Pendelverkehr

Wir Pendler

Wie der ICE zwischen Berlin und Hamburg unser Leben verändert

Seit einem Jahr gehöre ich zu den Pendlern. Ich wohne in einem Vorort von Hamburg. Jeden Morgen um 7.45 Uhr steige ich in den Zug und fahre zur Arbeit. 287,6 Kilometer weit. Der Hamburger Vorort heißt Berlin, und der Zug ist ein ICE. Die Fahrt dauert exakt 90 Minuten. Um kurz vor halb zehn sitze ich am Schreibtisch und frage mich, ob ich eigentlich verrückt bin. Doch wenn ich abends in den Zug nach Hause steige und all die bekannten Gesichter sehe, denke ich: Ich mag verrückt sein. Aber ich liege im Trend.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen sich das antun. Weil die Freundin in Berlin arbeitet. Weil es in Berlin mehr Altbauwohnungen gibt. Weil man Hamburg nicht leiden kann. Aber eigentlich gibt es nur einen Grund, warum Menschen 3000 Kilometer pro Woche pendeln: weil es geht.

Hunderte von Millionen Euro hat die Bahn für die Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgegeben, seit genau einem Jahr gibt es sie jetzt und mit ihr einen neuen Typ Mensch, der in einer neuen Doppelstadt namens Hamburg-Berlin lebt. Andere wohnen in Köln-Frankfurt. Das war die zweite ICE-Städtehochzeit der vergangenen Jahre. Wobei sich ein guter Teil des Pendlerlebens irgendwo dazwischen auf der Strecke abspielt. Drei Stunden am Tag leben wir im Zug. Die Verspätungen nicht eingerechnet, und die sind gewaltig.

Uns ICE-Pendler erkennt man an der schwarzen Netzkarte namens Bahncard 100, die mehr als 3000 Euro kostet und die wir Glücklichen uns leisten können, womit wir die Möglichkeit erwerben, in unserer Wunschstadt wohnen zu bleiben. Man erkennt uns an dem Waggon, in dem wir sitzen: zweite Klasse, direkt hinter dem Bordrestaurant. Dort sind Plätze für Vielfahrer wie uns reserviert, Plätze, von denen wir die Normalfahrer mit einem Wink unserer Bahncard vertreiben dürfen. Ich weiß nicht, wie viele wir sind. Aber fehlt einer von uns, frage ich mich im Stillen, was mit ihm ist. Ich erkenne jeden anderen Pendler. Dabei tun wir meistens so, als würden wir uns nicht kennen. Um ins Gespräch zu kommen, sind wir morgens zu verschlafen, abends zu abgekämpft, und außerdem fürchten wir, den Mitpendler, mit dem wir einmal gesprochen haben, von nun an täglich unterhalten zu müssen.

An einem der Vierertische sitzt meistens eine zierliche Frau mit dunklen Haaren und gewaltigen Augenringen. Sie tippt Zahlen in ihren Laptop. Ich sehe sie seit einem halben Jahr. Heute spreche ich sie an. Bettina Soemer heißt sie und ist 30 Jahre alt. Anderthalb Stunden sind eine lange Zeit. Sie fängt an zu erzählen. Davon, wie skeptisch ihr Freund am Anfang war. »Das kriegst du nie hin. Das machst du nicht lange. Das ist ja irre«, hat er im April gesagt. Solche Reaktionen sind wir Pendler gewohnt. Wir widerlegen sie durch Beharrlichkeit. Bettina Soemers Chef in Hamburg sagte: »Kein Problem«, und hat ihr den Laptop spendiert, zum Arbeiten im Zug.

Ein paar Reihen weiter sitzt ein junger Mann mit blonden Haaren und kurz geschnittenem Bart. Meistens trägt er schicke Hemden und liest Zeitung. Die Süddeutsche. Oder den Spiegel. Sein Name ist Lars Kotte, er ist Wirtschaftsinformatiker und arbeitet in Hamburg für einen Systemintegrator. Das sei so was wie die Telekom, sagt er im Ton von jemandem, der es aufgegeben hat, anderen Leuten seinen Job zu erklären. »Die Zeitung ist mein ständiger Begleiter durch die Woche«, sagt er. Nie haben wir Pendler so viel gelesen wie im vergangenen Jahr. Uns macht keiner etwas vor, wir wissen, was im Bundestag los ist, und wir kennen die Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. »Die Zeit im Zug, ich sehe sie als zusätzliche Freizeit. Zeit für mich ganz allein«, sagt Lars Kotte.

