Er lag er nach einer Party wach im Bett, sah noch etwas fern, als es begann. »Mein Herz tat plötzlich weh, ich bekam Brustschmerzen, und mein Herz fing an zu rasen«, sagt Hartmut M., »das war so übel, dass ich dachte: Das ist ein Herzinfarkt, ich sterbe jetzt!« Der 29-Jährige hatte schon jahrelang Drogen genommen – Ecstasy, Amphetamine, Alkohol, Hasch – und vermutete, dass ihm jetzt Nebenwirkungen zu schaffen machten. Die Freundin rief den Notarzt. »Im Krankenhaus haben mir Ärzte ein Medikament und Sauerstoff gegeben«, erinnert sich M., »auf einmal wurde mein Herzschlag immer langsamer und ist richtig weggesackt. Da dachte ich: So fühlt sich der Tod an. Das war’s jetzt.«

Hartmut M. hatte keinen Herzinfarkt. Eine Panikattacke war der Grund für die Schmerzen gewesen. Aber es sollten noch drei Monate vergehen, bis endlich ein Internist die richtige Diagnose stellen würde. Oft dauert es sogar Jahre, bis jemand die Symptome richtig deutet. Angststörungen, zu denen die Panikattacke gehört, werden oft übersehen oder aus Scham verschwiegen. Dabei leben rund sieben Millionen Deutsche zwischen 18 und 65 mit einer ernst zu nehmenden Form der Angst, doppelt so viele Frauen wie Männer.

»Es ist nicht nur eine Krankheit von Unterprivilegierten, von Frustrierten, von Reichen, von Armen, von Einfältigen, von Genies; es kann jeden treffen«, sagt Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Depressionen seien in der Öffentlichkeit inzwischen etwas mehr akzeptiert . Dazu beigetragen hat Sebastian Deisler, Spieler beim FC Bayern München. Er machte sein Leiden öffentlich. »Ein Held«, sagt Holsboer, der den Fußballer behandelt hat. Aber Angst? Jeder meint sie zu kennen: Sie ist lästig, aber harmlos. Doch dieses vorübergehende Unbehagen ist etwas anderes als die Hölle, die Angstkranke mitunter durchleben. Sie fürchten sich davor, auf die Straße zu gehen, in den Aufzug zu steigen, aus dem Fenster zu schauen oder mit anderen Menschen zu sprechen. Rund eine Million Angstkranke erleiden Panikattacken wie Hartmut M.

M. lässt sich inzwischen im Zentrum für Psychosoziale Medizin eines großen deutschen Universitätskrankenhauses behandeln. Es geht ihm bereits viel besser. Auf dem Gang der Station steht ein selbstbewusster Mann von 1,85 Meter Größe: blonde kurze Haare, Jeans, schwarze Trainingsjacke. Noch vor kurzem war er in einer Spirale der Angst gefangen, die ihn schließlich den Job kostete.

Nach dem ersten Anfall im Bett rührte Hartmut M. keine Drogen mehr an und stürzte sich in die Arbeit. »Der Job war super, hat mir immer Spaß gemacht«, sagt der Handwerker. Doch schon nach drei Tagen spürte er ein Prickeln in den Armen. Ihm wurde schwindelig, sein Herz fing an zu rasen, er spürte seine Arme nicht mehr. Die Kollegen riefen den Notarzt. Im Krankenhaus konnte man nichts Ungewöhnliches feststellen. Die Symptome klangen schnell wieder ab – ohne Behandlung.

Die Anfälle kamen regelmäßig, ein-, zweimal die Woche. M. dachte: »Die haben im Krankenhaus irgendwas übersehen.« Wochenlang lief er von Arzt zu Arzt, wurde von Kopf bis Fuß untersucht: »EKG, CT, MRT, EEG. Und alle haben gesagt: Mit dem Befund können Sie 100 Jahre alt werden.«

Viele Menschen mit Angststörungen lassen sich besonders häufig wegen körperlicher Beschwerden von Ärzten durchchecken. Manch ein Paniker landet gar wegen einer akuten Attacke mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Notaufnahme einer Klinik. Doch sobald sich zeigt, dass organisch nichts zu finden ist, werden die Patienten mit beruhigenden Worten nach Hause geschickt, schildert Andreas Kordon von der Angstambulanz der Universitätsklinik Lübeck den üblichen Gang der Dinge. »Nicht nur bei Laien, sondern auch aufseiten der Ärzte ist da ein blinder Fleck«, sagt er.

Der Psychologieprofessor Jürgen Margraf von der Universität Basel ermittelte, dass gerade einmal ein Prozent aller Patienten mit Angststörungen hierzulande die richtige Behandlung in Form von Psychotherapie oder Medikamenten erhält. Bis die Betroffenen kompetente Hilfe finden, haben sie meist eine jahrelange Odyssee durch das Gesundheitssystem hinter sich. Der durchschnittliche Angstpatient in Deutschland hat eine Vorgeschichte mit zehn Ärzten und sieben Jahren vergeblicher Therapie.