Ich habe einen Traum, und ich glaube, Gott träumt diesen Traum auch. Wir alle träumen ihn, denn jeder von uns ist ein Kind Gottes. Es ist der Traum von der großen weltweiten Familie, zu der wir alle gehören. Ich gebe zu, das klingt ziemlich schlicht und sentimental. Aber in Wirklichkeit ist es sehr radikal. Was heißt das denn: eine Welt, eine globale Familie? Es heißt, dass es keine Außenseiter gibt. Alle gehören dazu, Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Kluge und weniger Kluge, Schöne und nicht so Schöne, Unversehrte und Behinderte, Frauen und Männer, Schwule, Lesben und Heteros, einfach alle, ohne Ausnahme. BILD

Und stellen Sie sich vor: Ich träume, dass sogar Osama bin Laden und George Bush Mitglieder unserer Familie sind! Der israelische Premier Scharon und der palästinensische Präsident Abbas auch. Merken Sie jetzt, wie radikal dieser Traum ist?

Aber mein Traum wirft schwierige Fragen auf. Wenn wir wirklich alle dazugehören, wenn wir alle Brüder und Schwestern sind, wie können wir da Milliarden für Waffen ausgeben, für Werkzeuge des Todes? Wie können wir das tun, obwohl wir doch ganz genau wissen, dass schon ein Bruchteil dieser Milliarden reichen würde, dass unsere darbenden Schwestern und Brüder überall auf der Erde sauberes Trinkwasser, genug Essen, eine menschenwürdige Unterkunft, eine gute Schulbildung und eine angemessene Gesundheitsfürsorge hätten?

Eine Milliarde Erdenbürger müssen mit einem Dollar am Tag auskommen. Mit einem Dollar! Das ist lächerlich! Wie kann man von einem Dollar überleben? Wie soll sich davon eine ganze Familie ernähren? Warum schwadronieren wir eigentlich so viel darüber, wie man die Armut überwinden könnte? Warum handeln wir nicht einfach? Wissen wir denn nicht, dass die globale Kluft zwischen Armen und Reichen fatale Folgen hat? Sie macht unsere Welt zu einem gefährlichen Platz. Kriege brechen aus, weil die Menschen verzweifelt sind. Sie sind verzweifelt, weil sie hungrig, krank und arm sind. Ich träume von einer Welt ohne Krieg. Ja, ja, ich weiß, das klingt schon wieder ziemlich naiv. Aber ich höre nicht auf, von dieser Welt zu träumen. Von einer Welt des Teilens, nicht des Konkurrenzkampfes. Von einer Welt, in der nicht immer nur der Stärkste gewinnt. Von einer Welt, in der sich nicht wiederholt, was wir bei der Flutkatastrophe in New Orleans mit ansehen mussten. Das war alles andere als eine Familie. Da haben viele Menschen gelitten. Und einige mussten sterben, weil sie arm waren. Und vielleicht auch, weil sie schwarz waren.

New Orleans hat gezeigt, wie weit wir von dieser einen Familie entfernt sind. Aber ich träume weiter, immer weiter. Ich bin wirklich kein blauäugiger Optimist, aber ich habe Hoffnung. Warum? Weil wir letztendlich alle das gleiche moralische Universum bewohnen. Ist das nicht wunderbar?

Überlegen Sie mal: Wer sind denn die Menschen, die wir am meisten bewundern? Bei deren Anblick wir weiche Knie bekommen? Es sind nicht die starken, aggressiven, rücksichtslosen Zeitgenossen, nicht die Machos. Es sind bescheidene Leute, Leute wie Nelson Mandela, der Dalai Lama oder Mahatma Gandhi.

Wir spüren, dass sie gut sind. Wir alle haben eine Art Antenne, mit der wir ihre Güte empfangen können. Das Böse hingegen erweckt unseren Zorn. Wenn jemand ein Kind missbraucht. Wenn jemand Gewalt gegen Schwächere anwendet. Wenn sich jemand als Rassist versündigt. Aber das Böse ist das Abartige, am Ende wird das Gute siegen. Schauen wir nur in die Geschichte, auf die scheinbar allmächtigen Männer, auf Nero, Hitler, Mussolini, Franco, Idi Amin, auf die Erfinder der Apartheid. Sie dachten: We are running the show. Denkste. Ausnahmslos alle scheiterten, alle bissen ins Gras.

Aber bleiben wir einmal bei den Grausamkeiten der Geschichte: dem Holocaust, den so genannten ethnischen Säuberungen in Bosnien, dem Völkermord in Ruanda. Oder nehmen wir das, was sie hier in Südafrika unter dem Vorzeichen der Apartheid getan haben… Na ja, sie wollten uns nicht ausrotten, aber sie haben viele Leute umgebracht, sie behandelten Menschen wie Müll, und am Ende höhlten sie ihre eigene Menschlichkeit aus. Wie kann es zu diesen Grausamkeiten kommen? Sie entstehen, weil wir immer wieder versuchen, irgendwelche Grenzen zwischen uns zu ziehen. Zwischen Juden und Deutschen. Zwischen katholischen und protestantischen Nordiren. Zwischen weißen und schwarzen Südafrikanern. Gott aber sagt: Nein! Tut es nicht! Ich träume davon, dass wir alle Grenzen niederreißen. Denn meine Humanität beruht auf Ihrer und umgekehrt. Ubuntu nennen wir das in unserer Kultur. Es bedeutet: Ein Mensch wird nur durch andere Menschen zum Menschen.

Genau das lehrt die Bibel gleich am Anfang. Sie wissen schon, die Geschichte, als Gott Adam schuf und Adam im Garten lebte und eine fantastische Zeit mit all den Tieren hatte. Aber der gute Mann war trotzdem nicht rundum glücklich, also sprach Gott: Es ist nicht gut, dass der Mensch einsam sei. Und er schlug vor: Adam, wie wär’s, wenn du dir ein Kuscheltier unter deinen Mitgeschöpfen suchtest? Und Adam sagte gleich: Kommt überhaupt nicht infrage. Also ließ ihn Gott einschlafen, und dann – jeder kennt die Story – schuf er aus der Rippe Adams dieses umwerfende Wesen… Und als Adam erwachte, rief er: Wwwwow! Jetzt habe ich genau das, was mir der Doktor verschrieben hat!

Diese Geschichte lehrt: Wir sind aufeinander angewiesen. Wir sind in einem fein gewobenen Netzwerk verbunden. Wir sind eine Familie. Und jedes Mal, wenn wir das vergessen, bekommen wir eine Menge Scherereien. Das ist mein großer Traum, der Traum von der Weltfamilie.

Aber da fällt mir noch ein Traum ein, ein ganz kleiner. Ich wünschte, wir hätten Deutschland neulich beim Fußballländerspiel geschlagen. Aber ihr hattet ja diesen jungen Burschen, der drei Tore schoss, wie hieß er doch gleich? Podolski, richtig. Sehr gut. Sehr gut. Sehr gut. Aber ich hoffe, und das ist mein kleiner Traum, dass wir euch aufmischen, wenn ihr zur Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika kommt.

Gott segne euch!

Aufgezeichnet von Bartholomäus Grill