Irgendwie sagen wir alle dasselbe. Das Leben im Zug hat uns gleichgeschaltet. Wir alle beteuern, dass wir nicht ewig pendeln wollen. Ein Jahr vielleicht, bis die Bahncard abgelaufen ist, oder zwei. Und wissen doch, dass wir uns etwas vormachen. Die Jobsituation in Berlin wird nicht besser, Hamburg dagegen ist die Region Deutschlands mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Wir haben keine Zeit mehr zum Fernsehen, wir alle wünschen uns mehr Zeit mit unseren Freunden, wir alle fürchten den Augenblick, wenn wir gerade eingenickt sind und der Schaffner uns wieder wachrüttelt. Und für uns alle ist das Wetter ein Problem. Es ist ein Ratespiel. Scheint morgens in Berlin die Sonne, lassen wir den Schirm zu Hause, und in Hamburg schlägt uns kalter Wind entgegen, es schüttet. Manchmal vergessen wir aber auch, ob wir gerade in Hamburg sind oder doch schon in Berlin, und wir alle blicken ein wenig verächtlich auf die Nichtpendler, diese unflexiblen Langweiler. »Distance is distance in mind«, sagt Anne-Katrin Escher dazu. Mit ihr steige ich morgens in Charlottenburg in die S-Bahn und fahre die zwei Stationen bis zum Bahnhof Zoo, und abends stehen wir nebeneinander auf dem Bahnsteig, warten und frieren zusammen. Trotzdem hat es Monate gedauert, bis ich sie nach ihrem Namen gefragt habe. Anne-Katrin Escher, 36, ist Juristin, Expertin für Seerecht. Ihr Büro liegt im ehemaligen Terminal für die England-Fähre mitten im Hamburger Hafen. Sie hat da so eine Idee. Ein Fitness-Studio auf Rädern, das wäre doch was, ein echter Zeitgewinn. Ein Waggon mit Stepper, Hometrainer und Gewichten. Anne-Katrin Escher sagt, das Pendeln sei wie ein Marathon. Solange man stur weitermacht, geht es.

Und wie ein Marathon erfordert auch das Pendeln ein Höchstmaß an Logistik. Bettina Soemer zum Beispiel hat ihre täglichen Aktivitäten entlang der Buslinie konzentriert, die sie jeden Tag zum Bahnhof Zoo nimmt: Supermarkt, Fitness-Studio, Shopping. Alles entlang der Linie M46. Anne-Katrin Escher hat mit ihrem Freund die Abmachung, dass das Essen schon auf dem Tisch steht, wenn sie abends nach Hause kommt. Und ich verabrede mich zum Essengehen um 20.25 Uhr am S-Bahnhof Savignyplatz, 12 Minuten nachdem der Abend-ICE am Berliner Bahnhof Zoo ankommt. Das schaffe ich. Dann ist ein weiterer 13-Stunden-Pendeltag vorbei. »So schlimm ist das auch nicht«, sagt Anne-Katrin Escher. »Andere arbeiten auch so 13 Stunden.« Es geht also doch?

Neulich schaute ich aus dem Zugfenster, sah wie jeden Abend irgendwo zwischen Ludwigslust und Wittenberge das mir bekannte Windrad mit dem grün angemalten Pfeiler und dachte: Wir hätten schon vor drei Minuten hier sein müssen. Ohne auf die Uhr zu schauen. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Ich fahre diese Strecke zu oft.

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Leser-Kommentare

  1. Da ich in der Naehe von Tunbridge Wells im sued-ost England wohne, amuesiere ich mich hier zu merken, dass die Deutschen gerade das Pendeln lernen. Im den Grafschaften suedlich von London befindet man sich im Londoner ,Commuter Belt' (,Pendler Gurtel'). Haeufig bei uns wird bemerkt, dass Pendler aus diesen Grafschaften schon 30 Jahren mit demselben Zug gependelt haben, und niemals einander angesprochen haben! Das ist vielleicht ein unfaires Stereotyp - aber man fragt sich, angeben, dass vor kurzer Zeit, wir noch alten Zuegen hatten, die in der ersten Klasse Abteilungen hatte, damit zwoelf (bestimmt) reiche Arbeiter des Londoner Finanzbezirks sich hinter ihren Ausgaben von ,the Times' oder ,The Telegraph' ganz ruhig und privat verstecken konnten! Die Deutschen koennen sich freuen, dass ein Inter City (sogar Express) innerhalb 90 Minuten die Strecke Hamburg-Berlin schafft, im Gegensatz zu den englischen Zugen, da ein englischer Zug (und zwar bestimmt kein Express) 90 Minuten fuer eine regionale Fahrt nach London aus den Heimgrafschaften!
    Allerdings soll die neue Generation deutscher Pendler sich nicht schockieren lassen, dass alles so undfreundlich scheint... Der englische Erfahrung nach, ist das ein ganz normalen menschlichen Annahme des Phaenonems des Pendelns. Ich wuensche all denjenigen, die sich frueh Montag morgen, nach der Sylvesterfeier, auf einem Berliner Bahnsteig finden, alles gutes zum neuen Jahr!

    • 16.01.2006 um 22:00 Uhr
    • Pegan

    Die Strecke ist anders, die Erfahrungen sind gleich, die Hoffnungen sind ähnlich, die Bewältigungsstrategie ist etwas anders:

    http://derwoblog.blogspot...

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  • Von Jan Martin Wiarda
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
  • Kommentare 2
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