dossier Gefallen für unseren Frieden

Eines Tages zog Zahirul Islam aus Bangladesch in den Krieg. Als Blauhelmsoldat der UN im Kongo wollte er gutes Geld verdienen. Zu spät merkte er, dass man ihn verheizte

Als der Gefreite Zahirul Islam die Taschen packte, standen neben ihm seine Frau und sein Sohn. Seine Frau reichte ihm zehn Seifenstücke der Marke Imperial, im Dorf gekauft in einer Wellblechhütte. Reichte ihm mehrere Tuben Kool Shaving Foam, Deostifte der Marke Do it!, Talkumpuder von Pond’s. Reichte ihm das Nescafé-Glas mit den Medikamenten, sie hatte es in ihrer Sorge randvoll gestopft. Kein gesunder Mann braucht so viele Tabletten und Zäpfchen, nicht einmal in einem Jahr, aber seine Frau hätte Zahirul gern noch mehr mitgegeben, ihre Liebe, ihren Schutz. Es war unmöglich, die blaue Tasche war voll.

Sie traten vor die Tür des sandfarbenen Hauses aus Lehm, die Erde war aufgeweicht vom Monsunregen, er drohte das Haus wegzuspülen zwischen den Eukalyptusbäumen – Zahiruls Familie, seine Eltern, die sechs Geschwister, das Dorf im Norden Bangladeschs und seine 1000 Menschen. Zahirul hatte für sich und seine Frau ein neues Haus gebaut, eines aus Stein, wie es reiche Leute tun, näher am Dorfplatz, auf dem die Kühe grasen. Das Haus war aber nicht rechtzeitig fertig geworden.

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»Betet für mich«, sagte er zu Vater und Mutter, dem älteren Bruder, den fünf Schwestern. Zu seiner Frau und seinem Sohn sagte er: »Betet für mich, dann wird mir nichts geschehen.« – »Er hatte keine Angst«, sagt heute sein Bruder.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, den Vater rächen

Es war der 12. August 2004, ein Donnerstag, Zahirul fuhr zurück in die Kaserne. Er holte zwei Uniformen aus dem Spind, eine Jacke, zwei Hemden, hellblau und dunkelblau, vier Unterhemden in Tarnstoff, zwei Polohemden, weiß, einen Trainingsanzug, hellblau, eine kurze Hose, vier Paar Frotteesocken, sechs Taschentücher, drei Baseballmützen, zwei Barette, das zweite Stiefelpaar. Er nahm vier Lungis, bunte Wickelröcke, die in seiner Heimat auch Männer tragen, dazu den Rucksack, zwei Bettbezüge, Wolldecke, Blechtasse, zwei Plastikteller, Besteck, Moskitonetz, Taschenlampe, Reinigungsbürste. Er stopfte alles in die größere der beiden Taschen, tat den Gebetsteppich hinzu, die Gebetsmütze, den Schlafsack, den Regenmantel, das Survival-Kit mit Messer und Angelschnur und Tabletten, die man ins Wasser tut, um Keime zu töten – für den Fall, dass er im Dschungel verloren ging. Er dachte auch an das Erste-Hilfe-Set und vergaß nicht das Passfoto seiner Mutter.

Zahirul trug schwer, als er zum Flughafen von Dhaka fuhr, bereits im Kampfanzug. Gefreiter Zahirul Islam, 31 Jahre alt, Dienstnummer 4009330 der Armee von Bangladesch. Er schleppte klaglos, wie alle 450 Soldaten des 5. Infanterieregiments auf dem Weg in die Demokratische Republik Kongo, Ablösung für bereits dort stationierte Truppen. Von morgen an war Zahirul UN-Soldat. Er würde seinen Teil des Weltfriedens tragen – für Deutschland, die USA, für jene reichen Länder unter den 191 Mitgliedern der Vereinten Nationen, die es ablehnen, das Leben ihrer Söhne in Afrika zu riskieren. Die vor allem Geld geben, sich freikaufen von der moralischen Verpflichtung. Seit Ende der achtziger Jahre waren junge Männer aus Bangladesch unter der Flagge der Vereinten Nationen in 30 Länder ausgerückt. Nun standen sie im Kongo, in Sierra Leone, Liberia, an der Elfenbeinküste, in Äthiopien, im Sudan. Sie trugen schwer an dieser Aufgabe, wie Zahirul.

