Volkskrankheiten Fehlalarm im MandelkernSeite 4/4

Nun sucht das limbische System, das Erfahrungen emotional bewertet, nach Lösungen. »Die sehen bisweilen bizarr aus«, sagt Hüther. Kindheitsmuster würden aktiviert. »Sie schmeißen mit der Tür, werfen sich auf den Boden, brüllen. Angriff, Flucht, dann folgt Erstarrung.« Insofern sei die Panikstörung »ein nicht sehr tapferer und kluger Weg, wieder einigermaßen Ordnung herzustellen – aber der einzig gangbare.«

»Besonders die Zuversicht«, sagt Hüther, »ist uns in den letzten Jahren in der Gesellschaft furchtbar weggebrochen.« Treiben womöglich die Meldungen über Klimawandel, Terror, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Menschen reihenweise in schwere Angststörungen? Holsboer warnt vor einer Trivialisierung des Angstbegriffs. Sorgen und Ängstlichkeit seien doch etwas anderes als eine manifeste Angststörung, wie Herr M. sie durchgemacht hat. Allerdings hänge von der Kultur und dem Zeitgeist ab, wo die Grenzlinie zum Krankhaften verlaufe. Studien haben gezeigt, dass die meisten Angstgestörten kaum Einbußen in der Lebensqualität hinnehmen müssen – anders als etwa die Depressiven. Mancher ist sogar mit »Unterstützung« des Leidens zu Höchstform aufgelaufen. Charles Darwin traute sich aus Angst vor Panikattacken nicht mehr auf die Weltmeere hinaus und formulierte zu Hause die Evolutionstheorie. Den menschenscheuen Robert Falcon Scott trieb die Sozialphobie zum Entdecken ins ewige Eis.

Nicht jeder Stress ist gleich eine unnatürliche Störung

Schon was die Menschen als Stressor bewerten, ist höchst variabel. »Ich kann da manchmal nur den Kopf schütteln, wenn ich sehe, was zum Stress erklärt wird«, sagt Holsboer. Jeder Druck werde als unnatürliche Störung angesehen: »Als wenn wir als höchstes Lebensziel ein stressfreies Leben brauchten.« Die Epidemiologen neigten dazu, zu viele Menschen als angstkrank zu betrachten. Holsboer kann nicht bestätigen, dass in letzter Zeit mehr Angstpatienten in seine Klinik strömen. »Die Pharmaindustrie ist natürlich überglücklich über Erhebungen, bei denen rauskommt, dass praktisch jeder Bürger ein Psychopharmakon haben sollte.«

Medikamente oder Therapie – bei dieser Frage prallen die unterschiedlichen Konzepte aufeinander. Wer die Kognition für die Ursache der Angst hält, bevorzugt psychotherapeutische Verfahren. Der neurobiologisch orientierte Therapeut hält auch Medikamente für wertvoll. In seinem Angstbuch beschreibt der Arzt und Diplompsychologe Borwin Bandelow die verwirrende Lage so: Der Psychoanalytiker empfiehlt eine tiefenpsychologische Therapie und rät von Medikamenten ab; der Landarzt hält nichts von »Psychogequatsche« und verschreibt Valium – was längst als Therapie zweiter Wahl gilt. Bevorzugt werden jetzt die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Bandelow plädiert für einen undogmatischen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel. Mit einer maßgeschneiderten Therapie sind die Erfolgsaussichten sehr gut. Sogar der Therapeut profitiert mitunter. »Die Arbeit in der Angstambulanz«, erzählt Bandelow, »macht übrigens Spaß.« Diese Patienten seien nicht selten »sensible, feinfühlige, charmante und interessante Mitbürger«. Und in kurzer Zeit könne man Behandlungserfolge sehen, »was in der täglichen Arbeit eines Psychiaters nicht gerade der Normalfall ist«.

Bücher zum Thema:
Bandelow, Borwin: Das Angstbuch (2004)
Rowohlt, Reinbek, Erschienen: 2004, ISBN: 3498006398.
Ein sehr praktischer Ratgeber, der alle Fragen um schwere oder leichtere Ängste beantwortet 

Schmidbauer, Wolfgang: Lebensgefühl Angst - Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen die Angst tun können
 Herder Verlag GmbH, Erschienen: 2005 ISBN 3451286157
Ein eher analytischer Ratgeber, der auch auf die gesellschaftlichen Umstände und Ursachen der Angst eingeht. 

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
    • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Medizin | Psychiatrie | Forschung | Depression | Angst | Phobie
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service