Woody Allens "Matchpoint" Tennislehrer lieben nicht

»Matchpoint« ist Woody Allens bester Film seit langem. Weil er so klar, hart und unversöhnlich ist

Wenn es eine Konstante unseres Kino-Daseins gibt, dann wohl die Figuren von Woody Allen. Wir haben uns so sehr an sie gewöhnt. Jahrzehntelang spazierten sie durch New York, gingen zum Chinesen an der Ecke, verliebten und verließen sich. Aus Alvy Singers Junggesellenhöhle in Der Stadtneurotiker zogen wir mit ihnen in die cool designten Aufsteigerwohnungen aus Melinda und Melinda. Im Laufe der Jahre redeten diese Figuren ein bisschen weniger über Sex und Psychoanalyse und mehr über das Altern, die Karriere oder ihr Ausbleiben. Aber auch kleine Schwankungen in ihrem Lebensrhythmus verstärkten nur die allgemeine Vertrautheit. Im Grunde versorgte der Allen-Kosmos den postreligiösen Menschen sogar mit einer Miniaturvorstellung der Unsterblichkeit: Alte Bekannte werden in den Eigenschaften der aktuellen Filmfiguren wiedergeboren, Neurosen überleben Jahrzehnte zwischen immer neuen Naziwitzen, die Liebe ist immer noch so schön und schmerzlich wie in Manhattan, und alle könnten ewig so weiterwuseln. Dabei täuschte uns Woody Allen nie darüber hinweg, dass das Dasein für ihn kein Ziel und keine Bedeutung hat und über dem Central Park nur ein eisiges unbarmherziges Nichts lauert. Trotzdem stattete er seine Geschichten stets mit diesem wunderbar warmen Innenfutter aus, man könnte auch von einem hedonistischen Binnensinn sprechen. In den letzten Jahren hatte sich das Prinzip der ritualisierten Variation allerdings ein bisschen abgenutzt. Woody Allen schien müder und milder geworden. Und wer hätte angesichts seiner Lebensherbstkomödien noch ernstlich mit Überraschungen oder gar Revolutionen gerechnet? 

Aber jetzt, plötzlich, kurz bevor er sich endgültig im großen warmen Kaminzimmer des Alterswerks einzuschließen drohte, hat Allen die ganze Seelenpolsterung aus seinem Kino herausgerissen. Alles muss raus! Die Kunst, die Liebe und die Illusionen, die kleinen und großen Tröstlichkeiten. In seinem 37. Film Matchpoint ist die Welt so ungerecht, unerlöst und zynisch, wie er sie wohl immer sah, aber keinem zumuten wollte. Woody Allen zeigt Menschen voller Heimtücke und Habgier, ein Dasein ohne Sinn und Moral. Es ist ein harter, gnadenloser Film, sein bester seit Jahren.

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Der Film erkundet die Zeichen der britischen Klassengesellschaft

Dabei wirkt diese Geschichte eines rasanten Aufstiegs zunächst ganz harmlos. Weil er zufällig mit dem richtigen Schnösel am Netz steht, vielleicht auch weil er Opern liebt und ein attraktiver Kerl ist, gelingt dem Tennislehrer Chris Wilton (Jonathan Rhys-Meyers) ein rasanter Aufstieg in die britische Oberschicht. Seine Liaison mit der liebenswerten, aber auch ein bisschen langweiligen Tochter der schwerreichen Hewitts verspricht einen neuen, federleichten Lebensstil. Es locken die Loge in Covent Garden, das feudale Landhaus, ein Apartment mit Themse-Blick und der hoch bezahlte Job in Schwiegervaters Imperium. Zwei maliziöse Schwenks genügen Woody Allen, um den Unterschied zwischen zwei Vermögens- und Daseinsformen auszumessen. Zu Beginn streift die Kamera durch Wiltons winzige möblierte Junggesellenbude, von der muffigen Couch über die rosa Teetanten-Tapete bis zu den kitschigen Blumendrucken. Später, bei einer Partygesellschaft der Hewitts, durchläuft das Objektiv eine ähnliche Bewegung. Diesmal gleitet es durch herrschaftliche Räume vorbei am munteren Geplauder von fein bezwirnten Menschen, deren Geld so alt ist, dass sie es nicht einmal mehr wahrnehmen.

Woody Allen hat sein inneres und äußeres New York verlassen. Durch die britische Klassengesellschaft bewegt er sich mit der Begeisterung eines Ethnologen, der einen unbekannten Stamm entdeckt hat. Er erkundet die Semiotik des selbstverständlichen Luxus, die natürliche Arroganz der Sprache und die Edelrestaurants, in denen Wilton lernt, einen Puligny-Montrachet zu Blinis und Kaviar zu bestellen.

