Kino »Rembrandt war kein Maler«

Aber was dann? Ein Entertainer, ein Ketzer und der Bill Gates seiner Zeit – sagt der Regisseur Peter Greenaway. Er dreht zum 400. Rembrandt-Geburtstag 2006 einen Film über die »Nachtwache«

DIE ZEIT: Herr Greenaway, war der Rembrandt-Wahn jemals größer als heute?

Peter Greenaway: Was soll ich da sagen? Ich bin ja einer von diesen Wahnsinnigen, die den Wahn mit großer Begeisterung produzieren. Doch stimmt es schon, in stillen Momenten gruselt es mich auch. Allein hier in Holland laufen im kommenden Jahr 17 Rembrandt-Ausstellungen, es gibt zig neue Bücher, zig Konferenzen, auch eine Rembrandt-Oper machen wir und dann natürlich den Film.

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ZEIT: Gibt es denn über Rembrandt überhaupt noch Neues zu sagen?

Greenaway: Oh, mir sagt Rembrandt eigentlich jeden Tag etwas Neues. Schauen Sie nur mal aus dem Fenster, da sehen Sie das Reichsmuseum, direkt vor meiner Haustür. Ich gehe da bestimmt zweimal die Woche rüber, für eine halbe Stunde vielleicht. Vor allem Rembrandts Nachtwache ist für mich so etwas wie ein guter Nachbar.

ZEIT: Und was erzählt Ihnen dieser Nachbar?

Greenaway: Na, zum Beispiel, dass Rembrandt gar kein Maler war.

ZEIT: Wie bitte?

Greenaway: Ja, Rembrandt war kein Maler. Und die Nachtwache ist auch kein Gemälde. Sie müssen nur genau hinschauen, dann sehen Sie, dass sich Rembrandt von allen klassischen Bildtraditionen verabschiedet. Er reiht die Soldaten nicht in Reih und Glied, wie es üblich war. Stattdessen bricht er den Bildraum auf und macht daraus eine Bühne. Genau das ist die Nachtwache: ein Stück Theater, eine irrwitzig lebendige Aufführung. Das sieht man schon an den Schatten der Leute, die mal in die eine, mal in die andere Richtung fallen. So etwas geht nur auf der Bühne, da gibt es zehn Sonnen auf einmal. Übrigens ist das bei vielen Rembrandt-Bildern ganz ähnlich. Sie wollen alles sein, nur keine Malerei. Sie negieren sich selbst.

ZEIT: Dann wäre Rembrandt also in Wahrheit das gewesen, was Sie sind: ein Regisseur?

Greenaway: Sie müssen wissen, dass die Theater in Holland spätestens seit den 1630er Jahren eine ungeheure Wiederbelebung erfuhren. Hier spielte sich das gesellschaftliche Leben ab, und natürlich waren viele Maler eifersüchtig auf den Erfolg der Theaterleute. Sie wurden selbst theatralisch, sie inszenierten Bühnenszenen. Schließlich stand das Bildermalen ohnehin nicht im besten Ruf, denken Sie an den Calvinismus und an das Gebot »Du sollst dir kein Bildnis machen«. Gerade Rembrandt, der viele jüdische Freunde hatte, war das sehr bewusst.

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