Als Randy und Julie McClure Asa adoptierten, lag er in minus 196 Grad kaltem Stickstoff. Da war er nur ein winziger Zellhaufen, einer von den vielen so genannten Überzähligen. Er lag im Kühlraum einer Klinik. Asas Embryo war bei einer Fertilitätsbehandlung entstanden und wurde nicht mehr benötigt, nachdem seine Mutter schon mit zwei seiner Geschwister schwanger geworden war. Heute ist der Junge ein Jahr alt und quicklebendig. Aus solchen "vials" könnte Leben kommen - und mit dem kann man Politik gegen die Stammzellforschung betreiben © Klaus Gulbrandson/SPL/agentur focus

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Asas neue Eltern, die McClures aus Bellevue im US-Bundesstaat Washington, wollten eigentlich keinen Nachwuchs mehr; schließlich war das Ehepaar schon in den Vierzigern und hatte bereits drei Kinder gezeugt, auf ganz natürlichem Weg. Vor allem aber verabscheuten die strenggläubigen Baptisten das Geschäft mit der (Un-)Fruchtbarkeit, weil die Ärzte dabei zu viele – und daher zumeist todgeweihte – Embryos produzieren. Dann hörten die McClures von Snowflakes (Schneeflocken), einem Programm der christlichen Agentur Nightlight im kalifornischen Fullerton, das die Adoption der tiefgekühlten Embryos organisiert. "Wir hatten das Gefühl, dass Gott uns bat, einem dieser Kinder die Chance zum Leben zu geben", erzählte Julie McClure später.

Zunächst hatten die beiden Zweifel. Was wäre, wenn ihre Adoption der Fruchtbarkeitsindustrie Anreiz dazu geben würde, noch mehr Überzählige zu erzeugen? Was, wenn sie zu einem Feigenblatt für die Embryomacher würden? Doch ein Kirchenältester riet ihnen: "Wenn du Sklaven befreien willst, musst du mit dem Sklavenhändler verhandeln." So ließ sich Julie mehrere der verwaisten Embryos einpflanzen. Mit einem, Asa, wurde sie schwanger.

Die Adoption war für die McClures ein politischer Akt. Unterstützung bekamen sie von George W. Bush persönlich. Der Präsident lud sie und zwanzig weitere Adoptivfamilien in das Weiße Haus ein. Die Babys, mit denen der Präsident vor den Kameras posierte, trugen T-Shirts mit Aufschriften wie "Ehemaliger Embryo" oder "Dieser Embryo wurde nicht vernichtet". Das war öffentlichkeitswirksam: Die Fotos mit den niedlichen "Snowflakes" – entstanden aus Embryos, so gefroren wie Schneeflocken – schafften es auf die Titelseiten von New York Times und Washington Post.

Die Inszenierung hatte ihren Grund. Die Embryo-Adoption soll die Debatte um die umstrittene Forschung an embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) mit entscheiden. Deren Befürworter argumentieren, die dafür notwendige Zerstörung von wenige Tage alten Embryos sei moralisch vertretbar; denn diese überzähligen, im Rahmen der In-vitro-Fertilisation (IVF) entstandenen Zellhaufen seien ohnehin von niemandem gewollt und würden eines Tages zerstört. Da sei es doch besser, sie in der Forschung zu verbrauchen und damit Zelltherapien für schwere Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Parkinson zu entwickeln.

Das sehen die Gegner, in den USA zumeist konservative Christen, anders. Auch wenigzellige Embryos seien Menschen und dürften keinesfalls getötet werden. Im August 2001 beschränkte Bush daher die öffentliche Förderung der ES-Forschung auf die Zelllinien, die zu dem Zeitpunkt bereits bestanden. Doch die Kräfteverhältnisse haben sich gewandelt: Ein neues Gesetz könnte bald ermöglichen, auch mit Steuergeldern neue ES-Zellkulturen aus überzähligen Embryos zu gewinnen.