehandelt.

An den Folgen dieses Handelns gibt es kaum Zweifel. Erst nach der verpatzten Ministerpräsidentinnenwahl von Kiel, als Heide Simonis auch im vierten Wahlgang gescheitert war und im Bundesrat weitere drei Stimmen fehlten, erst da erörterte Gerhard Schröder mit seinen Vertrauten die Möglichkeit vorgezogener Neuwahlen im Bund. Ohne den Unbekannten gäbe es also aller Wahrscheinlichkeit nach keine Kanzlerin Merkel, es gäbe die Große Koalition weder in Kiel noch im Bund. Selten einmal hat eine Person so tiefe Spuren hinterlassen und zugleich so wenig, das auf sie selbst verweisen würde.

Wer war’s? Die Zeit der öffentlichen Verdächtigungen ist längst vorbei, zur Ruhe gekommen ist Kiel bis heute nicht. Immer noch machen Fotos aus den Minuten nach der Abstimmung die Runde, auf denen dieser Akteur, jene Akteurin in einem Moment echter oder gut gespielter Fassungslosigkeit zu sehen ist. »Wie soll man denn gucken, wenn man konsterniert ist?«, fragt der Innenminister, der zeitweise als Hauptverdächtiger gehandelt wurde, bis die abgewählte Ministerpräsidentin selbst eine Ehrenerklärung für ihn abgab. Immer noch passiert es der SPD-Abgeordneten Ingrid Franzen, vormals Landwirtschaftsministerin und zwischenzeitlich selbst unter Verdacht, dass ihr im Auto auf dem Heimweg nach Flensburg plötzlich der Gedanke durch den Kopf schießt: Sollte der…? Und immer noch kreisen die Fantasien um die Stimmzettel von damals, auf denen sich Fingerabdrücke befinden müssen und die, wie Innenminister Stegner zu wissen meint, demnächst wohl vernichtet werden.

Andererseits, sagt Holger Astrup, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, habe natürlich jeder seinen Hauptverdächtigen. »Aber man vergisst immer häufiger, daran zu denken, wenn man ihn auf dem Gang trifft.« Astrup war selbst unter Verdacht geraten, weil er schon seit Jahren auf seinem Fraktionsposten verharrt, obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass er sich für einen geeigneten Bewerber um ein Ministeramt hält.

29 Abgeordnete hat die SPD, mindestens 28 haben für Heide Simonis gestimmt. Dass der Abweichler, der »Heidemörder«, wie die taz spottete, kein Abgeordneter der Grünen oder des SSW war, darüber herrscht Einigkeit in der Fraktion.

Leserkommentare
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  3. 3. [...]

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  4. 4. [...]

    Der Heide Simonis entlarvende ZDF-Film
    „Und keiner weiß warum - Leukämietod in der Elbmarsch“
    ist hier zu finden:
    http://tinyurl.com/ybo7u6l
    oder
    http://www.fair-news.de/n...

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