Kino Einsamkeit hat viele NamenSeite 2/2
Vor allem wohnt das echte Leben bei den einsamen Alten, die Nike tagtäglich besucht, füttert, windelt, wäscht – bei Oma Helene mit dem Akkordeon, bei dem bettlägerigen Herrn Neumann, der glaubt, er müsse zur Schule, bei Oskar, der den Kaffee vergisst und das Spülen auf dem Klo, doch niemals, wie sein Leutnant den armen Deserteur erschoss, mit dem Ruf: Das deutsche Schwert schneidet auch im fünften Kriegsjahr immer noch scharf! Aber ich hab nicht auf ihn gezielt, sagt Oskar. Nee, sagt Nike, du nich, Oskar.
Eine schöne Kraft durchwirkt die Filme des Andreas Dresen, ein Realismus der höheren Art. Er zeichnet seine Menschen bis zur Drastik, aber liefert sie nicht aus. Er begnadigt, er gibt Liebe. Er versteht die Alten wie die Kinder. Selbst das Macho-Würstchen Ronald wird begreiflich in seinem Bedürfnis nach Schutz, und die Scheußlichkeiten deutschen Schlagerschaffens klingen plötzlich wie Chansons mit Herz.
Das Drehbuch stammt vom Altmeister Wolfgang Kohlhaase. Vor einem Vierteljahrhundert erspürte Kohlhaase für Konrad Wolfs Solo Sunny gleichfalls das Leben rechts und links der Schönhauser Allee. Die Zeiten änderten sich rapider als die Milieus. Am Ende sitzen Katrin und Nike wieder auf ihrem Balkon. Ronald bettet sich inzwischen anderweitig. Nike erklärt: Der Mann hat sich verbraucht. Nana Mouskouri singt: »Die Welt wird sich weiterdrehn, auch wenn wir auseinandergehn.« Katrin sagt: So ist das Leben.
So könnten alle Dresen-Filme heißen. Dresen sagt, sein Freund und Kollege Günter Reisch habe Sommer vorm Balkon als Beschreibung eines Übergangs bezeichnet: vom Sozial- zum Individualstaat, von der Fürsorgegesellschaft zu Verhältnissen, die jeden auf sich selbst verweisen. Die dazugehörige Beklemmung erzeugt der Film mit Charme und ohne Eifer. Die ideologischen Botenstoffe melden sich auf der Heimfahrt nach Pankow, durch die echte Schönhauser Allee, im Dreck der Straßenbahn, im Frost der mürben Gesichter, im kahlen Gegröl der überflüssigen Kinder. Derzeit ist Winter vorm Balkon.
- Datum 27.08.2008 - 10:47 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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Es ist schon ein wenig bedrückend, wenn ein Zeit-Journalist die deutsche Dialektgeographie so unzureichend beherrscht, dass er meint, in Freiburg "schwäble" es. Als Alemanne ist man ja einiges gewohnt, aber vielleicht sollte hier doch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass das Schwäbische - je nach Lehrmeinung - entweder ein eigener Dialekt ist, der östlich des Kraichgaus und des Schwarzwaldes und nördlich des Bodensees gesprochen wird, oder, wie zahlreiche Idiome der deutschsprachigen Schweiz und Mittel- und Südbadens, ein Unterdialekt des Alemannischen ist. Wie auch immer man es dreht: In Freiburg wird jedenfalls eine Variante des Alemannischen gesprochen - und was Inka Friedrich in "Sommer vorm Balkon" darbietet, ist kaum Dialekt, sondern allenfalls ein stark ans Alemannische angelehnter Akzent. Der allerdings ist meisterhaft in Szene gesetzt; für mich die überzeugendste Wiedergabe des "Alemannischen" in der deutschen Filmgeschichte!
Ralph Tuchtenhagen, Hamburg (ursprünglich Freiburg)
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