KinoEinsamkeit hat viele Namen

Andreas Dresens sonniger Milieu-Film "Sommer vorm Balkon" von 

Notübernachtung auf einem Berliner Balkon: Selbst der Macho Ronald (Andreas Schmidt) sehnt sich manchmal nach ein bisschen Wärme

Foto: X Verleih

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Guten Morgen, Sonnenschein! Ein Sommerfilm im Winter, über die Liebe, das Leben und die arge Stadt Berlin. Die Räuberin unter den Städten mit Schlager-Soundtrack: Himbeereis zum FrühstückImmer wieder sonntagsEr gehört zu mir wie mein Name an der Tür . Ronald heißt er und ist noch gar nicht erschienen im Leben von Katrin und Nike. Noch sitzen sie weibseinsam auf ihrem Altbaubalkon im Prenzlauer Berg. Die Sonne sinkt, die Nacht wird lau, die beiden Schönen picheln wenig Cola mit viel Korn und träumen vom kommenden Kerl.

Nike macht Altenpflege. Katrin ist arbeitslos. Aus Freiburg zog sie her, der Liebe wegen. Der Mann ist längst perdu, Katrin lebt allein mit dem zwölfjährigen Max. Der Künftige müsste zu Max passen. Die Kamera äugt vom Balkon, zur Apotheke gegenüber. Der Inhaber späht herauf. Bislang ignoriert Katrin den Biedermann. Um Mitternacht ruft sie Max’ Vater an und kübelt ihm Geburtstagsflüche aufs Band. Nike, auch schon hübsch betankt, sinniert über die Vergänglichkeit der Liebe: Für immer, dit jib’s nicht, dit Jefühl kommt von sexuellen Botenstoffen im Gehirn, nach einer Weile sind die weg. Schlagartig!

Auftritt Ronald, schlagartig, per Verkehrsunfall. Will Nike, kriegt Nike. Aber der Zuschauer beginnt heftig zu leiden. Ronald ist Teppichspediteur aus Eberswalde und eine Dumpfbacke erster Güte. Katrin leidet auch. Nike, mit Ronald befasst, lässt ihre Freundschaft schleifen. Katrin pendelt zwischen Jobsuche und Tagelöhnerei. Geht allein tanzen, kommt in Begleitung heim. Will den Typ nicht in die Wohnung nehmen, da fällt der im Treppenhaus über sie her. Katrin schreit. Max, schlaftrunken, öffnet die Tür, sieht die Mutter, halb nackt. Der Typ türmt. Katrin schleppt sich in die Wohnung, greift zum Klaren, segelt ins Vergessen.

Dresens Witz hält sich am Rande der Verzweiflung auf

Einen »heiteren Film über Einsamkeit« hat Regisseur Andreas Dresen Sommer vorm Balkon genannt und die Hoffnung geäußert, das Publikum werde lachen wie in noch keinem seiner Filme. Ein sonderbarer Wunsch, bei dieser traurigen Geschichte? Dresens Witz ist Ambivalenz-Humor und hält sich gern am Rande der Verzweiflung auf. Zu Dresens Durchbruch wurde 2002 Halbe Treppe, jenes doppelte Ehedrama aus Frankfurt/Oder, das auch in Frankfurt am Main als universales Midlife-Porträt von Menschen auf der Kippe verstanden werden konnte – nicht zuletzt dank eines Westschauspielers, der danach als paradigmatischer Ossi galt: Axel Prahl.

Halbe Treppe war weithin ein improvisierter Film. Seine Menschen redeten und taten wie das Leben selbst. Danach begab sich Dresen vollends ins Tatsächliche und dokumentierte mit Herr Wichmann von der CDU den heulkomischen Wahlkampf eines ostdeutschen Nachwuchskandidaten für den Deutschen Bundestag. Unter der Losung »Zeit für Taten« sorgte Christdemokrat Wichmann für unvergessliche Impressionen der uckermärkischen Basispolitik.

Soziale Präzision ist auch in Sommer vorm Balkon Dresens Schlüssel zum echten Leben. Das echte Leben berlinert authentisch (Nadja Uhl als Nike, Andreas Schmidt als Ronald), es schwäbelt (Inka Friedrich als Katrin, beim heimwehmütigen Telefonat mit den Eltern), es spricht aus dem merkantilen Gelaber von Turnschuhverkäufern und Job-Beratern – Laien, die Dresen an ihren Wirkungsstätten rekrutierte.

Leserkommentare
  1. Es ist schon ein wenig bedrückend, wenn ein Zeit-Journalist die deutsche Dialektgeographie so unzureichend beherrscht, dass er meint, in Freiburg "schwäble" es. Als Alemanne ist man ja einiges gewohnt, aber vielleicht sollte hier doch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass das Schwäbische - je nach Lehrmeinung - entweder ein eigener Dialekt ist, der östlich des Kraichgaus und des Schwarzwaldes und nördlich des Bodensees gesprochen wird, oder, wie zahlreiche Idiome der deutschsprachigen Schweiz und Mittel- und Südbadens, ein Unterdialekt des Alemannischen ist. Wie auch immer man es dreht: In Freiburg wird jedenfalls eine Variante des Alemannischen gesprochen - und was Inka Friedrich in "Sommer vorm Balkon" darbietet, ist kaum Dialekt, sondern allenfalls ein stark ans Alemannische angelehnter Akzent. Der allerdings ist meisterhaft in Szene gesetzt; für mich die überzeugendste Wiedergabe des "Alemannischen" in der deutschen Filmgeschichte!
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    <br />Ralph Tuchtenhagen, Hamburg (ursprünglich Freiburg)

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