Es war seine erste Auslandsreise, und sie führte ihn an einen Ort außerhalb seiner Vorstellungskraft. Auch die Aussicht, ein Jahr lang nicht nach Hause zu kommen, erhöhte das Gewicht seiner Taschen. Nur Stolz linderte die Last. Alle Ausrüstungsgegenstände mit UN-Aufdruck – die Polohemden, die Bettwäsche, den Trainingsanzug – hatte er selbst bezahlt.

»Er ging für Bangladesch«, sagt sein Vater.

Die Familie sitzt vor dem Haus aus Lehm, Zahirul ist seit mehr als einem Jahr fort. Die Wände des Hauses, das Dach, alles scheint der Erde entwachsen, dem Boden, der den Reis großzügig nährt und den Bauern nur das Nötigste gibt. Jeder Zweite ist ohne Arbeit in dem kleinen Land am Golf von Bengalen, kann nicht lesen, schreiben. Zahiruls Familie gehört nicht zu den Ärmsten, zur Reisernte stellt sie ein Dutzend Tagelöhner ein. Der jüngste Sohn wollte trotzdem weg aus dem Dorf Mashimpur Chalunga, die schlammigen Wege hinter sich lassen, die Hütten aus Lehm. Mit 19 kehrte er dem Dorf den Rücken, er wurde Berufssoldat. Seine Eltern sagten ja ohne Bedenken. Zahirul lebte in Kasernen, tat Dienst bei immer neuen Regimentern. Nach Hause kam er nur alle paar Monate, auch als er später verheiratet war.

Sein Bruder Hamidur sitzt auf einem wackligen Holzstuhl, in Hemd, Anzughose, mit polierten Schuhen. Er ist der Einzige, der lächelt. Wenn er den Mund öffnet, dann, um Gutes zu sagen. Zahiruls Schicksal hat Größe, Bedeutung. Der Bruder ist zwölf Jahre älter, klein gewachsen, zu klein für die Armee. Er arbeitet bei einer Versicherung. Die Mutter blickt düster und schweigt.

Die Frau, die der jüngste Sohn liebte, heißt Samsunnahar. Sie ist schmal, kindlich, 26 Jahre alt. Ihre Name bedeutet »Sonnentag«. Zahiruls bester Freund arrangierte die Ehe, sie sprachen kein Wort vor der Hochzeit, da war er schon sieben Jahre Soldat. Samsunnahar hat die Augen niedergeschlagen, auf dem Schoß sitzt der Sohn. Ihr Kleid ist lang und braun. Kopf und Brust sind mit einem weißen Tuch umschnürt. Sie trägt ein Foto bei sich, aufgenommen kurz vor dem Abschied. Sie hat es in Kunststoff schweißen lassen: Zahirul im weißen Hemd, neben ihr. Er hatte sanfte Augen, einen ernsten Mund. Seine Brauen sind zweifelnd hochgezogen. Sie blickt vorwurfsvoll, er melancholisch, als wäre er in Gedanken schon fort.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, Vater rächen. »Er wird Arzt«, sagt die Mutter.

Das Flugzeug der Linie Orient Thai, in das Zahirul stieg, flog nach Bangkok, das Essen war scharf gewürzt. Das nächste Flugzeug blieb lange in der Luft. Das dritte, ein UN-Transporter, sank nieder in einer Stadt voller Straßenkinder und verrotteter Kolonialgebäude. Zahirul und die anderen 33 Soldaten seiner Einheit bezogen in einer Kaserne Quartier. Zahirul bekam noch mehr zu tragen: eine schusssichere Weste, zwölf Kilogramm. Einen Helm, zwei Kilogramm. Eine AK 47, chinesische Maschinenpistole mit ausklappbarem Bajonett, vier Kilogramm, dazu 120 Schuss Munition, zwei Handgranaten. Er war in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, wo seit zwei Jahren offiziell Frieden herrschte.

Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist natürlich bewegend geschrieben. Ich frage mich aber, warum dieser personalisierte Erzählstil -Reportagestil- mittlerweile von allen gängigen Magazinen und Zeitungen für notwendig erachtet wird?
    Man könnte ja die gleichen Fakten auch ohne die emotionale Verpackung präsentieren.
    Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung alleine, aber ich möchte von den wenigen Qualitätsmedien weniger unterhalten oder emotionalisiert werden als vielmehr Hintergründe recherchiert zu wissen und mich möglichst neutral zu informieren.

    Das ZEIT-Dossier bewegt sich meiner -unregelmäßigen- Perzeption nach immer weiter weg von der Information hin zum Infotainment, inhaltlich wie sprachlich. Um die 100 Wünsche um den -zigsten zu ergänzen: Ich würde mir wieder mehr Information und weniger "human touch"-Geschichten wünschen.

  2. 2. ..

    Mir ging es nicht darum, die Themenwahl zu kritisieren, sondern die Aufbereitung. Die personalisierende Erzählweise birgt für mich die Gefahr, eine unterschwellig einseitige Konfliktwahrnehmung zu erzeugen: Die kongolesischen Milizen als "die Bösen", aber kaum Informationen über das, was sie antreibt (morden da 10.000 MIlizionäre nur aus Spaß am Töten?) - und wieso ist Zahirul Islam eigentlich gefallen für "meinen" Frieden?
    Ich würde gerne mehr über die Hintergründe und Schwierigkeiten dieser UN-Mission und die verworrene Lage im Kongo erfahren und weniger über das scharf gewürzte Essen an Bord des Militärflugzeugs und die Mücken auf dem Weg zur Dusche, das ist alles. Denn wie der Autor selbst schreibt - für Zahirul war die Lage im Kongo schwer zu verstehen. Für mich nicht minder.

    • MCVFFO
    • 03.01.2006 um 21:00 Uhr

    Mehrere Millionen Menschen sind für den Frieden gefallen! Vergessen wir diese Menschen nie! Viele Nationen in natioanlen Befreiungskämpfen!

    Noch mehr sind für die Interessen des raffgierigen Kapitals umgekommen.

    Ich war 20 Jahre Soldat in einer Armee, die nicht einen Krieg geführt hat. Diese Armee war zum Schutz der Arbeiter und Bauern da. Als die Arbeiter und Bauern diese nicht mehr wollte, gaben die Soldaten die Waffen den ehemaligen Feinden. Kampflos nach über 40 Jahren Frieden in Deutschland! Darauf bin ich stolz. Da habe ich Anteil dran!

    2001 wollte ich wie Zahirul Geld verdienen beim UN -Minenräumen in Cambodia!
    Ich lebe noch und bin unversehrt!
    Grund: Ich verließ nach 5 (fünf) Tagen Cambodia. Die Lage war wie im Kongo. Es gab in den durch die US-Invasoren verminten Gebieten noch die "Roten Khmer", die es eigentlich seit 1998 nicht mehr geben sollte. Ich sah nur "Rote Khmer" mit Waffen um mich. Die schoben mit Rauschgift und sollen immer ohne Ansehen der Person handeln, wenn man nichts mitnimmt! Von Minen zerrissene Beine - also keine Beine - bei Cambodianern wohin das Auge blickte. Amerikaner sah ich keine, auch nicht beim Minenräumen.
    Ich nahm den nächsten Flieger nach Hause! Feigheit? Nein, ich bin zwar Spezialist, aber auch Realist!
    Danke für den Artikel!
    Ich möchte, das noch mehr Menschen Herr über ihr Gehirn sind!

  3. Auf diesen Satz habe ich sehr lange gestarrt.

    Dank an den Author.

    • MCVFFO
    • 03.01.2006 um 21:05 Uhr

    Zu: Durchwachsen LJenssen

    Wer dem Kriegstod in die Augen sehen konnte und noch lebt, der wünscht sich alles, damit andere es nicht auch tun müssen. Egal wie es journalistische angestellt wird, es muss beim Menschen etwas hängen bleiben, damit der Kopf das Richtige findet.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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