Und doch ist Matchpoint mehr als eine Versuchsanordnung über die Verführungskraft des Materiellen. Um in Woody Allens Leitmetapher zu bleiben: Dieser Film handelt vom großen Tennis des Lebens. Vom aufreibenden Hin und Her der Gefühle, von der Frage, ob wirklich nur unser Aufschlag entscheidet, wann ein Ball ins Netz oder darüber geht.

Chris Wiltons Verhängnis heißt Nola Rice, ist eine erfolglose Schauspielerin und wird gespielt von Scarlett Johansson. Wenn sich die beiden zum ersten Mal gegenüberstehen, dann verhindert nur die Tischtennisplatte, dass sie übereinander herfallen. Wie eine erotische Gottheit bewegt sich die Amerikanerin durch die sexlose britische Umgebung. Nola Rice ist schön, berührend, klug, aber arm. Woody Allens Held muss sich entscheiden. Zwischen der Leidenschaft seines Lebens und einer reichen Ehefrau, die nur noch daran denkt, die Enkelquote der Eltern zu erfüllen. Als Nola schwanger wird, hat der junge Aufsteiger ein Problem. In diesem Augenblick entfaltet sich die unglaubliche Heimtücke von Allens Film. Längst haben wir uns in Wiltons Lebensstil eingerichtet und sind bereit, ihn mit Klauen und Zähnen zu verteidigen.

Schon einmal, in Verbrechen und andere Kleinigkeiten, erzählte Woody Allen die Geschichte eines Mannes, der sein Familienleben durch eine fordernde Geliebte gefährdet sieht. Schon damals ging es um die Entscheidung zwischen Status und Liebesglück. Und schon damals schien der Auftragsmord an Anjelica Huston den Fortgang der Dinge nicht weiter zu stören. Aber Himmel sei Dank gab es noch eine Parallelgeschichte, in der sich ein erfolgloser Dokumentarfilmer (Woody Allen) in seine Produzentin (Mia Farrow) verliebt.

Es gab zarte Szenen, in denen die beiden Singin’ in the Rain gucken, dazu indisches Fast Food essen und eine Flasche Champagner trinken (die der Regisseur einmal als lobende Erwähnung für einen kleinen Leukämiefilm erhielt). Kurz, es war einer dieser Allen-Filme, in denen sich das Schöne und das Schreckliche auf wundersame Weise die Waage halten. Am Ende gab uns der Film noch eine Moral mit auf den Weg: Allein durch seine Liebe kann der Mensch der Gleichgültigkeit des Universums etwas entgegensetzen.

Woody Allen hat den Glauben an die Liebe verloren

In Matchpoint gibt es keine Liebe mehr. Es gibt nicht einmal mehr die beruhigende Gesellschaft der Kunst, die uns von früheren Allen-Werken als eine Art Palliativmedizin gegen das Dasein verordnet wurde. Erinnern wir uns: In Manhattan standen auf der berühmten Liste der Dinge, die das Leben lebenswert machen, sieben Kunstwerke, darunter drei Musikstücke. In Matchpoint scheint Allen alles dranzusetzen, Musik und Literatur als bedeutungslosen Zeitvertreib zu desavouieren. Chris Wilton liest Dostojewskis Schuld und Sühne und wird ohne jeden Skrupel eine fürchterliche Tat begehen. Er hört die großen Belcanto- und Verismo-Opern, in denen die Liebe gegen Standesunterschiede kämpft, wird sich aber gegen seine Gefühle und für ein luxuriöses Leben entscheiden. Perfides musikalisches Leitmotiv in Matchpoint ist das von Enrico Caruso unerreicht traurig gesungene Una furtiva lagrima aus Donizettis Liebestrank. Die Liebesarie wird zum bitteren Abgesang. Und zum ernüchternden Kommentar auf eine Gattung, der nach Tausenden von Jahren Kunst, Poesie und Zivilisation im entscheidenden Moment immer noch nichts Besseres einfällt, als dem Gegenüber mit Hilfe von Schießpulver ein kleines Metallstück in den Schädel zu jagen. Ein Film, der vorführt, wie schlecht die Menschen sind, obwohl ihnen schon tausendmal erzählt, vorgesungen und vorgespielt wurde, dass sie besser sein könnten, ist natürlich auch eine Aussage des Kinos über sich selbst. Woody Allen, der kleine jüdische Junge aus New York, dieser großartige Verfasser von Holocaust- und Naziwitzen, hat noch nie an die moralische Kraft der Kunst geglaubt. Andererseits hat er uns auch noch nie so klar und so ernüchternd ihre absolute Wirkungslosigkeit vor Augen geführt.

