Auf den Schachverleger Manfred Mädler geht die Anregung zurück, Klopapierrollen mit Schachproblemen zu bedrucken. Gewissermaßen zweifach nützlich – zuerst wird noch der Geist angeregt, bevor das Ganze einer anderen Bestimmung zugeführt wird. Der begeisterte Problemkomponist Vladimir Nabokov hätte an dieser nicht nur anatomisch-topografischen Antinomie vermutlich seine Freude gehabt. Grafik erzeugt mit Chessbase 9.0 BILD

Daran musste ich jedenfalls denken, als ich in der Schachkulturzeitschrift Karl einen Aufsatz von Dr. Michael Negele über den im Alter von 97 Jahren gestorbenen Gedächtnis- und Blindschachkünstler Georges Koltanowski fand. Der hatte dieses von ihm selbst komponierte Problem (Weiß setzt in 2 Zügen matt) in endloser Folge auf eine Tapete gedruckt und zum Kauf angeboten. Bei aller Schachbegeisterung vielleicht doch etwas unruhig in größeren Räumen.

Im »Normalschach« wurde er zwar der beste Spieler Belgiens, aber aufsehenerregende Erfolge feierte er aufgrund seines außergewöhnlichen Gedächtnisses (er beherrschte acht Sprachen) nur im Blindschach. Es hieß, dass man gegen Koltanowski die gleichen Chancen habe, gleichgültig, ob er die Bretter vor Augen hätte oder nicht. 1937 spielte er gleichzeitig 34 Partien blind (natürlich alle gegen »sehende« Gegner), wobei er 24 gewann und 10 remisierte. Seine Frau war weniger beeindruckt: »Ich weiß nicht, wie er das schafft. Er vergisst doch sogar, einen Laib Brot mitzubringen.«

Ab 1939 lebte der jüdische Koltanowski in den USA. 1948 übernahm »Kolty« die Schachspalte des San Francisco Chronicle, die an fünf Tagen der Woche erschien. So schrieb er in 52 Jahren insgesamt 19980 Kolumnen und betreute noch weitere Zeitungen. Daneben hatte er eine halbstündige Fernsehsendung Koltanowski on Chess und spielte in Schulen, Gefängnissen und auf Luxuslinern, kurzum überall.

Unübertroffen war seine »Springerwanderung«. Für drei Schachbretter mit je 64 Feldern ließ er sich für jedes Feld vom Publikum einen Begriff zurufen, studierte das Ganze etwa fünf Minuten lang und ließ dann blind einen Springer über sämtliche 192 Felder wandern, wobei er jedes Feld nur einmal berührte und dabei den jeweiligen Begriff nannte. Verglichen damit, ist die Lösung des Problems doch ein Kinderspiel!