Folge 8 Angst und Depression
Über den Depri wird inzwischen sehr häufig geredet, doch hinter vielen Depressionen steckt eine Angststörung
»Dieser Winter macht mich mal wieder depressiv« – kaum ein Ausspruch zeigt deutlicher, dass es hierzulande längst salonfähig ist, ganz locker über die Schattenseiten der Seele zu sprechen. Doch echte Depressionen sind nicht zu vergleichen mit Phasen von schlechter Laune oder Grübelei. Es handelt sich um psychische Störungen, bei denen die Empfindung aller Gefühle reduziert ist. Die Betroffenen sind niedergeschlagen, sie haben zu nichts mehr Lust, fühlen sich minderwertig, kapseln sich ab und erleben schon die kleinsten Aufgaben als große Belastung. Darüber hinaus stoßen Menschen mit Depressionen auf erhebliche Ressentiments. Sie werden nicht offen diskriminiert, aber Freunde und Verwandte wenden sich ab, was die Betroffenen noch tiefer in die Krise stürzt. Jedes Jahr finden rund 8000 Menschen in Deutschland ihren Zustand so unerträglich, dass sie Suizid begehen.
Jeder zehnte Bundesbürger, schätzen Experten, erlebt mindestens einmal im Leben eine schwere depressive Episode. Je nachdem, welchem Forscher und welcher Studie man Glauben schenkt, sind zwischen 3 bis 18 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Selbst für Mediziner ist es oft nicht einfach, Depressionen richtig zu diagnostizieren. Denn nicht bei jedem äußert sich das Leiden in den gleichen Beschwerden. Während die einen Patienten gebremst, still oder gar völlig erstarrt erscheinen, leiden andere an quälender Unruhe und Gereiztheit. Experten unterscheiden vor allem drei Formen von depressiven Störungen: erstens die unipolare Depression, die mit einer oder mehreren depressiven Episoden einhergeht. Zweitens die bipolare Störung, bei der sich depressive Phasen mit manischen abwechseln, also mit Episoden von extremer Hochstimmung, übersteigertem Tatendrang, Größenwahn und unvernünftiger Risikobereitschaft. Und drittens die Dysthymie – eine weniger ausgeprägte, aber chronische depressive Verstimmung, die mindestens zwei Jahre anhält. Die Betroffenen können sich über nichts richtig freuen, sind schnell gekränkt und enttäuscht, leiden unter Ängsten und sind insgesamt sehr pessimistisch.
Umstritten ist, welche Therapie am besten hilft. Mit Medikamenten allein, wie es nach wie vor viele Ärzte versuchen, ist es nicht getan. Zwar wirken die modernen Antidepressiva kurzfristig oft recht gut; die meisten Patienten haben nach drei Monaten tatsächlich keine Symptome mehr. Häufig erleiden die mit Psychopharmaka Behandelten aber einen Rückfall.
Bessere Chancen auf dauerhaften Erfolg haben psychologische Verfahren, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Der Therapeut hilft dem Patienten dabei, zunächst für kleinere, später für schwierigere Probleme selbst Lösungen zu entwerfen und neue, gesündere Verhaltensweisen einzuüben.
Mitunter ist auch die Behandlung so genannter Vorläuferstörungen nötig und hilfreich. Oft verstecken sich hinter einer Depression nämlich andere, frühere Erkrankungen – in den meisten Fällen eine Angststörung. Wie hilfreich eine gezielte Angsttherapie sein kann, haben Forscher am Beispiel von Panikattacken nachgewiesen. Nur jeder fünfte Patient, dessen Panik behandelt worden war, entwickelte später eine depressive Störung. Bei den Nichtbehandelten war es fast jeder Zweite.
- Datum 29.12.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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