Womöglich musste er einfach einmal auf den Tisch hauen. Und uns sagen, wie wenig er von uns hält, um wieder an uns glauben zu können. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Endlich den Selbstmord begehen, über den er noch großartigere Witze gerissen hat? Oder, wie in Manhattan, dann doch Louis Armstrongs Potato Head Blues auflegen und zum Chinesen an der Ecke gehen? Das war vor mehr als 25 Jahren. Sein nächster Film, so heißt es, werde wieder eine romantische Komödie sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Frau Nicodemus hat Recht: Es ist ein sehr, sehr guter Film. Ein Autorenfilm! (Gibt's nicht so oft.) Aber in einem nicht ganz unerheblichen Punkt irrt sie. Sie schreibt:

    "In Matchpoint scheint Allen alles dranzusetzen, Musik und Literatur als bedeutungslosen Zeitvertreib zu desavouieren. Chris Wilton liest Dostojewskis Schuld und Sühne und wird ohne jeden Skrupel eine fürchterliche Tat begehen."

    Ich meine, Chris Wilton ist furchtbar müde, als er Dostojewski liest, er ist Tennisspieler von Beruf und vielleicht kapiert er nicht richtig, worum es in dem Buch geht. In der Oper schläft er jedes Mal fast ein. Es ist ja peinlich, ihn zu sehen: Immer denkt man, die englische Oberschicht könnte ihn dabei ertappen, wie ihm die Augen zufallen. Und auch sonst kann Chris mit Kunstgenüssen nicht viel anfangen.

    Wird Chris Wilton vielleicht mit der Zeit besser? So wie ein guter Rotwein besser wird? Wird er im englischen Oberschicht-Milieu gedeihen, reifen und dazulernen? Wir er sich in einen wirklich gebildeten Menschen verwandeln? Ich meine: Nein! Das englische Oberschicht-Milieu, so wie es Allen präsentiert, ist auch nicht danach. Darüber hat man sich dort ja auch aufgeregt.

    Literatur und Kunst sind vielleicht für manche Leute ein bedeutungsloser Zeitvertreib. Man darf die Aussage aber nicht verallgemeinern.

    Autor und Erzäher. Altes Linnen. Wie also ist es mit Woody selbst, dem Autor? Sieht er "Musik und Literatur als bedeutungslosen Zeitvertreib"? Wahrscheinlich nicht, jedenfalls nicht, wenn er nicht gerade Bekanntschaft mit einer interessanten Frau macht. (Zugegeben, hier hat meine Argumentation eine kleine, aber markante Schwachstelle.)

    Der Erzähler jedenfalls belegt mit seinen Bildern ziemlich eindeutig, dass Chris Wilton mit Kunst nicht viel am Hut hat.

  2. Es scheint mir, als ob Woody Allen in diesem Film etwas von Peter Greenaway übernommen hätte: Den Betrachter mit einer Frage zu konfrontieren, die nicht explizit als Frage formuliert wird, sich aber aus den Bildern oder dem Geschehen ergibt.
    Im Falle von "Matchpoint" lautet sie: War Nola Rice wirklich schwanger? Es hätte doch gut zu ihrer Psyche gepasst, dies nur zu fingieren. Auch stand in dem für Chris Wilton überraschend aufgetauchten Tagebuch Nolas nichts von ihrer Schwangerschaft. Nola hatte darin ihre Treffen mit Chris protokolliert, aber nichts von ihrer Schwangerschaft geschrieben. Die verhörenden Polizeibeamten saßen einem ertappten Ehebrecher gegenüber, nicht aber einem Mann, der unter dem ungleich drückenderen Verdacht stand, eine versehentlich Geschwängerte beseitigen zu müssen.

  3. Hallo Hofauer,

    Ihre Überlegungen kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mich auch gefragt, warum die Polizisten diesen Punkt beim Verhör nicht als Überraschungsmoment ins Spiel gebracht haben - sie werden doch Bescheid gewusst haben, Obduktionsbericht etc.

    Andererseits: Die Frau ist - bei aller Raffinesse - ein ganz ehrliches Gemüt. Sie spricht über ihre Schwester voller Hochachtung, sie selbst sei "nur sexy". Ganz emotional begründet sie, warum sie das Baby diesmal behalten will.

    Aber: Naiv ist sie nicht. Und sie will diesen Mann. Mit der Film-Karriere scheint es ja nichts zu sein.

    Die Polizisten sind Routine-Typen, ein bisschen schlapp und nachlässig bei der Arbeit, aber nüchterne Menschen. Wenn sie schon nicht im Verhör auf die Schwangerschaft zu sprechen kommen, sei es aus Rücksichtnahme oder aus Angst vor den Oberschicht-Menschen, so hätten sie doch mindestens unter vier Augen darüber sprechen können. Tun sie aber nicht.

    Der Autor lässt uns tappen.

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