Autobiografie Überschaubare IllusionenSeite 2/2
Wie Precht blickt auch Cailloux ohne jeden Zorn zurück. Die Vergangenheit ist komisch und liebenswert. Die linken Hoffnungen scheitern ohne Häme. Wie aus dem Geschäft und aus der Liebe nichts wird – das hält den Leser in Atem. Zu Recht wurde von der Kritik unisono Cailloux’ Sprache gerühmt. Hinreißend zutreffend, wie der Ich-Erzähler seine Zeit bei der Bundeswehr beschreibt, der man sich in den sechziger Jahren nicht so leicht entziehen konnte. Heute, da sich Schröder mit dem großen Zapfenstreich als Kanzler verabschieden lässt und das Tamtam öffentlicher Gelöbnisse ohne nennenswerten Protest vor dem Reichstag über die Bühne geht, kann eine Erinnerung an die Stupidität des Militärs, an die lächerlichen Ausbildungsrituale und an die niederträchtige Psychologie des Gehorchens nicht schaden.
Schön trocken erzählt, man fiebert mit. Makellos die Liebesszenen, die besonders komisch ausfallen, weil die 68er-Befreiungserwartungen im Bett mangels Erfahrung so hübsch mit der Wirklichkeit kollidieren. Régine – man schließt sie als Leser ins Herz und nimmt sie vor ihrem Freund in Schutz. Tröstlich, dass auch ein intellektueller Roman solche Anteilnahme weckt. Es hat dann nicht geklappt mit Régine, schade. Sie hat einen Kinobesitzer in der Lüneburger Heide geheiratet und zwei Kinder. Das alte Lied. In einen großartig einfachen Satz wird ihr ganzes weiteres Leben gefasst: »Régine hatte sich für überschaubare Illusionen entschieden…«
Lenin kam nur bis LüdenscheidMeine kleine deutsche RevolutionRichard David PrechtBelletristikBuchClaassen Verlag2005Berlin18352Das Geschäftsjahr 1968/69Bernd CaillouxBelletristikBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.10252- Datum 29.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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